Amnesty Journal Argentinien 26. Januar 2015

Tot und doch präsent

Der Roman »Die Ewigen« des argentinischen Schriftstellers Martín Caparrós erzählt vom Leben und Sterben in einem Land, in dem während der Militärdiktatur Tausende Regimegegner »verschwanden«.

Von Maik Söhler

Zwischen 1976 und 1983 hörten Tausende Argentinier plötzlich auf zu existieren. Die nach dem Ende der Diktatur vom damaligen Präsidenten Raúl Alfonsín eingerichtete Untersuchungskommission zum Verschwindenlassen von Personen gab in ihrem Abschlussbericht an, rund 9.000 Menschen seien der Militärdiktatur zum Opfer gefallen. Menschenrechtler gehen von 25.000 bis 30.000 Verschwundenen aus. Sie hatten ihre Stimme gegen die faschistische Junta unter Jorge Rafael Videla erhoben oder waren vom Regime als Gefahr für den »Prozess der Nationalen Reorganisation« betrachtet worden. Das Verschwindenlassen und die Ermordung der Regimegegner beschäftigen bis heute die argentinische ­Politik, Justiz und Gesellschaft.

Der Roman »Die Ewigen« von Martín Caparrós, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, zählt zu den wichtigsten Neu­erscheinungen dieses Jahres. Es geht dem argentinischen Schriftsteller und Journalisten nicht darum, wie viele Opfer die Militärdiktatur zu verantworten hat. Sein Thema ist der ­große Gleichmacher – der Tod selbst. Dem Protagonisten des ­Romans, Nito, gelingt es, die Lebenden mit seinen Gedanken und Worten über den Tod einzuschüchtern: »Die einen können Fußball spielen, andere singen, andere lösen Logarithmen; ich vermag mir den Tod vorzustellen.«

Nito kommt zur Welt, als der zweimalige, von vielen Argentiniern bis heute verehrte Präsident Juan Perón gerade stirbt. Nitos Vater wird kurz danach bei einem Autounfall ge­tötet. Schon früh ist der Tod also in seinem ­Leben gegenwärtig, die Endlichkeit ist ihm schon als Kind deutlich bewusst. Als er später den Fahrer des Autos, das seinen Vater tötete, zur Rede stellt, bemerkt er, dass ihm die Angst vor dem Tod, die andere Menschen haben, nützlich ist und zu Macht verhilft.

Caparrós behandelt fast sämtliche Aspekte, die mit dem Sterben verbunden sind: Angst und Freude, Trauer und Hoffnung, Leugnung und Sehnsucht, Alter, Unfall und Suizid, Selbst- und Fremdbestimmung, die ­Bedeutung der Bestattung in der Zivilisationsgeschichte, das Geschäft mit den Beerdigungen, die Kunst und ihr Blick auf den Verfall, kurz: die Omnipräsenz des Todes. Auf fast 450 Seiten entsteht ein Panoptikum des Endes vom Leben. Der Roman ist bedrückend und erhellend zugleich, denn in seinem Zentrum und an seinen Rändern findet sich das, was viele von uns am meisten fürchten.

Was auf den ersten Blick als entpolitisierende Reflexion über den Tod erscheint, verwandelt sich bei genauerem Lesen in politische Prosa par excellence. Denn Caparrós gibt, ohne auch nur einen Satz darüber zu schreiben, den ermordeten Regimegegnern jenen Platz in der argentinischen Gesellschaft zurück, den ihnen die Diktatur für immer verweigern wollte, indem sie sie verschwinden ließ.

Martín Caparrós: Die Ewigen. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg.
­Berlin Verlag, Berlin 2014. 448 Seiten, 24,99 Euro.

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