Amnesty Journal Guatemala 28. März 2017

Rap against Rape

Rapperin Rebeca Lane, 32, aus Guatemala

Rapperin Rebeca Lane, 32, aus Guatemala

Hip-Hop ist Macho-Musik? Nicht für Rebeca Lane. Die Sängerin aus Guatemala-Stadt rappt gegen sexualisierte Gewalt, für die Rechte der Frauen und über die Verbrechen des Bürgerkriegs – in einem Land, das eine der weltweit höchsten Raten an Frauen­morden aufweist.

Von Daniel Bax

Wenn Rebeca Lane irgendwo ein Konzert gibt, wo sie noch nie zuvor aufgetreten ist, ob vor Studenten in den USA oder in einem Club in Berlin, dann bietet sie vor Beginn gern einen Workshop an, um über die aktuelle Situation in Guatemala zu informieren. »Ich möchte meine Musik gern in einen Kontext setzen«, erklärt sie nach ihrem ersten Auftritt in Berlin im Foyer ihres Backpacker-Hotels. »Und dazu gehört, dass Zentralamerika für Frauen eine der gefährlichsten Gegenden der Welt ist. Guatemala weist eine der höchsten Raten an Frauenmorden weltweit auf.«

Rebeca Lane ist klein und hat schwarze Locken, trägt einen Nasenring und Tätowierungen auf Armen und Beinen, häufig einen Trainingsanzug und manchmal eine Brille. Damit wirkt sie zugleich street tough und intellektuell, und das ist sie auch, denn die 32-Jährige ist nicht nur Rap-Poetin und Aktivistin, sondern auch studierte Soziologin. Mit ihren Songs erhebt sie die Stimme gegen diese geschlechtsspezifische Form der Gewalt, für die es heute sogar ein eigenes Wort gibt: Femizid.

»Ich war bloß ein Hip-Hop-Fan, der an Festivals teilgenommen und sich viele Jahre in der Szene engagiert hat«, erzählt sie. »Dann habe ich Soziologie studiert und Essays über die Hip-Hop-Kultur verfasst, bekam eine eigene Radio-Sendung, und so wurde ich bekannt.« Doch seit sie sich als Feministin bezeichnet, wird sie von der Hip-Hop-Community in Guatemala geschnitten und nicht mehr auf deren Festivals und Events eingeladen. Dafür erfährt sie viel Zuspruch von Frauengruppen, Feministinnen und dem Rest der Musikszene. »Auch im Ausland habe ich viele Fans, bekomme viel Liebe und Aufmerksamkeit«, sagt Rebeca Lane.

Bekannt wurde Rebeca Lane mit dem Song »Cumbia de la Memoria«, der an die Verbrechen während des 36 Jahre währenden Bürgerkriegs und die genozidalen Massaker an der indigenen Maya-Bevölkerung erinnert. Obwohl der Bürgerkrieg in Guatemala offiziell 1996 endete, sind diese Verbrechen nie aufgearbeitet worden, geschweige denn gesühnt. Auch eine Tante von ihr wurde 1981 entführt und blieb seitdem verschwunden.

Der Song findet sich auch auf ihrem neuen Album »Alma Mestiza« (»Mestizo-Seele«), neben Emanzipationshymnen wie »Este cuerpo es mío« (»Dieser Körper gehört mir«) und der Reggae-Ballade »Desapericidxs«, einer Ode an die »Verschwundenen«.

Bewusst greift Rebeca Lane für ihren melodischen Hip-Hop auf indigene und andere lokale Einflüsse zurück. »Ich bringe das afro-lateinamerikanische Erbe zurück in die Hip-Hop-Musik«, erklärt sie selbstbewusst. »Wir haben in Lateinamerika so eine reiche Tradition, unsere ganze Musik ist eine Musik des Widerstands.« Und auch die Hip-Hop-Kultur sei von Anfang an lateinamerikanisch geprägt gewesen, sagt Rebeca Lane. »Die ersten B-Boys waren Latinos, und Breakdance geht nicht zuletzt auf afro-lateinamerikanische Einflüsse zurück. Aber MTV hat Hip-Hop so aussehen lassen, als ob es nur ein schwarzes Ding wäre.«

In ärmeren Stadtvierteln von Guatemala-City bringt Rebeca Lane heute jungen Frauen als Hip-Hop-Lehrerin bei, ihren eigenen Weg zu finden. »Manche Männer mögen das nicht«, sagt sie. »Sie warnen die Mädchen: ›Geh da nicht hin, du wirst sonst lesbisch‹«, erzählt sie. »Bei uns herrscht große Armut, und wo es an Bildung fehlt, befördert das die Ignoranz. Und die Männer bei uns haben Angst vor selbstbewussten Frauen«, analysiert sie die Gründe für die ausgeprägte Macho-Kultur in Mittelamerika. Mit ihrer Musik setzt sie ein Gegengewicht.

Rebeca Lane: Alma Mestiza (Mi Cuarto Studios)

Dieser Artikel ist in der Ausgabe April/Mai 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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