Amnesty Journal Uganda 26. Januar 2015

Zurück ins Leben

"Eine andere Chance bekommst du nicht." Lily Acayo mit ihrer Tochter

"Eine andere Chance bekommst du nicht." Lily Acayo mit ihrer Tochter

Joseph Konys »Lord’s Resistance Army« entführte von Mitte der achtziger Jahre
an innerhalb von zwei Jahrzehnten in Norduganda Zehntausende Kinder. Sie wurden als Kindersoldaten und Sklaven ­rekrutiert. Fast die Hälfte von ihnen ­waren Mädchen. Viele Überlebende sind inzwischen heimgekehrt – gebrochen und verhaltensauffällig. Nun sollen Projekte den ehemaligen Kindersoldatinnen aus dem Trauma ihrer Kindheit in eine ­Zukunft als Frau helfen.

Von Kirsten Milhahn

Es war im Jahr 2006, als die Rebellen das Flüchtlingscamp stürmten. Meine Mutter und ich hatten dort Zuflucht vor Joseph Konys »Lord’s Resistance Army« (LRA) gesucht. Schon am Morgen sah ich bewaffnete Männer der LRA um das Camp schleichen. Bei Einbruch der Dämmerung griffen sie uns an, feuerten auf die Truppen der ugandischen ­Armee, die das Camp beschützten.« Lilly Acayo starrt vor sich auf die Tischplatte. Ein Blick aus schwarzen Augen, die keinen Kontakt suchen. Die junge Frau sitzt an diesem Morgen an ­einem der langen Tische im Speisesaal des Daniel-Comboni-Ausbildungszentrums in Gulu, der Hauptstadt der nordugan­dischen Provinz Acholiland. Sie hält die Hände fest im Schoß ­gefaltet. Ihr drahtiger Frauenkörper steckt in einem Blaumann, ihre schwarze Sonnenbrille hat sie in die kurz geschorenen ­Haare geschoben. Still sitzt sie da, nur die rechte Daumenkuppe malträtiert die Innenfläche ihrer linken Hand. Die Hand ist ­ölverschmiert, voller Schwielen. Seit etwa drei Monaten lernt die 23-Jährige in der Berufsschule das Schlosserhandwerk. Lilly ist kräftig, sie kann zupacken und zählt zu den Besten in ihrer Ausbildungsklasse. Doch das Reden fällt ihr schwer. Eigentlich spricht sie nie über das, was ihr vor sieben Jahren widerfuhr, sie flüstert, als habe sie Angst, belauscht zu werden. Dann bohrt sich ihr Daumen wieder tief in die linke Handfläche. »Mutter und ich rannten um unser Leben, in der Panik gerieten wir geradewegs vor die Läufe der AK-47 der Rebellen. Sie rissen mich weg von meiner Mutter, brüllten, sie würden mich töten, wenn die mich nicht gehen ließe. Dann warfen sie mir Berge von Gepäck zu, Dinge, die sie den Bewohnern des Camps gestohlen hatten, und stießen mich zusammen mit anderen Kindern vorwärts in den Busch.«

Lilly war 16 Jahre alt, als sie entführt wurde. Der Krieg in der Region war eigentlich schon vorbei, doch die Rebellen rekrutierten weiter. Lillys Albtraum sollte fast zwei Jahre andauern. Die Rebellen überließen sie einem Mann aus ihren Reihen als »Ehefrau«. Sie diente ihm als Sexsklavin, kochte, schleppte Lasten. Sie wurde geschlagen, hungerte und trank ihren eigenen Urin, um nicht zu verdursten. »Ich hatte Angst, bei allem, was sie mit mir taten und was ich im Busch sah. Wenn du nach tagelangem Marschieren gestolpert bist, haben sie dir in den Kopf geschossen. Wenn du nach Hause wolltest, haben sie dir in den Kopf geschossen, und wenn sie spürten, dass du Angst hast, haben sie dich auch erschossen. Wir waren so viele Kinder und sie haben so viele von uns getötet. Ich wollte leben. Ich habe nie wieder ­geweint.«

Erst vor acht Jahren ging in Norduganda einer der brutalsten ­Rebellenkriege in der Geschichte Ostafrikas zu Ende. Konys religiös getriebene Rebellenarmee tyrannisierte zwischen 1986 und 2006 die eigene Bevölkerung in allen nördlichen Provinzen, vor allem im Acholiland und in der Region um die Stadt Gulu. Die LRA zog marodierend durchs Land, plünderte Dörfer, brannte sie nieder, tötete die Bewohner, riss Kinder von den Schulbänken oder nachts aus den Betten und verschleppte sie in den Busch. Mehr als 30.000 Kinder dienten den Rebellen in dieser Zeit als Buschkrieger. Sie hatten nur die Wahl zu töten, wenn sie nicht selbst getötet werden wollten. Etwa die Hälfte der entführten Kinder waren Mädchen, die meisten haben nicht überlebt.

Lilly hatte Glück. 2008 entkam sie ihren Entführern. Während eines Angriffs der ugandischen Armee auf die Rebellen ganz in der Nähe eines Flüchtlingscamps rannte das Mädchen davon, mitten durch den Kugelhagel in Richtung Lager. Sie fand ihre Mutter und kehrte später mit ihr aus dem Camp zurück in ihr Heimatdorf. Doch Lilly fand nicht zurück ins Leben. »Nachts kamen die Albträume, tags die Depressionen«, sagt sie. Eines ­Tages habe sie im Radio von der Berufsschule der Comboni-­Missionare in Gulu gehört. »›Geh hin‹, dachte ich. ›Eine andere Chance bekommst du nicht.‹« Sie sei den kilometerlangen Weg zum Ausbildungszentrum gegangen, habe ans Tor geklopft. Die Leute dort hätten ihr bei der Bewerbung geholfen und ihr ein Stipendium besorgt. Lilly begann ihre Lehre als Schlosserin. Ein Männerberuf, sagt sie. Aber das mache ihr nichts aus.

Seit 1995 bildet das Comboni-Zentrum in Gulu junge Männer und Frauen zu Handwerkern aus. »Jedes Jahr sind das 400 junge Tischler, Steinmetze, Maurer, Elektriker, Friseure, Automechaniker und Schlosser«, sagt Konrad Tremmel, der das Trainingszentrum seit fünf Jahren leitet. »Wir zeigen ihnen, wie sie mit Kopf und Händen für ihre eigene Zukunft arbeiten.« Tremmel weiß, wovon er spricht. Bevor er Geistlicher wurde, war er selbst lange Zeit erfolgreicher Handwerker. Heute ist er in erster Linie Manager und seine Berufsschule ist inzwischen eine der besten in ganz Uganda. Doch das Zentrum hat noch eine andere Funktion. Seit Kriegsende fördert es Härtefälle – vor allem junge Frauen, die wie Lilly Acayo aus dem Busch heimkehrten. Gebrochene Seelen ohne Kindheit, wie Tremmel die ehemaligen Kindersoldatinnen nennt. In ihren Dörfern würden sie vor die Hunde gehen, ließe man sie dort allein. Fast alle seien traumatisiert, viele bekämpften ihre Depressionen mit Drogen. »Bei uns bekommen diese Frauen eine Aufgabe und die Aussicht auf einen Neuanfang.« Damit das gelingt, unterhält Tremmel Kontakte zu Handwerksbetrieben in ganz Uganda. »Wir schicken Auszubildende für Praktika sogar bis in die Hauptstadt Kampala und vermitteln später Arbeitsplätze im ganzen Land.«

Beschäftigung lenkt ab und bringt Anerkennung. Das weiß auch Dorina Tadiello, Comboni-Schwester bei den Samaritern der Diözese in Gulu, aus langjähriger Erfahrung mit den Frauen. Sie sieht allerdings noch einen anderen Weg aus dem Trauma. »Die Mädchen haben im Busch ihre Würde und das Vertrauen in andere Menschen verloren. Sie brauchen das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein.« Eine Kooperative des Pfarrbezirks mit dem treffenden Namen »Wawoto Kacel«, was so viel heißt wie »Geht gemeinsam«, setzt daher nicht nur auf Arbeitsplätze, sondern vor allem auf Gemeinschaftssinn.

Aus den Produktionsräumen auf dem weitläufigen Gelände der Diözese hallt Stimmengewirr und Gelächter. An langen ­Tischen sitzen Frauen vor Nähmaschinen oder Schalen voller Früchte und Samen, die sie zu Perlenketten fädeln. Sie schneidern traditionelle Kleidung und Taschen, weben Schals, Decken oder Tischtücher und verkaufen ihre Produkte im Ausstellungsraum nebenan. »Wawoto Kacel« liefert Kunsthandwerk in andere ostafrikanische Länder und bis nach Europa.

»Die Frauen kommen zu uns, weil sie hier Freunde finden«, sagt Tadiello. Die Diözese öffnete 1992 ihre Pforten, zunächst für Menschen mit HIV und Aids. Später kamen auch ehemalige Kindersoldatinnen. »Nichts ist schlimmer, als diese Mädchen mit ihrem Schicksal allein zu lassen«, sagt sie. »Sie leiden viel mehr als männliche Kindersoldaten.« Weshalb? Weil Mädchen in den Reihen der Rebellen nicht nur gezwungen wurden, Nachbarn oder Familienmitglieder zu töten. Sie wurden vergewaltigt, misshandelt, entwurzelt. Zudem tragen viele von ihnen heute das Zeugnis ihrer Vergangenheit mit sich herum.

Christine Aciro sitzt in der Weberei von »Wawoto Kacel« am Webstuhl, lässt das Schiffchen hin- und herflitzen. Die 28-Jährige lächelt viel. Das war nicht immer so. Als sie vor vier Jahren in die Diözese kam, war die junge Frau am Ende. Sie war zehn, als Rebellen sie entführten. Zwölf Jahre verbrachte sie bei ihnen im Busch und wurde dort Mutter. Als Christine 2005 den Rebellen entkam, war sie gezeichnet. Sie kehrte mit drei Söhnen in ihr Dorf zurück. Der Vater der Jungen: ein 50-jähriger LRA-Kommandant und Vertrauter Konys, dem Christine seit ihrem 13. ­Lebensjahr als »Ehefrau« diente. »Es gab keine Liebe im Busch«, sagt sie. »Dort draußen gab es niemanden, der dir geholfen hat, keinen, dem du vertrauen konntest. Wir haben getan, was uns die Rebellen befahlen, weil jede von uns ums Überleben kämpfte. Jede für sich, jede auf ihre Weise.« Als die junge Frau mit den Kindern in ihren Heimatort zurückkehrte, wurde sie von den Dorfbewohnern gemieden und als Rebellenhure und Mörderin beschimpft. Seither quälten sie Schuldgefühle. Die Diözese sei ihre Rettung gewesen. Christine ist heute eine von 14 ehemaligen Kindersoldatinnen in der Kooperative.

»Schuld, die auf tiefe Verletzung trifft, ist heute sympto­matisch in vielen Dörfern im Acholiland«, sagt Dorina Tadiello. »Die Leute stehen noch reihenweise unter Schock. Jede ­Familie im Distrikt Gulu ist vom Krieg gezeichnet. Sie haben Mütter, Väter, Brüder oder Schwestern durch die Rebellen ­verloren, fast alle von ihnen hausten jahrzehntelang in den Flüchtlingscamps der Regierung.« Die Mädchen seien zwar entführt worden, hätten aber aus Sicht der Dorfbewohner für die Rebellen gekämpft und deren Kinder ausgetragen. »Sie ­halten diese Frauen für einstige Komplizinnen der Mörder. Mit ihrer bloßen Anwesenheit reißen Frauen wie Christine ­beständig alte Wunden auf.«

Der Weg zur Vergebung ist daher noch lang und steinig. Denn Versöhnungsprozesse bleiben vielfach aus. Zwar leisteten Hilfsorganisationen nach Kriegsende psychische Nothilfe bei den Opfern. Sie sprachen mit Dorfältesten und betrieben Aufklärung in den Gemeinden zur Situation der Kindersoldaten. In Einzelfällen hat das Erfolg gezeigt, erzählt die Comboni-Schwester. Aber die Akuthilfe ist vorbei, die Organisationen ziehen ihre Leute inzwischen ab in Richtung Kongo und Zentralafrika. Die ugandische Regierung unter Yoweri Museveni müsste längst Verantwortung übernehmen in Sachen Aufarbeitung, doch sie zeigt wenig Interesse am Norden.

Die Samariter haben deshalb versucht, Gespräche in den betroffenen Familien anzuregen. Manche Mädchen hatten Glück und wurden wieder in die Verwandtschaft integriert. »In vielen Fällen, vor allem in den harten, bei Mädchen, die getötet haben, waren wir nicht sehr erfolgreich«, erzählt Tadiello. »Oft gingen Familienmitglieder schon nach einer halben Stunde aufeinander los. Die Wunden müssen erst heilen und die Menschen ­lernen, sich wieder zu lieben.«

Doch was, wenn Albträume bleiben? Christine sucht ihr Seelenheil inzwischen im Glauben. »Das Gebet hilft zu vergessen, das gelingt aber nicht immer.« Wie viele andere verdrängt sie die Erinnerung, schweigt über das, was war, auch weil sie sich dafür schämt. Das Schwesternteam um Dorina Tadiello hält deshalb nicht nur Gottesdienste, sondern auch regelmäßige Gesprächsrunden ab. »Die Frauen sollen lernen, dass sie keine Schuld tragen«, erklärt eine der Schwestern. »Hartnäckige Fälle provozieren wir, indem wir im Gespräch in die Rolle der einstigen Peiniger schlüpfen. Oft bricht der Damm, sie reden, manche schreien mir ihre Wut geradezu ins Gesicht. Meist fließen Tränen, die erleichtern und schon lange hätten geweint werden müssen.«

Auch Lilly Acayo sagt, sie wolle reden. Irgendwann. Am Nachmittag hat sie ihren Blaumann gegen Rock und Bluse getauscht. Die junge Frau wirkt entspannter, als sie sich an diesem Tag auf den Heimweg macht von der Berufsschule. Lilly lebt mittlerweile in einer anderen Gemeinde, in der nur ihre Mutter und ihre Geschwister von ihrer Vergangenheit wissen. Sie hat eine dreijährige Tochter, die sie allein großzieht. Für sie kämpfe sie sich zurück ins Leben, sagt Lilly. Komme, was wolle. Jeden Tag geht sie dafür fünf Stunden zu Fuß: morgens zweieinhalb Stunden zur Berufsschule und nachmittags zurück ins Dorf. Sie will als eine der besten ihren Schlosserkurs abschließen. Den zehn erfolgreichsten haben die Comboni eine Starthilfe fürs eigene Unternehmen versprochen und wollen die ersten Maschinen sponsern. Die junge Frau hofft auf ihre Schlosserei, mit der sie endlich eigenes Geld verdient. Ihre Tochter Sophie kommt in diesem Jahr in den Kindergarten, danach soll sie zur Schule gehen. »Sophie wird eine bessere Kindheit haben als ich.«

Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Nairobi und Hamburg.

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