08. Oktober 2018

Wana Limar über das Verbot der Diskriminierung (Artikel 2)

Porträt von einer Frau in weißer Bluse, die vor grauen Hintergrund steht

Wana Limar – Moderatorin und Videoproduzentin

Nach meinen ersten öffentlichen Auftritten wurde ich gefragt, ob ich schon einmal Diskriminierung erfahren habe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich mit dem Thema nie bewusst auseinandergesetzt, und daher meist schnell geantwortet "nein, nie so richtig". Je länger ich allerdings darüber nachdachte, umso bewusster wurde mir, dass es bei Diskriminierung nicht nur um gewalttätige Übergriffe oder extreme Beleidigungen geht. Heute würde ich sagen, dass ich das Gefühl, Diskriminierung zu erfahren, nie richtig losgeworden bin.

Das hängt damit zusammen, dass ich als Tochter afghanischer Flüchtlinge in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft groß geworden bin, anders aussehe, anders heiße. Ich habe wahrscheinlich Glück, in einer so multikulturellen Stadt wie Hamburg aufgewachsen zu sein. Im Alltag wird man dennoch mit Diskriminierung konfrontiert, zum Beispiel in der Schule, wenn der Lehrer ausgerechnet dir keine Empfehlungen schreibt oder deine Mitschüler dich als "Kanake" beschimpfen, du mit deiner Familie ins Schwimmbad oder in den Park gehst. Generell hat man immer das Gefühl, unter ständiger Beobachtung und Generalverdacht zu stehen, und sich als "guter Ausländer" beweisen zu müssen.

Solche Situation lösen in mir zwiespältige Gefühle von Heimat und Heimatlosigkeit aus: Auf der einen Seite bin ich hier zu Hause, auf der anderen Seite hatte ich immer das Gefühl, mir einen Platz am Tisch erkämpfen zu müssen. Und ich kann mir gut vorstellen, wie frustrierend es für Menschen ist, die das noch viel offensichtlicher und offensiver als ich erlebt haben.

In diesem Video spricht Wana Limar über das Verbot der Diskriminierung

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Diskriminierung schafft künstliche Grenzen und gibt Menschen das Gefühl nicht gleichwertig zu sein, nicht respektiert zu werden. Wenn wir dieses Gemeinschaftsgefühl nicht haben, fühlen wir uns heimatlos. Damit meine ich eine Art Orientierungslosigkeit, man kommt nie nirgendwo richtig an oder kann andocken.

Darunter leidet das Selbstwertgefühl, denn wir glauben, dass wir keinen Platz haben, weder in dieser Gesellschaft und noch auf dieser Welt. Diese Orientierungslosigkeit zusammen mit dem Gefühl der Wertlosigkeit, führt zu Frust, Wut und Resignation. Eine Gesellschaft kann mit solchen Voraussetzungen nicht funktionieren, sie bricht in sich zusammen.

Wir brauchen deshalb ein einheitliches Verständnis von Menschsein, Akzeptanz und Liebe. Menschen haben das Recht und die Freiheit, so sein zu können, wie sie wollen. Meine Utopie der Zukunft sieht so aus: Wir leben in einer fortschrittlichen Welt, in der sowohl politische Grenzen, das Konzept der Klassengesellschaft als auch Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Sexualität, Religion, oder Alter überwunden werden, Technologie und Spiritualität sind vereint. Alle Menschen haben Zugang zu Bildung, zu Nahrung, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und einem sicheren Ort auf dieser Welt. Das ist nicht verrückt, das ist gerecht.

Den meisten von uns ist gar nicht bewusst, dass wir diese Rechte haben und was sie im Detail bedeuten. Hier müssen wir im Kleinen anfangen, ein Bewusstsein dafür schaffen und mit Freunden darüber reden. Auch Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, können ihre Communities für diese Thematiken sensibilisieren und daran arbeiten, Ignoranz abzuschaffen. Da schließe ich mich selbst mit ein: Ich muss ebenso lernen, die Meinung anderer zu akzeptieren und nicht immer zu glauben, dass ich alles besser weiß. Zuhören hilft.

Wana
Limar
Moderatorin und Bloggerin

Wenn Personen beispielsweise Vorurteile gegenüber Muslimen haben, dann kennen sie oftmals gar keine. Und es reicht nicht, ein oder zwei muslimische Arbeitskollegen zu haben. Man muss sich austauschen und Gespräche über den Smalltalk hinaus führen. Die Realität ist, dass Männer oder Frauen, bei denen man einen muslimischen Hintergrund vermutet, in dieser Gesellschaft die doppelte Energie aufbringen müssen. Das sehe ich in meinem Umfeld, in meiner Familie, mit meinen Freunden. Du hast schlechtere Bewerbungschancen und generell schlechte Chancen, irgendwo einen Job zu bekommen. Dieses Gefühl, irgendwie Ausländer in Deutschland zu sein und auch zu bleiben, fühle ich auch. Man kann dieses Gefühl nie ganz abschütteln, selbst wenn mir Leute begegnen und mich unvoreingenommen als "Deutsche" behandeln.

Ich wünsche mir, dass Menschen grundsätzlich offener und verständnisvoller gegenüber anderen Kulturen sind. Weltoffen zu sein, über andere Länder und Menschen etwas erfahren zu wollen, erweitert den Horizont und hilft dabei, die eigenen Einstellungen nochmals zu überdenken. Nur so kann man wachsen. Ich glaube dabei an die Macht des Einzelnen, in dem Sinne, dass jeder und jede Einzelne etwas bewirken kann. Und auch bewirken muss. Die kleinen Dinge machen den Unterschied, auch wenn das nach einem Klischee klingt.

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