Raus aus Ägypten
Aufgerieben zwischen Staat, Islamisten und ökonomischer Krise: Chalid al-Chamissis Roman "Arche Noah" erzählt vom seit Jahren anhaltenden Exodus junger Menschen aus Ägypten.
Von Maik Söhler
Was ist das derzeit größte Problem Ägyptens? Das Militär, das mit einem Staatsstreich den demokratisch legitimierten Präsidenten Mohammed Mursi aus den Reihen der Muslimbrüderschaft abgesetzt hat? Oder die Islamisten, die mit gewaltsamen Protesten, aber auch mit gezielten Übergriffen auf liberale Demonstranten und vor allem auf Frauen Schlagzeilen machen? Oder der ökonomische Kollaps, der zur Verarmung großer Teile des ägyptischen Mittelstandes geführt hat, ganz zu schweigen von der Armut der breiten Masse?
Nichts davon allein, sondern alles zugleich, meint der ägyptische Journalist und Schriftsteller Chalid al-Chamissi in seinem neuen Roman "Arche Noah". Aus seiner Sicht gibt es ein Problem, das alle anderen überlagert: die Abwanderung von Ägyptern aller Altersgruppen, sozialer Schichten und beiderlei Geschlechts ins Ausland. Die genannten und viele weitere Aspekte sind seiner Ansicht nach Ursachen der seit Jahren anhaltenden Massenflucht. Sie habe begonnen, als Mubarak noch an der Macht war, und sie halte an, egal ob das Militär eine ihm genehme Staatsführung einrichte oder ob die Muslimbrüder regierten.
Chamissis Buch "Arche Noah" versammelt elf Geschichten von Ägyptern, die das Land tatsächlich verlassen oder es zumindest verlassen wollen, aber mangels Geld, Beziehungen oder Glück vorerst zum Bleiben verdammt sind. Manchmal kreuzen sich ihre Wege, gelegentlich stimmen die Gründe überein, einige Male auch die Ziele, fast immer aber die Wünsche. "Das Leben hier in Ägypten sieht (…) so aus: keine Arbeit, kein Geld, keine Ferien, keine Freiräume", berichtet zum Beispiel Achmad. Der Schleuser Mabruk ergänzt: "Hier rauszukommen ist nämlich derzeit das Einzige, was das Land am Leben hält, jawohl, das Einzige! Ich weiß, wovon ich rede. Ich sage nur: Schattenwirtschaft."
Das Ägypten aus der Perspektive Chamissis ist ein erstarrtes Land, in dem es an fast allem mangelt. Wenn es von etwas zu viel gibt, dann sind es Korruption, Unfähigkeit, Kontrolle und Islamisierung. Kleinunternehmer verzweifeln an rigiden, widersprüchlichen Maßnahmen des Staates und an der Bürokratie, die sich selbst mit viel Schmiergeld manchmal nicht umgehen lässt. Liebende sind konfrontiert mit rigiden islamischen Moralvorstellungen und mit enormen Summen, die als Brautgeld fällig werden. Auf junge Ägypter wartet eine Jugendarbeitslosigkeit von 70 Prozent, weder ein eigenes Einkommen noch eine Wohnung stehen in Aussicht.
Wer Geld hat, verlässt das Land so schnell es geht und am besten in Richtung USA oder Kanada. Wer keines hat, nimmt Kredite auf oder versucht, eine Niere zu verkaufen, um nach Italien oder Spanien zu gelangen. "Arche Noah" ist ein gelungenes, zutiefst menschliches Buch, weil es viel vom Scheitern weiß und doch die Hoffnung nicht fahren lässt.
Chalid al-Chamissi: Arche Noah. Aus dem Arabischen von Leila Chammaa. Lenos Verlag, Basel 2013. 407 Seiten, 22,50 Euro.