Aktuell Honduras 06. Oktober 2009

Journalisten in Honduras: "Jetzt wissen sie, wer wir sind"

Augenzeugenbericht von Marvin Ortiz, Journalist beim Radio Globo, Honduras
Honduras: Radio Globo

Honduras: Radio Globo

Am Montag, um fünf Uhr morgens begannen wir mit unserem Nachrichtenprogramm, das von fünf bis acht Uhr läuft und vom Sendeleiter sowie zwei Journalisten gemacht wird. Gegen 5:20 Uhr hörten wir Schläge an der Tür und wie jemand schrie: "Raus hier!"
Es handelte sich um Polizisten und Soldaten, die gekommen waren, um die gesamte Radioausrüstung zu beschlagnahmen.

Meine Kollegen hörten, wie Schüsse auf das Türschloss abgefeuert wurden, um sich gewaltsam Zutritt zum Sender zu verschaffen. Daraufhin sprangen einige Journalisten aus dem dritten Stock, wo sich die Radiostation befindet. Sie leiden noch heute unter ihren Verletzungen. Zum Glück wurden sie von einer Person auf der Straße bemerkt, die ihnen erste Hilfe leistete und an einen sicheren Ort brachte.

Polizisten beschlagnahmen die Ausrüstung

Nachdem die Soldaten und Polizisten die Radiostation ohne Durchsuchungsbeschluss betreten hatten, nahmen sie alle Gegenstände mit, die für den Betrieb des Radios nötig sind: Computer, Mikrofone, Mischpulte, Telefonanlage, Verstärker und sogar die Antennen. Sie zerstörten den Redaktionstisch und nahmen alles in einem Polizeitransporter mit.

Danach besetzten sie das Gebäude, in dem außerdem noch die staatliche Meldebehörde, das Registro Nacional de las Personas, untergebracht ist. Als die Behördenangestellten zur Arbeit erschienen, hinderte sie die Polizei am Betreten des Gebäudes. Sie durften lediglich ihre Chipkarten für die Zeiterfassung einlesen und wurden nach Hause geschickt.

Journalisten werden bedroht und beschimpft

Ich kam gegen sieben Uhr zusammen mit einer befreundeten Kollegin am Radio an. Sofort begannen die Belästigungen seitens der Polizisten und Soldaten. Wir wurden bedroht und angepöbelt, fotografiert und beschimpft.

Mehreren Journalisten, die über die Schließung des Radiosenders berichteten, wurde die Ausrüstung abgenommen, einige wurden inhaftiert.

Alle verließen das Gebäude gegen 9 Uhr.

Recht auf Meinungsfreiheit wurde eingeschränkt

All dies geschah auf Grundlage eines Erlasses der De-facto-Regierung von Roberto Micheletti, welcher die in der Verfassung garantierten Rechte der Honduraner außer Kraft setzt und die freie Meinungsäußerung einschränkt. In diesem Erlass wurden sowohl Radio Globo als auch Canal 36 , eine Fernsehstation, die auch nicht mehr sendet, ausdrücklich erwähnt.

Nach dem Staatsstreich war es die Position von Radio Globo, über die Geschehnisse in unserem Land so zu berichten, wie sie tatsächlich passiert sind. Wir verurteilen den Staatsstreich. Wir stellen den Menschen einen Raum zur Verfügung, wo sie ihre Meinung frei äußern und ihre Beschwerden vortragen können.

Insgesamt arbeiten ca. 50 Personen bei Radio Globo: Reporter, Sprecher, Techniker und Verwaltungsangestellte. Wir werden verfolgt und es herrscht eine große Angst. Zu keinem Zeitpunkt können wir uns noch sicher fühlen.

Viele Menschen haben sich in der Nähe des Radiogebäudes versammelt, um gegen die Schließung zu protestieren.

Heute sendet das Radio nur noch im Internet unter www.radiohonduras.com. Gestern hatten wir um die 400.000 Zuhörer. Die Menschen sind sehr daran interessiert, was mit dem Sender passiert.

Nachdem mehrere Menschenrechtsorganisationen interveniert hatten, beschloss der Militär- und Polizeiapparat die Besetzung des Senders aufzugeben. Eine Gruppe von Rechtsanwälten versucht jetzt durchzusetzen, dass der Sender seinen Betrieb ohne jegliche Beschränkung der freien Meinungsäußerung wieder aufnehmen kann.

Heute befinden sich lediglich die Radiosprecher im Gebäude. Wir müssen weiterhin über das Internet senden, da der Erlass uns untersagt, die Radiofrequenzen zu benutzen.

Weiterhin werden Journalisten bedroht und verhaftet. Doch wir Reporter setzen unsere Berichterstattung fort. Wir müssen vor Ort sein, auch wenn dies gefährlich werden könnte. Dennoch begleitet uns die ständige Furcht vor Repressalien, insbesondere da sie jetzt wissen, wer wir sind. Sie wissen, dass wir die Belegschaft von Radio Globo sind.

Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unserem Beruf, unseren Familien und gegenüber der Bevölkerung.

Trotz allem werden wir weitersenden und Informationen liefern.

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