Amnesty Journal Saudi-Arabien 22. Juli 2015

Scharia-Astronomie

Raif Badawi ist derzeit sicher der bekannteste gewaltlose politische Gefangene in Saudi-Arabien. Er wurde Anfang Januar öffentlich in Dschidda gezüchtigt – weil er angeblich den Islam beleidigt hat. Tatsächlich aber soll hier ein kritischer Intellektueller mundtot gemacht werden. Im Folgenden dokumentiert das Amnesty Journal einen der Texte, aufgrund derer Badawi zu 1.000 Stockschlägen, zehn Jahren Haft und einer immens hohen Geldstrafe verurteilt wurde.

Von Raif Badawi

Ein Fernsehprediger forderte letztens mit großer Dringlichkeit, Astronomen müssten nun endlich in ihre Schranken verwiesen werden. Er sagte: »Während der letzten Jahre wurden wir immer wieder von Astronomen geplagt, die die Scharia-Perspektive für falsch erklären wollen. Wir haben prinzipiell nichts gegen astronomische Berechnungen, handelt es sich dabei schließlich um eine Wissenschaft, die es seit alters her gibt. Aber wir sprechen uns entschieden gegen die ›Skepsis gegenüber der Scharia‹ aus. Im Übrigen handelt es sich bei einigen dieser Astronomen um bloße Amateure. Wie können sie sich erdreisten, einfach so alteingesessene Scharia-Experten widerlegen zu wollen, die seit dreißig Jahren in ihrem Feld tätig sind, als sie selbst noch Kleinkinder waren?« Damit endete seine Ansprache.

Im Grunde genommen hat dieser geniale Fernsehprediger mir die Augen für eine Tatsache geöffnet, von der vermutlich weder Sie, lieber Leser, noch ich je gehört hatten: die Existenz ­einer »Scharia-Astronomie«! Wie schön und wundersam dieser Begriff doch klingt! In meiner bescheidenen Erfahrung und meiner gar nicht so oberflächlichen Lektüre über das Universum, seine Entstehung und die Planeten, ist mir dieser Begriff bisher kein einziges Mal untergekommen!

Deswegen möchte ich hiermit der NASA ans Herz legen, ihre Teleskope doch liegen zu lassen und stattdessen vom Wissen unserer Scharia-Astronomen zu profitieren, deren Scharfsicht und Scharfsinn die Sehkraft dieser verderbten NASA-Teleskope bei Weitem übertrifft.

Eigentlich sollte die NASA eine Delegation ihrer Astronomen hierherschicken, damit sie bei unseren Scharia-Astronomen ordentlich lernen und studieren und sie anschließend mit Kniefall loben. Ich würde sogar allen Wissenschaftlern der Welt aus sämtlichen Bereichen dringlichst raten, ihre Bibliotheken, Labore, Forschungszentren, Universitäten und Institute augenblicklich zu verlassen und sich umgehend die Episoden unserer großartigen Fernsehprediger anzusehen, um von ihnen alle nur erdenklichen Arten modernster Wissenschaft zu erlernen: Medizin, Ingenieurswesen, Chemie, Mikrobiologie, Geologie, Atomphysik, Kernwissenschaft, Meeresbiologie, Pharmazeutik, Anthropologie. Und nicht zu vergessen natürlich Astronomie und Weltraumforschung, haben unsere Prediger – möge Gott sie uns erhalten – sich ja in jenem Bereich als unumstrittene Referenz bewiesen, die in allem das letzte Wort hat.

Da ist es natürlich vollkommen richtig, dass sich die gesamte Menschheit vor ihnen verneigen und ihnen anstandslos folgen muss, ohne Wenn und Aber! Alle Regierungen der Welt holen sich Wissenschaftler aus sämtlichen Bereichen ins Land, machen ihnen verlockende ­Angebote, stellen ihnen alles, was es an finanzieller und technischer Unterstützung braucht, zur Verfügung, geben ihnen die Staatsangehörigkeit und räumen alle Schwierigkeiten, die ihrem Erfolg und der Weiterführung ihrer Forschungen im Wege stehen könnten, aus dem Wege. Und wir verordnen einem Weintrinker achtzig Peitschenhiebe. Wie viele Peitschenhiebe verdienen dann wohl erst jene Wissenschaftler?

Dieser Text ist ursprünglich erschienen am 7. September 2011 in der ­saudischen Tageszeitung »al-Bilad«. Wir entnehmen den Text dem Buch: Raif Badawi: »1.000 Peitschenhiebe – Weil ich sage, was ich denke«. ­Herausgegeben von Constantin Schreiber. Aus dem Arabischen von ­Sandra Hetzl. Ullstein, Berlin 2015. 64 Seiten, 4,99 Euro.

Raif Badawi
Der saudische Intellektuelle und Internet-Aktivist Raif Badawi, geboren 1984, wurde am 9. Januar 2015 auf dem Vorplatz einer Moschee in Dschidda mit 50 Peitschenhieben öffentlich gefoltert. Ein Gericht hatte ihn wegen der Gründung der Website der »Saudi-Arabischen Liberalen« und »Beleidigung des Islams« schuldig gesprochen und zu tausend Stockschlägen, einer zehnjährigen Haftstrafe, ­einem anschließenden Reiseverbot von zehn Jahren, ­einem Verbot, Medien zu nutzen, und einer Geldstrafe von umgerechnet 195.000 Euro verurteilt. Die Website wurde auf Anordnung des Gerichts geschlossen. Badawi befindet sich seit 2012 in Haft.

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