Amnesty Journal Sudan 28. November 2013

Der Unbeugsame

Weil er sich für die Menschenrechte einsetzt, wurde Bushra Hussein im Sudan ein Jahr lang inhaftiert und im Gefängnis gefoltert. Mit Hilfe von Amnesty International konnte er nach Deutschland kommen, um die Folgen der Folter medizinisch behandeln zu lassen.

Von Daniel Kreuz

Als Bushra Hussein das kleine Modellflugzeug am Himmel sah, wusste er sofort: "Sie kommen." Schnell lief der sudanesische Menschenrechtsverteidiger vom Garten ins Haus. "Sie", das waren Mitarbeiter des Geheimdienstes NISS, die an jenem 25. Juni 2011 auf der Suche nach Bushra Hussein waren.

Er vermutete, dass an dem Gerät eine Kamera befestigt war, und er sollte Recht behalten: Innerhalb kürzester Zeit überflog das Flugzeug mehrmals den Garten des Hauses in der Hauptstadt Khartum. Wenige Minuten später verschafften sich vier Männer in Zivil Zutritt zur Wohnung des Menschenrechtsverteidigers und nahmen ihn fest. Damit begann sein Martyrium.

Die Männer brachten ihn an einen unbekannten Ort, wo er von neun Uhr abends bis sechs Uhr morgens gefoltert wurde: Er wurde mit Fäusten geschlagen, mit Gewehrkolben, mit Plastikrohren. Die ganze Zeit über erhielt er weder Nahrung noch Wasser. Immer wieder verlangten sie von ihm die Herausgabe eines USB-Sticks, auf dem er seine Rechercheergebnisse über Menschenrechtsverletzungen gespeichert hatte. "Aber ich wusste, wenn ich es ihnen sagen würde, würde es nur noch schlimmer werden." Also schwieg er.

Am zweiten Tag hatte das Foltern ein Ende. Die Geheimdienstmitarbeiter begannen, ihn besser zu behandeln: "Nicht gut, aber besser." Auf einmal fragten sie höflich, ob er ihnen die gesuchten Informationen geben könne. "Ich merkte sofort, dass die internationale Gemeinschaft begonnen hatte, Druck auszu­üben." Verschiedene Organisationen, darunter Amnesty, hatten mit Kampagnen und Eilaktionen seine Freilassung gefordert.

Bushra Hussein wurde 1962 in Taloudi im Sudan geboren. Der Röntgentechniker gründete in seiner Heimatregion Südkordofan die Menschenrechtsorganisation "Human Rights and Development Organization" (HUDO), nachdem er bis 2009 Direktor der Hilfsorganisation "Sudan Social Development Organization" (SUDO) gewesen war. SUDO half Vertriebenen und baute unter anderem Schulen und Gesundheitszentren. Gemeinsam mit anderen Aktivisten betrieb Bushra Hussein zudem Menschenrechtsbildung und sammelte Beweise für Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen, weshalb er früh ins ­Visier der Behörden geriet.

Jedes Mal, wenn hochrangige Vertreter des Regimes in die Region reisten, wurde Bushra Hussein festgenommen. Mal für ein oder zwei Tage, mal für eine Woche. "So oft, dass ich es nicht mehr gezählt habe." Aber niemals sollte es so schlimm werden wie im Juni 2011. Doch das Wissen, dass er nicht allein war, gab ihm neue Kraft. Dass der öffentliche Druck schnell Wirkung zeigte, wundert ihn nicht: "Wenn du siehst, wie jemand ein Verbrechen begeht, und du hast dessen Telefonnummer und rufst ihn an und sagst: 'Ich weiß es', und legst sofort wieder auf. Wie wird sich diese Person wohl fühlen? Bestimmt nicht sehr gut".

Und genau so sei es auch mit der sudanesischen Regierung: "Sie mögen Leute wie mich und Organisationen wie Amnesty nicht, weil wir ans Licht bringen, was sie verstecken wollen." Deshalb hätten sich auch die Männer, die ihn verhörten, schon am zweiten Tag anders benommen: "Selbst der Brief eines kleinen Kindes kann einen Unterschied machen, denn er zeigt ihnen: 'Ich weiß es.'"

Vier Wochen lang war Bushra Hussein in der Hand des Geheimdienstes. Im Juli 2011 brachte man ihn ins Kober-Gefängnis nach Khartum, wo er weder Kontakt zu seiner Familie noch zu seinem Anwalt aufnehmen konnte. Kurz nach seiner angeordneten Freilassung wurde er im September 2011 erneut vom Geheimdienst festgenommen und ohne Anklage inhaftiert. Im Januar 2012 wurde er in den Gewahrsam der Generalstaatsanwaltschaft überstellt. Als er am 27. Juni 2012 endlich freigelassen wurde, hatte Bushra Hussein fast ein Jahr im Gefängnis verbracht – und das nur, weil er sich für die Rechte anderer eingesetzt hatte.

Während seiner Haft trat er vier Mal in den Hungerstreik, um seine Freilassung zu erzwingen. Die Antwort war immer ­dieselbe: Er wurde in Handschellen und Ketten in eine kleine, dunkle, dreckige Zelle gesperrt. Nach seiner Freilassung war er gesundheitlich schwer angeschlagen. Doch dauerte es keinen Monat, bis Bushra Hussein wieder seine Arbeit aufnahm. Er sprach mit ehemaligen Gefangenen, die aus anderen Gefängnissen freigelassen worden waren, um zu dokumentieren, welche Personen noch inhaftiert waren. "Es passiert nicht selten, dass Menschen, die festgenommen wurden, für immer 'verschwinden'."

Dieses Schicksal drohte auch Bushra Hussein. Im Dezember 2012 erfuhr er, dass er erneut ins Visier des NISS geraten war, doch dass sie ihn dieses Mal nicht festnehmen, sondern entführen wollten: "Dann hätte es keine Zeugen gegeben …" Innerhalb weniger Stunden verließ Bushra Hussein Khartum und schlug sich bis in die ugandische Hauptstadt Kampala durch. Von dort aus reiste er auf Einladung von Amnesty International im vergangenen Mai nach Deutschland, wo er bis September in Hannover medizinisch behandelt wurde.

Amnesty wollte ihm die Möglichkeit geben, in Deutschland seine Gesundheit wiederherzustellen und seine Menschenrechtsarbeit weiterzuführen. Amnesty finanzierte seinen Aufenthalt gemeinsam mit anderen Organisationen aus einem Hilfsfonds für Menschenrechtsverteidiger. In Hannover wurde er ehrenamtlich von Amnesty-Mitgliedern betreut. Sie halfen ihm unter anderem dabei, eine Wohnung zu finden, organisierten Fahrdienste zu Arztterminen und zur Physiotherapie, halfen ihm beim Einkaufen und übersetzten notwendige Informationen.

Bushra Hussein ist ein unkomplizierter Mann mit einem fröhlichen und einnehmenden Wesen. "Noch beeindruckender als seine Berichte über den Sudan war für uns alle der Mensch selbst, der uns nun gegenüber stand", erzählt Pamela Klages vom Amnesty-Bezirk Hannover. "Der auch nach einem Jahr Haft und Folter und nach seiner Flucht nicht den leisesten Zweifel an seiner Arbeit zeigt und seinen Weg weitergehen will. Und das trotz allem, was es ihn schon gekostet hat."

Nach dem Ende seiner Behandlung in Deutschland kehrte Bushra Hussein nach Uganda zurück. Im Sudan ist es für ihn zu gefährlich. Und obwohl er gehört hat, dass die sudanesischen Behörden auch in Uganda nach ihm suchen, setzt er sich dort weiterhin für die Menschenrechte in seinem Heimatland ein.

"Nach allem, was ich im Sudan gesehen und im Gefängnis erlebt habe, kann ich nicht einfach aufhören. Noch immer leiden dort Menschen in den Gefängnissen. Deswegen gibt es für mich einfach keine andere Möglichkeit, als weiterzumachen."

Der Autor ist ehemaliger Volontär des Amnesty Journals.

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