Amnesty Journal Deutschland 27. März 2017

"Als ob ich keine eigene Meinung hätte"

Zeichnung von Nhi Le, 22, Bloggerin

Zeichnung von Nhi Le, 22, Bloggerin

Rassismus in Deutschland I: Nhi Le (22) arbeitet als Model, Bloggerin und Slampoetin in Leipzig. Die in Ostdeutschland aufgewachsene Deutschvietnamesin wird von Männern immer wieder mit Sex-Fetisch-Anfragen belästigt.

Protokoll: Andreas Koob

Mein Ordner »Sonstiges« bei Facebook ist voller ekliger Anfragen. Viele schreiben mir wegen irgendwelcher Fuß-Fetisch-Wünsche, andere sprechen vom »fernöstlichen Traum« oder davon, dass sie meine Augenform lieben. Das sind alles Dinge, die mich in eine Exotik-Fetisch-Ecke drängen. Die Nachrichten kommen oftmals von mittelalten weißen Männern, die sich denken, »der Kleinen« kann ich doch mal schreiben. Dafür gibt es ja den Begriff »Yellow Fever«, der eine Art von Fetisch, insbesondere von Männern gegenüber südostasiatischen Frauen, beschreibt. Diese Männer haben eine konkrete Vorstellung davon, wie ich als »asiatische Frau« zu sein habe.

Vieles davon hat vermutlich mit medialer Konstruktion zu tun. Südostasiatische Frauen werden als unterwürfig, zierlich und non-stop-sexhungrig dargestellt. Spielraum gibt es da kaum: Die extrem intelligente Streberin, das sexhungrige Monster, die verwegene Drachenlady oder die »Jungfrau in Nöten«, die nur darauf wartet, gerettet zu werden, um Sex zu bekommen, und dafür dankbar ist. Ausgehend davon projizieren Männer solche rassistischen und sexistischen Stereotype auch auf mich, während ihnen meine Persönlichkeit völlig egal ist.

Mir wird von außen zugeschrieben, wie ich zu sein habe, mein Körper zu sein hat. Diese Fremdzuschreibung und Fremdbestimmtheit des eigenen Körpers macht für mich diese spezifische Überschneidung von Rassismus und Sexismus aus. Als Kind habe ich Rassismus weniger wahrgenommen. Dafür habe ich erst in der Pubertät ein Bewusstsein entwickelt.

Durch meine Aktivität in den sozialen Netzwerken und als Bloggerin erfahre ich auch immer wieder Beleidigungen und Hass. Auch hier kommt das Phänomen zum Tragen: User wünschen mir sexualisierte Gewalt und werden dabei meist auch rassistisch.

Als ich einen Tweet gegen frauendiskriminierende Werbung abgesetzt hatte, richtete jemand einen Bot ein, der mir automatisiert von Dutzenden Fake-Accounts auf allen Kanälen wieder und wieder die Nachricht schickte: »Du enge Asiafotze«. Diese Beleidigung sexualisiert und exotisiert ja ganz ausdrücklich. Es ist ein explizites Klischee, dass eine südostasiatische Frau unterwürfig sei, beim Sex quieke und eine ganz enge Vagina habe.

Solchen Hass-Spam bekomme ich immer wieder. Ich bekomme aber auch Nachrichten, die sich als vermeintlich konstruktiv tarnen. Personen sprechen mir ab, dass ich mich darüber aufregen darf, schließlich sei das alles ja gar nicht so schlimm. Sie schreiben dann etwa: »Tangiert dich der Alltagsrassismus wirklich so sehr?« Solange du nicht gerade verprügelt wirst, nehmen das viele nicht als schädigend oder diskriminierend wahr. Rassismus muss eine Gewaltebene erreichen, damit es die Leute irgendwie betrifft. Das ist nervig.

Man sollte nicht verschiedene Diskriminierungsformen gegeneinander ausspielen. Für mich besteht das Problem der Sexualisierung in ihrer ständigen Wiederholung, auch in völlig unerwarteten Kontexten, sodass kein Ausweg bleibt, selbst wenn ich immer wieder damit konfrontiert bin. Das zehrt an meinen Kräften. Auch beim ganz normalen Smalltalk gehen Personen überhaupt nicht auf mich ein. Sie wollen mich aus bestimmten Kategorien nicht entlassen. Selbst wenn ich signalisiere, dass ich nicht die ganze Zeit über Reisgerichte sprechen will.

Oft unterschätzen mich Leute in dem, was ich leisten kann, was ich machen kann. Sie sagen dann etwa: »Das hätte ich aber nicht gedacht, dass du so laut werden kannst, dass du so auf den Tisch hauen kannst.« Als ob ich keine eigene Meinung hätte, keinen eigenen Charakter. Vor einigen Wochen sagte eine Frau im Vorbeigehen: »Voll die Fidschi«. Diese rassistische Fremdbezeichnung kenne ich aus der Kindheit. Ich hatte das selbst schon lange nicht mehr zu hören bekommen, jetzt scheint das wieder als schick zu gelten.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe April / Mai 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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