Amnesty Journal Ägypten 18. Juli 2013

Hinter den Pyramiden

Yousry Nasrallahs Film "Nach der Revolution" ist ein filmisches Experiment über die Demokratiebewegung in Ägypten.

Von Jürgen Kiontke

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo rappelt es. 8. März, es ist Frauentag: "Diese konservativen Idioten wollen, dass wir am Herd bleiben, aber das werden sie nicht schaffen", ruft die aufgebrachte junge Frau in die wackelige YouTube-Kamera. Ägypten im Aufruhr, Diskussionen um Menschenrechte, Gleichberechtigung und auch die neuen Medien an jeder Ecke, in jedem Haushalt: So beginnt Yousry Nasrallahs Film "Nach der Revolution".

Die politischen Bilder verschränkt der Film mit einem bizarren Beziehungsgeflecht. Das Thema: Wie kommt die Demokratie in den Hinterhof der Pyramiden? Weil der Kampf um Demokratie die Klassenschranken überschreitet, verlieben sich auch ganz andere Menschen ineinander. So wie die engagierte Aktivistin Reem (Menna Shalabi), deren Weg in die armen Viertel führt, und Mahmoud (Bassem Samra), der dort sein Geld als Pferdeführer für Touristen verdient.

Reem ist fasziniert von der Welt der Tagelöhner. In der gehobenen Mittelschicht kennt man deren Nöte nicht. Mahmoud hingegen steht der Demokratiebewegung indifferent, wenn nicht gar feindlich gegenüber, findet Reem aber höchst interessant und reizend. Aber er hat sich schuldig gemacht: Angestiftet von Reaktionären ritt er mit anderen auf den Tahrir-Platz, um Demonstranten zu verprügeln – ihnen war gesagt worden, "Zionisten" würden dort für Unruhe sorgen! Eine Behauptung, die sowohl von ­Islamisten verbreitet wird, als auch von lokalen Herrschern, die um ihre Macht fürchten. Wer für die Rechte von Frauen eintrete, sei ein Agent des Westens, "der unser Land zerstören will", heißt es. Für Mahmoud hatte der Sturz von Präsident Mubarak Konsequenzen, denn seither bleiben die Besucher weg, in den Vierteln rund um die ägyptischen Touristenattraktionen geht das Geld aus. Und auch in Kairo wird gentrifiziert: Die armen Leute sollen verschwinden. An all dem sollen die Demokraten schuld sein. So kommt es zur "Schlacht der Kamele": Der angestiftete Mob verprügelt, vergewaltigt und tötet Demonstranten.

Ein Tag, der zu nachhaltigem Misstrauen führt – selbst die Kinder auf dem Schulhof hauen sich die Meinung der Eltern um die Ohren. Mahmoud und seine Frau Fatma (Nahed El Sebaï) ­sehen sich mit neuen Lebensentwürfen konfrontiert, die in der Person Reems daherkommen, und kämpfen gegen die Armut. Doch noch viel mehr kämpfen sie mit sich selbst: Die Scheidung steht im Raum.

Der Film will all dies anhand der Diskussionen zwischen den Protagonisten vieler Lager und gesellschaftlicher Gruppen reflektieren. Dabei ist ihm nicht immer leicht zu folgen. Die Einstellungen sind lang, manches ist quälend, manches ausufernd. Die Figuren sind teilweise stark überzeichnet, beinahe holzschnittartig, als ginge es darum, Statements zu proklamieren.

Aber hier liegt auch die Stärke des Films: Er bezieht Position, weil er Dinge zur Diskussion stellt. Mit vielen guten Ideen in der halbdokumentarischen Machart eines Pasolini-Films inszeniert Nasrallah die ägyptische Revolte, die noch nicht weiß, wie sie weitergeht. Ende offen – ein spannender Film mit tollen Schauspielern.

"Nach der Revolution". F/EGY 2012. Regie: Yousry Nasrallah, Darsteller: ­Menna Shalabi, Bassem Samra. Kinostart: 30. Mai 2013

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