Amnesty Journal Irak 27. Januar 2015

Hölle auf Erden

"Das werde ich nie vergessen". Flucht aus Kobane, das vom IS belagert wird

"Das werde ich nie vergessen". Flucht aus Kobane, das vom IS belagert wird

Der »Islamische Staat« geht mit aller Gewalt gegen Christen und Jesiden vor. Die repressive Minderheitenpolitik der ­irakischen und türkischen Regierung trägt dazu bei, das Problem noch zu verschärfen.

Von Sabine Küper-Büsch

Der schmächtige Junge weicht nicht von der Seite seines Vaters. Jede Nacht, wenn es dunkel wird, hört er die Bomben fallen und schreit im Schlaf. Seine Träume kreisen um Aleppo, seine Heimatstadt im Norden Syriens. Dyar Omar Hame ist zwölf Jahre alt. Sein Gesicht ist von Narben entstellt.

Am 15. September spielte der Junge am Abend mit seinen Freunden auf der Straße, als die syrische Luftwaffe einen Blitzangriff auf die Stadt flog. Die Familie Hame hatte ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Nähe des alten Basars. »Es war eine Splitterbombe, ich dachte erst, alle Kinder sind tot«, erinnert sich Omar Sayde Hame. Doch sein Sohn hatte den Angriff wie durch ein Wunder überlebt, während die meisten seiner Spielkameraden starben.

Im Frühjahr entschloss sich die Familie, Aleppo zu verlassen, denn die Angriffe der syrischen Armee hatten die Innenstadt fast komplett zerstört, der kleine Laden lag in Schutt und Asche. Als syrische Kurden beschlossen die Hames nach Kobane zu ziehen.

Die Stadt liegt im Grenzgebiet zum Irak. Dort ist eine vor ­allem von PKK-nahen syrischen Kurden kontrollierte autonome Zone entstanden. Im Juni begann der Vormarsch des »Islamischen Staates« auf Kobane. Omar Sayde Hame hatte sich als Landarbeiter in einem der kurdischen Dörfer niedergelassen. ­

Eines Nachmittages sah er die schwarze Fahne des IS über dem Nachbardorf wehen. »Ich werde das nie vergessen«, erinnert er sich. »Einer meiner Arbeitskollegen schrie plötzlich entsetzt auf. Diese Barbaren hatten einige Männer hingerichtet und stellten ihre abgetrennten Köpfe auf den Dächern zur Schau.« Die Hames flohen zusammen mit kurdischen Nachbarn in die türkische Provinz Suruç. Von dort aus reisten sie weiter in den Nordirak. Seit Ende Oktober leben sie im Gawilan Camp, vierzig Kilometer von Erbil entfernt.

Seit 1992 existiert im Nordirak eine autonome kurdische Verwaltung. Erbil ist der Sitz der Regionalregierung. Die nord­irakische Provinz Dohuk weiter nördlich hat eine gemeinsame Grenze mit der Türkei und mit Syrien. Der »Islamische Staat« rückte im Sommer massiv von Syrien aus nach Mosul vor und richtete dort sein Hauptquartier im Irak ein.

Mosul, eine Millionenstadt umgeben von Erdölquellen, wurde von nicht-muslimischen Minderheiten »gesäubert«. Ihnen blieb die Wahl, zum Islam zu konvertieren oder zu gehen. Die meisten flohen in die angrenzende autonome Kurdenregion.

Das Dorf Bozan liegt nur 30 Kilometer von Mosul entfernt. Auf dem Dorfplatz sitzen Flüchtlinge vom Berg Sindschar nahe der syrischen Grenze. Es sind Jesiden, Kurden, die einer religiösen Minderheit angehören. Im Juni rückte der »Islamische Staat« gegen sie vor und verursachte ein Blutbad. Fast 10.000 Männer sollen nach Angaben der Menschenrechtsstiftung Kurdistan getötet und mindestens 2.000 Frauen in die Sklaverei verschleppt worden sein.

Hoto Haje Murad ist 36 Jahre alt. Er war Bürgermeister in einem Dorf auf dem Berg Sindschar und ein wohlhabender Mann. Der »Islamische Staat« drang in sein Haus ein, als er gerade im Nachbarort war. »Mein Cousin und seine Söhne waren zu Besuch«, erzählt er, »Nachbarn haben mir berichtet, dass die IS-Terroristen das Haus verwüstet haben. Dabei wurden sie getötet.« Der Mann ringt nach Worten. Nur stammelnd kann er erzählen, dass sein jüngster Sohn, ein siebenjähriger Junge, ebenfalls ermordet wurde. Zwei seiner Töchter wurden verschleppt. »Sie sind elf und 13 Jahre alt. Das sind doch noch Kinder.«

30 Kilometer östlich von Bozan liegt Lalish, ein für die Jesiden heiliger Berg. Mitte Oktober übermittelte die Propagandaabteilung des IS, die Jesiden hingen einem vorislamischen, heidnischen Unglauben an. Dementsprechend dürften sie, bei Verweigerung der Konversion, getötet, und ihre Frauen versklavt werden.

Das Jesidentum gehört zu den ältesten monotheistischen Religionen der Welt. Jeden Abend werden auf dem Berg Hunderte Öllampen entzündet, die das ewige Licht versinnbildlichen. Motive des Judentums, des Christentums und des Islams verbinden sich mit Elementen des altpersischen ­Zoroastrismus und des Schamanentums. »Wir glauben nicht an Himmel und Hölle und dass der Mensch nach seinem Tod an irgendeinen konkreten Ort geht«, erklärt Baba Çalısh, das spirituelle Oberhaupt von Lalish.

Das Jesidentum stellt sich die menschliche Existenz als Reinkarnations-Zyklus vor, in dem der Mensch mehrere Leben durchläuft. Baba Çalısh ist fassungslos angesichts der verübten Grausamkeiten. »Unser Volk ist Opfer eines Genozids«, sagt er gepresst. »Was unternimmt die internationale Gemeinschaft, um das Massenmorden, die Versklavung und den Missbrauch unserer Frauen zu verhindern?«

In den vergangenen Monaten konnten 50 entführte Jesidinnen vom »Islamischen Staat« freigekauft werden. Sie berichten von unerträglichen Menschenrechtsverletzungen. Kleine Jungen wurden vor den Augen ihrer Mütter getötet, Töchter verschleppt. Frauen werden oft hintereinander an mehrere Männer verkauft.

Diler Abdullah Hasan von der Menschenrechtsstiftung Kurdistan in Dohuk berichtet voller Abscheu: » Die schlimmsten Übergriffe verübt der ›Islamische Staat‹ an den Frauen. Sie werden ihren Familien entrissen, ihrer Freiheit beraubt, vergewaltigt, gefoltert und wie Vieh verkauft. Eine Frau kostet so viel wie ein Schaf auf dem Markt. Es ist unerträglich, dass sich noch so viele in der Gewalt dieser Verbrecher befinden.«

Neben den Jesiden sind die irakischen Christen die zweitgrößte von Vertreibung betroffene Gruppe. In der syrisch-orthodoxen Kirche Peter und Paul in Dohuk sitzt Jonee Isho auf einer der Bänke und betet. Die Christin denkt an ihren Sohn Majit Sheba, der vor einem Jahr in Mosul getötet wurde. »Mein Sohn war Beamter an der Universität von Mosul«, erzählt sie. »Er war schon mehrfach bedroht worden. Sie wollten Lösegeld von ihm. Er fragte mich: ›Wofür?‹«

Bereits seit einiger Zeit erpressten Dschihadisten Christen in Mosul damit, dass sie eine Minderheitensteuer zahlen müssten, um dort friedlich leben zu dürfen. Majit Sheba zahlte nicht. »Sie haben einen Sprengsatz unter seinem Auto befestigt«, erzählt seine Mutter. »Er ist dann losgefahren. Nach ungefähr einem Kilometer ist das Auto explodiert.« Majit Sheba war 29 Jahre alt, als er starb.

Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Ashout Sheba wurde vor einem halben Jahr in Mosul entführt. Der 28-Jährige ist Zahnarzt, er berichtet erstaunlich ruhig von seiner Gefangenschaft. Er sei gut behandelt worden. »Es kommt darauf an, mit welcher Fraktion des IS man es zu tun hat«, erklärt der schmale junge Mann. »Meine Entführer waren Anhänger der Baath-Partei, also ehemalige Gefolgsleute Saddam Husseins. Die interessiert nur, ob du etwas mit dem Staat oder der Armee zu tun hast – was bei mir nicht der Fall war. Anders als die Dschihadisten interessieren die sich nicht für die Religion. Sie wollen die Regierung in Bagdad stürzen.«

Beide Fraktionen kooperieren miteinander, auch wenn sie unterschiedliche Ziele verfolgen. Während die Dschihadisten die Ausweitung des Territoriums des Kalifen al-Bagdhadi wollen, verfolgen die Baathisten eine Destabilisierung der Macht der alten Feinde, der Schiiten und Kurden, die politisch nun im Irak das Sagen haben.

Doch auch Kurden und Schiiten sind sich nicht einig. Der kurdische Gouverneur von Dohuk, Farhad Armin Atroshi, macht deutlich, wie zerstritten alle Fraktionen im Irak derzeit sind. Er beschuldigt vor allem den ehemaligen Präsidenten al-Maliki, für die Situation verantwortlich zu sein. »Ich hoffe, die neugewählte Regierung wirft ihn ins Gefängnis«, schnaubt er wütend. »Er hat die Armee mit seinen Schiiten unterwandert und die Macht total zentralisiert. Jetzt haben wir einen wunderbaren Nährboden für sunnitischen Fundamentalismus.«

Ein Drittel des Irak ist momentan in den Händen des »Islamischen Staates«. Eine erfolgreiche Bekämpfung ist nach Meinung der Kurden und der anderen Minderheiten nur möglich, wenn das Ausland Druck ausübt, vor allem auf Bagdad. Farhad Armin Atroshi unterstreicht, dass die ausländischen Waffenlieferungen nur schleppend in der Region ankommen, weil die Zentralregierung sie teilweise zurückhält.

Bagdad und Erbil führen einen Kleinkrieg, weil die Kurden mehr Unabhängigkeit und mehr Teilhabe an den Erlösen der Erd­öl­quellen wollen. Eine schlagkräftige Bekämpfung des IS ist daher seit Monaten in aller Munde, ohne dass wirklich etwas ­geschieht.

Nachbarländer wie die Türkei geben Lippenbekenntnisse ab, ohne den »Islamischen Staat« tatsächlich bekämpfen oder eindämmen zu wollen. Der türkische Ministerpräsident ­Recep Tayyip Erdoğan hat international mehrfach vertreten, dass der »Islamische Staat« auch nicht schlimmer sei als die PKK. Die Regierungen in Ankara und in Bagdad gelten auf internationaler Ebene unverdienterweise als zentrale Akteure, obwohl sie mit ihrer restriktiven Minderheitenpolitik Teil des ­Problems sind.

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Istanbul.

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