Amnesty Journal Frankreich 25. Juli 2016

Erschütterte Sicherheit

Charlie Hebdo

Charlie Hebdo

»Es geht ums Ganze«: Die Schriftstellerin Gila Lustiger wendet sich dem islamistischen Terror in Frankreich zu.

Von Maik Söhler

Wer erschüttert wird, sucht erst einmal Sicherheit. So ergeht es auch Gila Lustiger, Schriftstellerin, Jüdin, Wahl-Pariserin. Die Terrornacht vom 13. November 2015 und die Anschläge auf das Satire-Magazin »Charlie Hebdo« und einen jüdischen Supermarkt in Paris haben Lustiger erschüttert, aus ihrer Suche nach Sicherheit resultiert ihr neues Buch »Erschütterung. Über den Terror«.

Was Lustigers Buch zu etwas Besonderem macht, ist der Ansatz, sich nach der Erschütterung und der Suche nach Sicherheit sogleich wieder der Unsicherheit zuzuwenden. Sei es die Informationsfülle in den Tagen nach dem 13. November, sei es die Hinwendung zu den Terroropfern, sei es die Ideologie der Täter, sei es das marginalisierte Leben junger Migranten in den Banlieues französischer Metropolen, sei es der Aufstieg des rechtsextremen Front National, seien es die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln. Lustiger versucht, all das zu verarbeiten, und mit jedem Aspekt wächst die Erschütterung.

Da sind die hausgemachten Probleme Frankreichs, die Banlieues und ihre Bewohner, die »Banlieuesards«, nicht selten ausgegrenzt im Land der »Liberté, Égalité, Fraternité«. Schon 2005 richtete sich ihre Gewalt gegen »alles, was entfernt an den Staat erinnerte, und sei es nur eine Bushaltestelle, der Staat aber, seine Institutionen und Repräsentanten, blieben unbehelligt«. Da ist der Terror gegen Künstler und einfache Bürger der Stadt ­Paris, den Lustiger als »radikale Integrationsverweigerung« charakterisiert. Und da sind die historischen Linien, die Frankreichs postkoloniales Erbe ebenso sichtbar machen wie die Gegenwart des Landes innerhalb einer globalisierten Welt.

»Es geht jedes einzelne Mal ums Ganze«, betont Lustiger mit Blick auf die Gewalt und den Sexismus von Migranten in der Kölner Silvesternacht. Gemeint ist damit, jeder einzelne Fall ist einer zu viel, jeder Frau steht das Recht zu, unbehelligt zu bleiben. Und gemeint ist auch: Jeder Einzelfall gehört zum großen Ganzen, und das ist bei Lustiger die demokratische Gesellschaft. Mit Wissen, Aufklärung und Humor hat sie sich dem zu stellen, was den Terror des »Islamischen Staates« und Al-Qaidas genauso prägt wie das Weltbild des Front National: eine rückwärtsgewandte Ideologie, absolute Wahrheit, »charismatische, scheinbar unfehlbare Führer«, Traditions-, Helden- und Todesmut.

Lustigers »Erschütterung« ist ein Buch, aus dem man viel lernen kann. Dass Erkenntnis in Zeiten der Unsicherheit besonders wichtig ist. Dass Bildung und Erziehung auch dort, wo sie – wie in so manchen Banlieues – mit allen Mitteln bekämpft werden, Eingang finden müssen. Dass die Zivilgesellschaft manchmal mehr erreichen kann als der Staat. Vor allem aber lernt man, dass es Schlimmeres gibt als Erschütterungen und Unsicherheit. Denn sie können auch die Basis für ­etwas Neues sein, das dem Terror unerschütterlich entgegentritt.

Gila Lustiger: Erschütterung. Über den Terror. Berlin Verlag, Berlin 2016. 160 Seiten, 16 Euro.

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