Amnesty Journal Iran 24. Juli 2015

Bitte einsteigen. Panahis Taxi als Bühne für Teherans Geschichten

Dieses Kino ist Kunst

Er gewann die diesjährige Berlinale und das mit Recht: Jafar Panahis Film »Taxi Teheran« ist ein Meisterwerk des Menschenrechtskinos.

Von Jürgen Kiontke

Ich bin Filmemacher. Ich kann nichts anderes als Filmemachen. Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben.« Der iranische Regisseur Jafar Panahi muss sich mehr als andere überlegen, welche Art Film er macht. Er wurde im Iran zu 20 Jahren Berufsverbot verurteilt und – fast könnte man sagen »nebenbei« – auch noch zu sechs Jahren Haft, allerdings ist die Gefängnisstrafe derzeit ausgesetzt.

Das alles, weil er sich im Wahljahr 2009 aufseiten der Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi positionierte, der seinerseits bis heute unter Hausarrest steht.

Am Filmemachen, das macht Panahi immer wieder klar, kann ihn nichts hindern. Und dieses »nichts« scheint eine besondere Qualität zu haben. Obwohl der zurückhaltend wirkende Künstler mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert ist, hat er nun seinen dritten Film nach der Verurteilung gedreht.

Mit »Taxi« (derzeit mit dem Titel »Taxi Teheran« in den Kinos) gewann er im Februar den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele. Das Werk soll der iranische Meisterregisseur auf die Berlinale geschmuggelt haben. »Taxi« kann als einer der gelungensten Filme der vergangenen Jahre im Wettbewerb des Festivals gelten. Mit seinem gut 80 Minuten langen Film hat der drangsalierte Regisseur ohne nennenswerte Mittel ein Meisterwerk von Weltrang geschaffen.

Und es ist der recht kleine Weltkino-Verleih aus Leipzig, der ihn nun in die deutschen Kinos bringt. Der Weltvertrieb liegt beim französischen Verleih Celluloid Dreams, der auch den diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme herausbringt: »Dheepan« handelt vom Schicksal tamilischer Flüchtlinge und wird in Deutschland ebenfalls in Kooperation mit Weltkino ­gezeigt.

Was macht »Taxi« zu einem gelungenen Film, einem Kino­erlebnis? Jafar Panahi beherrscht die Kunst, in Schlüsselszenen über die Welt zu erzählen, und er wird darin immer besser. In seinem Werk »In Film Nist« (IRN 2011, deutscher Filmtitel »Dies ist kein Film«), das Panahi vor »Taxi« gedreht hat, werden zunächst Szenen aus der Wahlnacht in Teheran 2009 angedeutet.

Später dann sitzt ein Hund vor dem Fernseher. Er schaut einen Bericht darüber, wie in der Stadt herrenlose Hunde eingefangen werden. Eine Metapher für die missglückte Revolte, für Unterdrückung und Unfreiheit. In »Taxi« konzentriert sich die Welt mit ihren Einschränkungen auf den engen Raum eines Autos.

Panahi fährt selbst, Menschen steigen ein und aus. Der Subtext: Da der Regisseur Berufsverbot hat, verdingt er sich nun als Chauffeur. In Teheran funktioniert das Taxi eher wie ein Bus: Leute steigen ein, bis es voll ist. Das Innere ist Treffpunkt, Debattenzone, Ort der Unterhaltung. Draußen bewegt sich die Stadt vorbei, mit ihren Farben, ihrem Gerenne und Geschrei. Es gibt niemanden auf der Welt, der diese Situation nicht nachvollziehen könnte.

Die Bewegung ist das zweite Strukturprinzip in »Taxi«. Sie bedeutet Freiheit, zumindest hier, im Gegensatz zu Hausarrest und Gefängnis. Die Bewegung verbindet die Geschichte mit dem Kern des Kinos – nicht Stillstand, sondern Fortschreiten ist das Prinzip des »Movie«. Und so ist es kein Wunder, dass sich die Gespräche im Auto zunehmend um Film drehen – Kino, der große Transmissionsriemen von gemeinsamer Identifikation, von Allgemeinverständnis und globaler Kommunikation, er treibt hier die Handlung an.

Die Stadt Teheran, der heutige Iran, in diesem Film fließen sie außen vorbei, die Gegenwart rauscht durch. Panahi hat die Kameras so montiert, dass sie die Menschen, die im Auto sitzen, filmen. Links und rechts aber, durch die Fenster, strömt das Straßenbild herein.

Bei jedem Passagierwechsel werden die Türen aufgerissen, jemand stürmt herein, wirft sich auf die Sitze: Zwei mit einem Goldfischglas; eine Frau mit ihrem bei einem Unfall verletzten Mann. »Filme mich mit der Handy-Kamera, ich sterbe und ich muss mein Testament machen.« »Aufhängen«, brüllt der Nächste. »Alle hinrichten.« Wer anderen etwas klaue, zum Beispiel Autoräder, der müsse sofort umgebracht werden. »Sagen Sie mal, was arbeiten Sie denn?«, fragt die Passagierin, die neben ihm sitzt. »Ich bin selbstständig tätig«, antwortet ihr der Mann. »Als Straßenräuber.«

Dann kommt Film-Omid, der Raubkopie-Verkäufer. »Ich war schon bei ihnen, sie wollten alle Woody-Allen-Filme haben.« Mit dem manchmal doch leicht eitlen Regisseur am Steuer, so der windige Dealer, verkaufe sich »Vicky Christina Barcelona« gleich um einiges besser. Gemeinsam klappern sie die Kundschaft ab – Filmstudenten. Gespräche über Film ergeben sich ­dabei zwangsläufig.

Ab jetzt diskutiert man in »Taxi« häufiger über das Kino – ein Präludium: Denn dann tritt die Hauptdarstellerin dieses wunderbaren Films auf: Hana, die zehnjährige Nichte Panahis. Sie muss von der Schule abgeholt werden, heute war Filmstunde. Das Kind weiß gleich und natürlich besser als der Profi, wie man Kino zu machen hat. Die Lehrerin habe doch gesagt, wie es geht! Halbdokumentarisches Kino, im Stil eines Pier Paolo ­Pasolini vielleicht, gekreuzt mit der Verve eines Kino-Nerds wie Quentin Tarantino.

Aber Steigerung ist immer möglich – die Anwältin einer ­jungen Frau namens Ghoncheh Ghavami steigt ein. Die hatte ­einem Volleyballspiel der Männer zugeschaut, und das ist ver­boten. »Ich habe jetzt Berufsverbot«, sagt die Juristin. Wie beiläufig reiht sie sich ein als Fahrgast wie die anderen. »Erst beschuldigen ›sie‹ einen, für den Mossad oder die CIA zu spionieren, dann kommen die Vorwürfe moralischer Verfehlungen: Engste Freunde werden zu Feinden oder landen im Gefängnis.« Draußen sieht man zwei Gestalten auf einem Motorrad.

Auf einfachste Weise, mit wenigen Dialogen und hervorragenden Darstellern gelingt es Panahi, ein Kino der Menschenrechte zu entwickeln, in dem er die Menschenrechte ins Kino bringt. Er entwickelt eine Bildsprache, deren Ästhetik wie beiläufig universell wirkt und die die Gegenwart mythisch abbildet: das verschleierte Kind mit der Kamera, die verschwommenen Verfolger.

Panahi liebt sein Publikum. In gerade einmal 80 Minuten entwirft er ein Gesellschaftsbild der islamischen Republik Iran, vielleicht sogar ein sympathisches. Die Sprache dieses Kinos ist rudimentär und cool. Seine Struktur ist die des Selfies: eine Selbstbetrachtung des globalen Chaos.

»Nichts kann mich am Filmemachen hindern«, sagt Panahi. Kino als Kunstform werde zu seinem Hauptanliegen, wenn er in die Ecke gedrängt werde. »Ich muss unter allen Umstanden weiter Filme machen, um der Kunst Respekt zu erweisen und mich lebendig zu fühlen.« Kino im Kino, genial. Ansehen.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

»Taxi Teheran«. IRN 2015. Regie: Jafar Panahi.
Mit Hana Saeidi u.a. Kinostart: 23. Juli 2015

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