Amnesty Journal Indonesien 29. September 2015

Imagination und grausame Vergangenheit

Grausame Erinnerung: Kinas Vater wurde als vermeintlicher Kommunist verfolgt

Grausame Erinnerung: Kinas Vater wurde als vermeintlicher Kommunist verfolgt

Indonesien ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Gleichzeitig jähren sich die Massaker, denen vor 50 Jahren Hunderttausende reale und vermeintliche Kommunisten in dem südostasiatischen Land zum Opfer fielen.

Von Maik Söhler

Es ist ein kleines Video, das auf der Webseite der Frankfurter Buchmesse für Indonesien wirbt, den diesjährigen Ehrengast: Aus Buchseiten werden Wellen, Bootsfahrer und ein Wal konkurrieren in einer farbenfrohen Welt um Dynamik, während ein Bonmot aus Goethes »West-östlichem Diwan« eingeblendet wird: »Wer das Dichten will verstehen, muss ins Land der Dichtung gehen«. Bunte Vögel tauchen auf – und werden plötzlich von Dunkelheit geschluckt, in der sich zahlreiche Augen bewegen.

»Indonesien – 17.000 Inseln der Imagination«, lautet das Motto, unter dem sich das Land vom 14. bis zum 18. Oktober in Frankfurt präsentiert. Das ist eine schöne Botschaft. Überlassen wir aber die Imagination den Dichtern und wenden uns der Menschenrechtslage in dem asiatischen Inselstaat zu, interpretiert sich die plötzliche Dunkelheit im Buchmessen-Werbevideo wie von selbst.

Im »Amnesty Report 2014/15« ist zu lesen, dass indonesischen Sicherheitskräften »Folter und andere Misshandlungen« vorgeworfen werden. Es gibt »mindestens 60 gewaltlose politische Gefangene«. Religiöse Minderheiten werden »weiterhin eingeschüchtert und angegriffen«. Die UNO-Sonderberichterstatterin über angemessenes Wohnen äußerte sich 2014 besorgt über die »erzwungene Umsiedlung religiöser Minderheiten«.

Auf der Grundlage sogenannter »Blasphemie-Gesetze« befinden sich mindestens neun Personen in Polizeigewahrsam oder im Gefängnis. Wegen Vergehen gegen Scharia-Vorschriften wurden 2014 mindestens 76 Personen mit Stockschlägen bestraft. Auch gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen und der »Austausch von Intimitäten zwischen unverheirateten Paaren« können mit Prügel geahndet werden. In mindestens 140 Fällen sind Todesurteile anhängig, vollstreckt wurde die Todesstrafe im Jahr 2014 allerdings nicht.

Auf die Festnahme folgte Folter: Sri wurde 1965 inhaftiert

Auf die Festnahme folgte Folter: Sri wurde 1965 inhaftiert

Soweit zu den nüchternen Fakten des Amnesty-Reports. Neben alldem ragt ein weiterer Satz aus dem Bericht hervor: Es gebe »kaum Fortschritte bei der Gewährleistung von Wahrheitsfindung, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen«. Dabei rückt – neben Menschenrechtsverletzungen der neunziger und nuller Jahre – das wohl düsterste Kapitel der indonesischen Geschichte in den Mittelpunkt. Die systematische Verfolgung tatsächlicher und vermeintlicher Kommunisten ab Oktober 1965 durch General Suharto und seine Verbündeten.

Der neue Sammelband »Indonesien 1965ff.« liefert zum 50. Jahrestag des Auftakts zum Massaker eine Bestandsaufnahme. Er versammelt Texte von indonesischen Autorinnen und Autoren. Herausgeberin Anett Keller schreibt im Vorwort, dass Schätzungen über die Anzahl der Todesopfer von 500.000 bis zu drei Millionen reichen. »Weitere hunderttausende Menschen wurden in Gefängnisse und Arbeitslager gesperrt, wo sie zum Teil mehr als zehn Jahre verbrachten, ohne dass ihnen je ein juristischer Prozess gemacht worden wäre.«

Der Historiker Baskara T. Wardaya SJ erklärt, was den Massenmorden vorausging. Der Auslöser war die Ermordung von sechs Generälen und einem Leutnant am 1. Oktober 1965. Als Täter gelten andere Militärs, die später aussagten, sie hätten einen Putsch rechter Generäle gegen den damaligen Präsidenten Sukarno verhindern wollen. Umgehend zog General Suharto die Macht an sich, beließ aber Sukarno anfangs formell und ohne Machtbefugnisse im Amt. Suharto bezichtigte die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) der Täterschaft und ließ Armee, Polizei, Geheimdienst und Milizen losschlagen – gegen die PKI und alle Organisationen, die in seinen Augen PKI-nah waren. Auch die Unterstützer Sukarnos wurden verfolgt. Die USA und Großbritannien unterstützten Suharto indirekt.

In der Folge kam es monatelang in fast allen Teilen des Landes zu Morden, Folter und Menschenrechtsverletzungen in ungeahntem Ausmaß, jegliche Opposition wurde zerschlagen. Stanley Adi Prasetyo, der ehemalige Vorsitzende der Nationalen Menschenrechtskommission, schreibt, auch systematische sexuelle Gewalt sei dokumentiert. Vergewaltigung und sexuelle Sklaverei als Waffe, Strafe, Folter und Demütigung zugleich. Die Kommission gelangte 2012 zur Schlussfolgerung, dass es Anfangsbeweise für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebe.

Die Historikerin I Gusti Agung Ayu Raith nimmt die Verfolgung von Frauen genauer in den Blick. Die damals bedeutendste Frauenorganisation »Gerwani« gefährdete aus der Sicht Suhartos die »Sicherheit von Staat und Volk«; daher galt »jede Frau, die sich politisch engagiert, erst recht in linken Zusammenhängen, als Gefahr, die das indonesische Volk in den Abgrund des Verderbens führe«. Das von Suharto ausgerufene Entwicklungsmodell der »Neuen Ordnung« habe Indonesien auf Jahrzehnte geprägt: »Eine feudale, paternalistische Kultur und einen unbedingten Gehorsam erzwingender Militarismus gingen fortan eine Symbiose ein.«

Wurde als 14-Jährige festgenommen: Heute verkauft Sumilah Gewürze

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Oei Hiem Hwie, einer der politisch Verfolgten jener Zeit, gibt zu Protokoll: »Das Zeitalter der Dummheit war gekommen. (…) Ich sah, wie der Brantas-Fluss sich vom Blut der Ermordeten rot färbte. Es gab kein Recht und keine Gerechtigkeit.« Selbst nach seiner Freilassung wurden ihm Bürgerrechte verwehrt. »In meinem Ausweis prangte der Stempelvermerk ET (eks tapol, ehemaliger politischer Häftling).« Damit einher gingen ein regelmäßiger Meldezwang und staatliche Überwachung. Erst im Jahr 2001 erhielt er einen regulären Pass.

Bis zum Rücktritt Suhartos 1998 waren öffentliche Debatten über die Repression nach 1965 verboten, es herrschte eine verordnete Geschichtsschreibung vor. Der Philosoph Wijaya Herlambang wendet sich deswegen der Rolle der Medien, des Films und der Literatur zu. Es seien über Jahre Hetzkampagnen gestartet worden, die Indoktrination habe viele Bereiche des Lebens umfasst und wirke teilweise bis heute nach. »Es ist bequemer und angenehmer, mit einer altbekannten Lüge zu leben, als sich einer beunruhigenden neuen Perspektive zu öffnen«, lautet sein Fazit angesichts der vielen Kollaborateure und Profiteure des Massakers.

Doch die Zeitzeugen, Wissenschaftler und Menschenrechtler in »Indonesien 1965ff.« schauen nicht nur zurück. YPKP 65, eine Stiftung zur Forschung zu den Opfern der Morde von 1965/66, plant zum 50. Jahrestag des Beginns der Massenmorde und der damit verbundenen Straflosigkeit ein Tribunal in Den Haag. Ihr Vorsitzender Bedjo Untung schreibt: »Bleibt zu hoffen, dass uns noch genug Zeit gegeben ist, um das Ende der Straflosigkeit zu erleben.«

Und so könnte auch die Frankfurter Buchmesse einen guten Anlass bieten, staatliche und halbstaatliche Kulturfunktionäre Indonesiens mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Einer Vergangenheit, die keine Imagination ist, sondern zu den dunklen Realitäten des Landes gehört.

Frankfurter Buchmesse wirbt für Indonesien

Werbevideo für Indonesien auf der Buchmesse

Amnesty Report 2014/15: Indonesien

Anett Keller (Hg.): Indonesien 1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches Lesebuch. Regiospectra, Berlin 2015. 214 Seiten, 19,90 Euro.

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