Amnesty Journal Indien 13. April 2016

Start-up der Menschenrechte

Menschen vor Ort erreichen. Amnesty-Büro in Indiens IT-Hauptstadt Bangalore

Menschen vor Ort erreichen. Amnesty-Büro in Indiens IT-Hauptstadt Bangalore

In der südindischen Metropole Bangalore befindet sich seit 2012 ein Büro von Amnesty. Dort kämpfen die Aktivisten nicht nur gegen schwere Menschenrechtsverletzungen wie Folter und Todesstrafe, sondern auch gegen Verleumdungskampagnen der indischen Regierung.

Von Andrzej Rybak (Text) und Oliver Wolff (Fotos)

Es ist früh, kurz vor 9 Uhr, als die kleine Villa in Indira Nagar zum Leben erwacht. Alle paar Minuten treffen junge Leute auf Motorrädern oder Mopeds ein, die sie vor dem Tor in einer Reihe parken. Dann laufen sie durch den kleinen Vorgarten zum Eingang, über dem ein berühmtes Logo hängt: Eine Kerze umwickelt von Stacheldraht. Seit Sommer 2012 ist die indische Niederlassung von Amnesty in dem beliebten Stadtteil von Bangalore zu Hause. Die Eröffnung eines Büros in Indien ist Teil einer neuen Strategie von Amnesty International, um enger mit lokalen Menschenrechtsgruppen zu arbeiten und so mehr Menschen vor Ort zu erreichen. Die Entscheidung für Bangalore als Hautquartier wurde bewusst getroffen: Indiens IT-Hauptstadt hat eine junge, gut ausgebildete und kosmopolitische Bevölkerung, die die Werte von Amnesty teilt.

"Mehr Rechtsstaatlichkeit bedeutet mehr Lebensqualität"

"Diese Leute wollen in einem Land leben, in dem die Würde des Menschen und seine Rechte etwas zählen", sagt Aakar Patel, der Geschäftsführer von Amnesty International in Indien. "Mehr Rechtsstaatlichkeit bedeutet für sie mehr Lebensqualität."
Der Journalist und Schriftsteller Patel schloss sich im Juni 2015 Amnesty an. Die Menschenrechtsorganisation hat in Indien inzwischen 160 Mitarbeiter, davon etwa 120 in Bangalore. "Amnesty wächst schnell", sagt der Geschäftsführer. "Unsere Villa platzt schon jetzt aus allen Nähten."

Eine schmale, steile Treppe führt zum winzigen Empfang im ersten Stock, der sich direkt im Treppenhaus befindet. Links davon liegt ein kleiner Konferenz- und Schulungsraum, der etwa 30 Personen Platz bietet. Die kleinen Büros der Mitarbeiter sind durch dünne Wände getrennt. Im zweiten Stock arbeiten etwa zwei Dutzend junge Frauen und Männer in einem Großraum an Computern. Ende 2016 will Patel in ein größeres Gebäude umziehen.

"Verantwortung übernehmen." Rajesh Bhattacharjee (links)

"Verantwortung übernehmen." Rajesh Bhattacharjee (links)

Rajesh Bhattacharjee schloss sich dem Amnesty-Team bereits 2012 an und gehört zur alten Garde. Der 44-Jährige stammt aus Assam und arbeitet als Fundraiser. "Wir haben im Dezember 2012 begonnen, Spenden zu sammeln", sagt Bhattacharjee. "Inzwischen haben wir rund 4.500 reguläre Spender und etwa 85.000 Gelegenheitsspender." Die Jahresmitgliedschaft kostet 3.000 Rupien, umgerechnet etwa 40 Euro.

Bis Ende 2017 will sich die indische Amnesty-Sektion allein aus inländischen Spenden finanzieren, dafür sind 30.000 reguläre Spender nötig. Bis dahin ist die NGO auf ihre "for profit"-Arbeit angewiesen: "Wir übernehmen verschiedene Auftrags­arbeiten und bekommen dafür Honorar, das wir zu versteuern haben", sagt Bhattacharjee. "Derzeit decken wir damit gut 60 bis 65 Prozent unseres Finanzbedarfs." Das indische Amnesty-Budget betrug im vergangenen Jahr rund 150 Millionen Rupien, davon waren 50 Millionen Rupien (etwa 650.000 Euro) Spenden.

"Wir suchen nach Leuten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen"

Zwei Drittel der Spender sind jünger als 30 Jahre und arbeiten im IT- und Finanzsektor. Unter den Gelegenheitsspendern sind viele Studierende, aber auch Hausfrauen und Rikscha-­Fahrer. Die 90 Spendensammler sprechen Menschen auf der Straße an und informieren sie über die verschiedenen Amnesty-Kampagnen. "Wir suchen nach Leuten, die sich mit unseren Aktivitäten identifizieren und bereit sind, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen", sagt Bhattacharjee. Der Finanzierungsbedarf wird sich in diesem Jahr erhöhen, denn Amnesty will zusätzliche Büros in Hyderabad, Mumbai und Delhi eröffnen.

Wohltätigkeit hat in Indien keine lange Tradition und wird von der Regierung nicht besonders gefördert. "Die Gesetze begünstigen indische Spender nicht genug", sagt Geschäftsführer Patel. "Nur die Hälfte der gespendeten Summe kann von der Steuer abgesetzt werden." Zu den Sponsoren von Amnesty in ­Indien gehört die Azim-Premji-Stiftung, die Amnestys Menschenrechtsbildung finanziell fördert. Außerdem wird Amnesty von sieben weiteren indischen Stiftungen unterstützt. "Wir garantieren den Spendern Anonymität, denn manche möchten nicht genannt werden", sagt Patel. "Manche befürchten politische und wirtschaftliche Nachteile, wenn bekannt wird, dass sie uns unterstützen."

Rechte sollen etwas zählen. Amnesty-Mitarbeiter in Bangalore.

Rechte sollen etwas zählen. Amnesty-Mitarbeiter in Bangalore.

Die Angst kommt nicht von ungefähr: Sie wird durch Verleumdungskampagnen der Regierung gegen die Zivilgesellschaft geschürt. Menschenrechts- und Umweltorganisationen werden beschuldigt, nationale Interessen zu verraten, das Wirtschaftswachstum zu bremsen und die nationale Sicherheit zu unterminieren. Die Attacken begannen bereits unter der Regierung von Premierminister Manmohan Singh von der Kongress-Partei und haben sich seit dem Amtsantritt von Premierminister Narendra Modi im Mai 2014 noch weiter verschärft. Inzwischen warnen unter anderem die berühmte Schriftstellerin Arundhati Roy und der Bollywood-Star Aamir Khan vor einer wachsenden Intoleranz in Indien – und werden dafür von den regierenden Hindu-Nationalisten heftig beschimpft.

"Als Amnesty nehmen wir keine politische Position ein und halten uns an die Gesetze", sagt Patel. "Aber wenn uns die Regierung etwas anlasten will, kann sie immer etwas finden." Die Menschenrechtler sind unbequem. Sie decken Missstände in Gefängnissen auf, in denen viele Häftlinge jahrelang auf ihre Gerichtsverhandlung warten. Sie dokumentieren Fälle von Folter und kämpfen gegen die Todesstrafe, die in der Gesellschaft umstritten ist. Sie prangern Menschenrechtsverstöße in Kaschmir im Norden oder im östlichen Bundesstaat Odisha an, wo das Militär seit Jahren ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung gegen Rebellen kämpft. Sie setzen sich für Dorfbewohner ein, die ihr Land an Bergbaukonzerne zu verlieren drohen, stehen Menschenrechtsverteidigern bei, kämpfen gegen Kastendiskriminierung und Gewalt gegen Frauen.

Die Regierung reagierte zuletzt ganz besonders empfindlich auf alle Versuche, ihre Pläne zum Ausbau der Kohle- und Bauxit-Förderung zu stoppen. Sie versuchte, Greenpeace in Indien die Zulassung zu entziehen, weil die Umweltschützer immer neue Umweltskandale in der Kohleregion aufdeckten. "Die Lage in den Bundesstaaten Madhya Pradesh, Jharkhand und Chhattisgarh, wo es die meisten Bergbauprojekte gibt, ist katastrophal", sagt Aruna Chandrasekhar. Die 28-jährige Projektmanagerin des indischen Amnesty-Büros ist seit Jahren im Land unterwegs. Sie arbeitete zuvor als Journalistin in Mumbai und berichtete über Menschenrechtsverletzungen, Zwangsenteignungen und Umsiedlungen, die Zerstörung des Waldes, die Verschmutzung der Flüsse und Seen. Als sie merkte, dass kaum eine Zeitung ihre Berichte drucken wollte, wechselte sie zu Amnesty, um aktiv gegen die Missstände vorzugehen.

"Aktivisten leben gefährlich." Aruna Chandrasekhar

"Aktivisten leben gefährlich." Aruna Chandrasekhar

Nach alten Gesetzen, wie dem "Coal Bearing Area Act" von 1957, dürfen staatliche indische Konzerne Land enteignen, wenn sie ein Bergwerk bauen wollen. Selbst Stammesvölker, deren Landtitel gesetzlich garantiert sind, werden oft Opfer der Konzerne, allen voran des staatlichen Unternehmens "Coal India Limited", das für rund zwei Drittel der gesamten indischen Kohleförderung verantwortlich ist. Der Konzern muss nicht einmal Umweltverträglichkeitsprüfungen vorlegen und holzt ganze Wälder ab, die seinen Vorhaben im Weg stehen.

Wer Kritik übt, gilt als Verräter nationaler Interessen
"Die Aktivisten, die sich vor Ort für die Belange der Bevölkerung einsetzen, leben gefährlich", sagt Chandrasekhar. "Viele wurden bereits bedroht oder gar tätlich angegriffen." Die indische Amnesty-Sektion setzt sich für die Menschenrechtsverteidiger ein und sorgt für Rechtsbeistand, wenn sie ohne Grund festgenommen und inhaftiert werden. Die Organisation versucht außerdem, die internationale Aufmerksamkeit stärker auf die Menschenrechtsverstöße der Konzerne zu lenken. Seit der Unabhängigkeit 1947 mussten in Indien 60 Millionen Menschen "Entwicklungsprojekten" weichen. "Das ist ein verdammt hoher Preis", sagt Chandrasekhar. Die Regierung lässt die Konzerne gewähren, denn sie sollen das Wirtschaftswachstum vorantreiben. Wer daran Kritik übt, wird als Feind und Verräter nationaler Interessen abgestempelt. Gegen diesen Vorwurf versucht sich Amnesty International mit Publikationen zu wehren, die im ganzen Land verteilt werden.

Trotz aller Attacken gibt es einen Bereich, in dem die Menschenrechtler Unterstützung von politischer Seite bekommen, nämlich Bildung. Amnesty arbeitet in Indien mit 17 lokalen Organisationen zusammen, die in 100 privaten und öffentlichen Schulen Menschenrechtsunterricht anbieten. "Alle in Indien finden Menschenrechtsunterricht gut und wichtig", sagt Tara Rao, die für die Bildungsprogramme von Amnesty in Indien verantwortlich ist. "Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Gleichstellung sind Werte, zu denen niemand Nein sagen kann. Die indische Verfassung wurde an vielen Stellen von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte inspiriert."

Rao wuchs in Delhi auf und arbeitete als Architektin in Gujarat, bevor sie sich der Sozialarbeit widmete. Jetzt sucht die 51-Jährige nach Wegen, wie noch deutlich mehr Schulen für Menschenrechtsbildung gewonnen werden können. "Sonst können wir ein Land mit 1,2 Milliarden Menschen nicht verändern."

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