Amnesty Journal Italien 25. Juli 2016

Leuchten im Kino

Amnesty-Aktion vor Lampedusa

Amnesty-Aktion vor Lampedusa

Gianfranco Rosis drastischer Dokumentarfilm »Seefeuer« zeigt das Leben auf Lampedusa, dem Anlaufziel für Flüchtlinge, aus dem Blickwinkel eines zwölfjährigen Jungen.

Von Jürgen Kiontke

Samuele schaut, zielt und drückt ab. Mit seinem Freund spielt er Krieg, aber käme es drauf an, hätte er schlechte Karten: Er hat ein träges Auge, er sieht nicht gut, er muss zum Arzt. Samuele lebt auf der Insel Lampedusa, dem italienischen Anlaufziel für Flüchtlinge aus Nordafrika, dort wo die Seelenverkäufer der Schlepper anlanden und gerettete Schiffbrüchige hingebracht werden.

Auf einem Auge blind, das ist nicht nur der Zwölfjährige, der hier über die Wiese tobt, so will dies Regisseur Gianfranco Rosi verstanden wissen, dessen Dokumentarfilm »Seefeuer«, im italienischen Original »Fuocoammare«, der Insel Lampedusa ein Denkmal setzt. Die Krankheit des Jungen, der Fischer werden soll und hier ganz normal aufwächst, soll eine Metapher sein für das Agieren in der Flüchtlingsdebatte.

Und schon der Titel soll erhellen: Seefeuer, das ist das Licht der Leuchtraketen, die die Rettungskräfte auf der Suche nach Überlebenden untergegangener Schiffe abschießen. Leuchtpunkte will auch Rosi mit seinem Film in der aktuellen Debatte setzen, das Schicksal der Bootsinsassen soll nicht vergessen werden, »Seefeuer« soll dazu beitragen.

Ein Film zwischen jugendlicher Lebensfreude und Todes­zone – zu Beginn der Arbeiten war diese Entwicklung zunächst nicht abzusehen. Als Rosi auf die Insel kam, waren keine Flüchtlinge da, das Zentrum für die Erstaufnahme wurde renoviert und war für einige Zeit geschlossen. Da lag es nahe, das andere, das eigentliche Lampedusa kennenzulernen, abseits des großen politischen Themas.

So blieb es bekanntlich nicht und Rosi bleibt auch nicht bei Samuele stehen. Er filmt beim einzigen Arzt auf der Insel, Pietro Bartolo, der Rosi mit seinen Schilderungen überhaupt erst dazu gebracht hat, den Film zu drehen. Zu Bartolo gehen Samuele und auch die Menschen, die über das Meer kommen. Er erzählt von den Notrufen, die in der Rettungszentrale einlaufen, von sinkenden Schiffen und Überlebenden, die er aufsucht.

Und auch Rosis Kamera ist dabei, wenn die Rettungskräfte die Boote ausräumen. Bei einem der abgeschleppten Schiffe ist der Innenraum voller Leichen. Ein Moment, in dem das Medium Kino gleichsam zu einem Ende findet: Da ist auf der einen Seite der Wille des Künstlers, authentische Bilder für sein Anliegen zu finden, und das dürfte in diesem Moment auch gelungen sein. Drastischere Bilder als die von den während der Überfahrt Verstorbenen lassen sich schwerlich filmen; wie die Menschen ­gestorben sind, mag sich das Publikum dann ausmalen.

»Anders als beim Holocaust oder bei Ruanda gibt es simultan Bilder und nicht erst danach«, sagt Rosi. Niemand könne ­sagen, er habe nichts gewusst. »Das nimmt die Politik in die Verantwortung: So wie die Regierungschefs sich zum Klimagipfel treffen, müssen sie zu Flüchtlingsgipfeln zusammenkommen und gemeinsam die Probleme in den Herkunftsländern angehen. Und sie müssen sich gemeinsam um die Aufnahme der aus Kriegen, Hungersnöten und schrecklichem Elend Geflüchteten kümmern.«

Die Bilder haben aber noch eine andere Seite: Sie befördern auch den Gewöhnungseffekt. Mit der Verarbeitung zum stilisierten Dokumentarfilm ist zudem gerade der Wille, die Ereignisse in ihrer ganzen Drastik aufzuzeigen, ad absurdum geführt – hat man es nicht mit einem Kunstprodukt zu tun, das in diesem Februar einen bedeutenden Filmpreis gewinnt und im nächsten Jahr tut dies ein anderer Film?

Der Kunstbetrieb befördert auch die Beliebigkeit, das Flüchtige und Serielle; morgen sehen wir uns etwas anderes an. Flucht als Kultur-Event. Und was mag es überhaupt für einen Jungen bedeuten, neben den Toten als Hauptfigur zu agieren und dann als Premieren-V.I.P. auf dem roten Teppich zu stehen? Dieses Dilemma, die Frage nach der Reproduzierbarkeit des Schrecklichen, das später dann im Nachtprogramm von Arte gesendet wird, umschifft Rosi, er debattiert es nicht. Und vielleicht ist es so am elegantesten: Er stellt die beiden Wirklichkeiten nebeneinander: Hier die Welt der Italiener, dort die der Geflüchteten und mittendrin der Arzt.

Hätte es anders gehen können? Vielleicht ist für diese Art Fragen keine Zeit. »Seefeuer« soll im Kino leuchten, will ein brutaler, ein emotional krasser Film sein, der sein Publikum in ein Wechselbad der Gefühle taucht. Ist das Mittelmeer nicht auch ein solches Wechselbad? Szenen wie der beschriebenen folgen solche aus dem Alltag Samueles, der reichlich Talent zum Slapstick hat. Sei es beim Spaghetti-Schlürfen oder auch bei der Vorbereitung auf das zukünftige Leben. Talent zum Lügen hat er nicht unbedingt, wenn die Familie sich nach den Hausaufgaben erkundigt. Aber die Schule steht auch nicht ganz oben auf der Prioritätenliste; Samuele soll schließlich Fischer werden, wie alle auf Lampedusa. Da gibt es ganz andere Probleme: Er ist seekrank, für die Seefahrt ist er schlecht geeignet.

400.000 Menschen haben in den vergangenen Jahren die Überfahrt riskiert, man rechnet mit 15.000 Toten. Die Schiffe feuern Leuchtraketen ab, Seefeuer. Wieder und wieder sind am folgenden Morgen die geborgenen Reste der maroden Boote zu besichtigen. Der Arzt Bartolo rückt dabei immer wieder erklärend ins Zentrum. Er untersucht die Flüchtlinge, wenn sie vom Boot kommen, kümmert sich um die Kranken und die Schwangeren, erklärt die Vorgänge, kritisiert die europäische Politik, die von den Einwohnern Lampedusas, einem Eiland von 20 Quadratkilometern, gemanagt wird.

Die Geflüchteten selbst kann Rosi nicht ins Bild setzen oder nur unzureichend, wenn nicht gleich als Verstorbene, dann als Wesen ohne Namen. Er habe zwar ein Jahr auf der Insel zugebracht, aber diese Menschen blieben immer nur ein bis zwei Tage, sagt der Regisseur zur Erklärung.

Nur einmal gelingt eine längere Einstellung: Ein Afrikaner rappt seinen Reiseweg durch die Wüste über Libyen bis nach Europa – ein trostloser, harter und trockener Sound, eine gesungene Klage. Gesprochen wird mit ihm und den Männern um ihn herum nicht. Gleichwohl steckt hier die Essenz des Dramas, denn diese Szenen brechen mit der Routine, die man vorher im Film erlebt: Ankunft der Boote, Flüchtlinge im Bus, die Stationen der Erstaufnahme – ein geregelter Ablauf, der sich fast täglich wiederholt.

Ein denkwürdiger, Film, einer, der noch nicht zu Ende ist. Mit seiner Mischung aus »skurrilen, traurigen, komischen und bedrückenden Szenen« vermittle der Film das ganze Ausmaß der Tragödie von Lampedusa, urteilte die Film-Jury von Amnesty International auf den diesjährigen Berliner Filmfestspielen und vergab den Amnesty-Filmpreis an »Seefeuer« (und zu gleichen Teilen an den iranischen Beitrag »Royahaye Dame Sobh«).

Die Berlinale-Hauptjury um Meryl Streep sah das nicht viel anders und vergab den Goldenen Bären ebenfalls an Rosi – so erhielt seit 60 Jahren das erste Mal ein Dokumentarfilm diese Auszeichnung. Falsch liegt man damit nicht: Jetzt, im Sommer, ist der Film wieder erschreckend aktuell. Im vergangenen Jahr war es auf Lampedusa ruhiger geworden. Doch nach dem Abkommen mit der Türkei und der Schließung der Balkanroute, landen hier wieder vermehrt Flüchtlinge. Bilder wie sie dieser Film zeigt, werden wieder die Nachrichten beherrschen.

»Seefeuer«. F/I 2015. Regie: Gianfranco Rosi. Kinostart: 28. Juli 2016

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