Amnesty Journal Großbritannien und Nordirland 31. Januar 2017

"Als würde einem die beste Freundin den Rücken kehren"

"Als würde einem die beste Freundin den Rücken kehren"

Amnesty Journal Feb/März 2017

Zack Adesina hat eine Kurzdokumentation über die Auswirkungen des britischen Referendums für einen EU-Austritt gedreht. Sein Film »Brexit Hate« befasst sich mit den Folgen für die Migranten in Großbritannien.

Interview: Jürgen Kiontke

Ihr Dokumentarfilm befasst sich insbesondere mit den Auswirkungen des Brexit-Votums auf Arbeitsmigranten aus Osteuropa. Wie ist es dieser Gruppe seit der Abstimmung im Juni 2016 ergangen?

Es gibt zahlreiche Osteuropäer, die aus London weggezogen sind oder planen, London zu verlassen. Eine der eindrucksvollsten Charaktere ist eine Frau, die seit vielen Jahren in Großbritannien lebt, arbeitet und Steuern zahlt. Sie sagt, dass sie sich seit dem Volksentscheid für den Austritt aus der Europäischen Union von dem Land, in dem sie lebt, zurückgewiesen fühle: »Es ist so, als würde man eines Morgens aufwachen und feststellen, dass die beste Freundin einem plötzlich und ohne Erklärung den Rücken gekehrt hat. Ich kann nicht aufhören zu weinen.«

Diese Aussage zeigt deutlich, dass viele Osteuropäer in den vergangenen 20 Jahren nicht nur wegen der Arbeit gekommen sind. Sie haben tiefe Wurzeln geschlagen, sind eng mit Briten befreundet, haben Familien gegründet. Und plötzlich fühlen sie sich nicht mehr sicher, ihr Status ist ungewiss. Die Folge sind Furcht, Misstrauen und Wut. Ich versuche in dem Film, diese emotionale Zerrissenheit aufzuzeigen.

Was war der Auslöser für diesen Film?

Das Filmkonzept entstand eigentlich schon lange vor dem EU-Referendum. Bereits seit einigen Jahren konnte ich beobachten, dass mein Land sich unter der polierten und stillen Oberfläche langsam veränderte. Eine seltsame Art von Nationalismus hat sich in Großbritannien breitgemacht – aufgrund sozialer Ungleichheiten und stark befeuert durch das rechte wie auch das linke politische Spektrum: ein Nationalismus, der auf Separatismus statt Einheit setzt.

Das ist der Grund, weshalb wir nun an dem Punkt sind, dass manche Leute stolz sind auf ihren offenen Rassismus gegenüber Osteuropäern. Und es ist auch der Grund, warum einige nationale Zeitungen Anti-EU-Schlagzeilen drucken, die selten auf Fakten basieren. All dies kam in Verbindung mit dem Brexit-Votum ans Licht, und da dachte ich mir, jetzt ist die richtige Zeit für den Film, jetzt muss gezeigt werden, wie sich all dies auf Migranten auswirkt und weshalb sie Großbritannien den Rücken kehren und in andere Länder gehen, in denen sie sich gewürdigt und sicherer fühlen.

Gibt es mehr rassistische Übergriffe auf Migrantinnen und ­Migranten?

Ja, die Zahl der von der englischen und walisischen Polizei registrierten Hassverbrechen hat stark zugenommen: In den beiden Wochen vor der Volksabstimmung und am Tag des Referendums, dem 23. Juni, wurden gut 1.500 rassistisch oder religiös motivierte Straftaten begangen – das ist ein Anstieg um etwa 41 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. In unserem Land gibt es Menschen, die täglich beleidigt, eingeschüchtert und manchmal sogar tätlich angegriffen werden.

Gibt es Gruppen in Großbritannien, die besonders gefährdet sind?

Jede Person, die erkennbar anders ist und möglicherweise wie ein Migrant aussieht, kann das Ziel solcher Attacken werden. Im Juni 2016 wurde in den britischen Medien über eine ältere deutsche Frau berichtet, die seit 43 Jahren in Großbritannien lebt und nun traumatisiert ist, nachdem sie Opfer eines fremdenfeindlichen Übergriffs wurde – ihre Haustür wurde mit Hundekot beworfen und ihr wurde gesagt, sie solle nach Deutschland zurückgehen.

Im Oktober wurde ein muslimisches Mädchen in einem Londoner Bus von einem Mann angegriffen, der »Brexit« gerufen haben soll. Eine Umfrage hat ergeben, dass zwölf Prozent der in Großbritannien lebenden polnischen Staatsangehörigen nach dem Brexit-Votum mit feindseligen Haltungen konfrontiert wurden. Der Hass scheint sich gegen alle möglichen Migrantengruppen zu richten.

Sind auch andere Gruppen betroffen?

Es gibt keine offiziellen Angaben zu Hasskriminalität in Verbindung mit dem Brexit gegen Personen, die keine Migranten sind. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es in dieser Hinsicht kein Problem gibt. So berichten zum Beispiel Angehörige von LGBTI-Gruppen über mehr Angstgefühle und Angriffe seit dem Brexit-Votum. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Fremdenfeindlichkeit leicht außer Kontrolle gerät: Heute werden Migranten verfolgt, morgen wendet man sich gegen eine andere Gruppe – und was kommt dann?

Wie reagieren Polizei, Justiz und Medien auf solche Taten?

In den Zeitungen geht es hauptsächlich um Rowdys, die Migranten auf der Straße angreifen; um Jugendliche, die Personen mit ausländischem Akzent oder ausländischer Erscheinung anpöbeln. Fremdenfeindlichkeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf öffentliche Plätze und sichtbare Vorfälle. Der gutbürgerliche Geschäftsinhaber, der keine polnischen Arbeiterinnen oder Arbeiter anstellen möchte, oder die Cafébesitzerin, die sich weigert, einen indischen Kunden zu bedienen, tauchen in der Statistik nicht auf. Und doch gibt es viele Einzelbeispiele, die darauf hindeuten, dass sich solche Vorfälle täglich ereignen.

Gab es auch britische Staatsangehörige mit Migrationshintergrund, die für den Brexit gestimmt haben?

Eine der Eigentümlichkeiten des EU-Referendums war die hohe Zahl an schwarzen und asiatischen Briten, die für den Austritt aus der EU gestimmt haben. Manche befürchten, von den osteuropäischen Migranten verdrängt zu werden, die sich in jüngster Zeit niedergelassen haben. Vor dem Referendum wurden an die Besucher der East-London-Moschee in Whitechapel Flyer verteilt und E-Mails verschickt, in denen Muslime aufgefordert wurden, für den Austritt aus der EU zu stimmen, um »sicherzustellen, dass die örtlichen osteuropäischen Gemeinschaften von Christen und Katholiken nicht noch stärker werden«. Viele bereuen nun, dieser spalterischen Rhetorik nachgegeben zu haben.

Wie steht die Regierung zu den Menschenrechten?

Den Behörden scheint die Zunahme von Rassismus ernsthaft Kopfzerbrechen zu bereiten. Der neue muslimische Bürgermeister von London, Sadiq Khan, hat eine Nulltoleranzpolitik gegen jeden Versuch der gesellschaftlichen Spaltung angekündigt, und nach Angaben der Polizeibehörde des Großraums London hat sich die Zahl der Festnahmen wegen Hassverbrechen seit dem Referendum um 75 Prozent erhöht.

Doch letztlich basiert der Schutz vor Hassverbrechen in Großbritannien auf dem gültigen Menschenrechtsrahmen: dem Schutz der Menschenwürde und der Gleichbehandlung aller. Mit dem Austritt aus der Europäischen Union ist der Schutz dieser Rechte jedoch möglicherweise gefährdet. Denn einige Politiker, die den Brexit befürworten, haben vorgeschlagen, dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte den Rücken zu kehren. Allerdings wäre ein solcher Schritt mit sehr komplexen Prozessen verbunden und würde bei dem Teil der Bevölkerung, der diese Schutzgarantien für nicht verhandelbar hält, auf heftigen Widerstand stoßen.

Gibt es Bewegungen zum Schutz von Migranten?

In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche Demonstrationen gegen den Brexit und die damit einhergehende fremdenfeindliche Rhetorik. Dieser Widerstand wird hauptsächlich von den »Millennials« angeführt, der jungen Generation. Junge Leute engagieren sich jetzt stärker politisch.

Wie haben Sie abgestimmt: für oder gegen den Brexit?

Ich habe für den Verbleib in der EU gestimmt, weil mein ­geliebtes Großbritannien ein weltoffenes Land ist. Ich bin hier geboren und afrikanischer Abstammung. Meine Adoptiveltern sind weiß und britisch. Ich war mit Kindern aus Frankreich, Schweden, Deutschland und Indien in der Schule. Jetzt, als Erwachsener, habe ich Freunde in London, die aus aller Welt kommen. Das ist das Großbritannien, mit dem ich mich identifiziere, denn ich bin der Überzeugung, dass Diversität unser Land besser, stärker, sicherer und reicher macht.

Zack Adesina, britischer Journalist, arbeitet für die BBC als Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen

Zack Adesina, britischer Journalist, arbeitet für die BBC als Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen

Zack Adesina Der 39-jährige britische Journalist arbeitet für die BBC als Regisseur und Produzent von Dokumentar­filmen. Ehrenamtlich engagiert er sich für den »Albert Kennedy Trust«, der lesbische, schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Jugendliche und junge Erwachsene unterstützt. Adesinas Bericht über osteuropäische Migranten findet sich im BBC-Archiv ­unter: www.bbc.co.uk/programmes/p046x5vl

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Februar 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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