Amnesty Journal China 18. Juli 2013

"Die Mächtigen zeigen Härte, weil sie Angst haben"

Der Chinese Chen Guangcheng überlistete vor einem Jahr seine Wachen und floh in die US-Botschaft in Peking. Nun hat der blinde Bürgerrechtler die Bundesrepublik ­besucht.

Von Ramin M. Nowzad

Der Mann, der eine Weltmacht blamierte, wirkt eigenartig schüchtern. Steif sitzt er da, nur selten huscht ein scheues Lächeln über seine Lippen. Auf den Tag genau vor einem Jahr hielt der Chinese Chen Guangcheng die Welt in Atem. Nun sitzt der blinde Anwalt im Presseraum des Auswärtigen Amtes in Berlin, trinkt Tee und beantwortet geduldig die Fragen der Journalisten.

Das »Time Magazine« zählte den chinesischen Bürgerrechtler schon 2006 zu den »100 einflussreichsten Menschen der Welt«. Doch erst das vergangene Jahr machte den Mann mit der großen Sonnenbrille und dem dünnen Oberlippenbart schlag­artig weltbekannt: Chen, der seit frühester Kindheit blind ist, stand in seinem Heimatdorf unter Hausarrest. Im April 2012 überlistete er seine Wachen und floh in die US-Botschaft in Peking. Er löste damit eine der bisher größten bilateralen Krisen zwischen den USA und China aus. Nach erbittertem diplomatischem Tauziehen durfte Chen im Mai 2012 nach New York ausreisen, wo er heute mit seiner Familie lebt. Anlässlich des Jahrestages seiner Flucht besuchte Chen erstmals Deutschland. Eingeladen hatte ihn Markus Löning (FDP), der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung.

Chen ist kein Dissident im herkömmlichen Sinne. In seiner Heimat kämpfte er nicht für einen Umsturz, sondern lediglich dafür, dass die Gesetze eingehalten werden. Jahrelang wanderte Chen von Dorf zu Dorf, um Landbewohner über ihre Rechte aufzuklären. Die juristischen Kenntnisse hatte sich der Bauernsohn im Selbststudium angeeignet. Doch Chen glaubte an Chinas Rechtssystem mehr, als es dem Regime lieb sein konnte. Als er 2005 eine Sammelklage einreichte, weil Frauen in seiner Heimatprovinz von Beamten illegal dazu gezwungen wurden, abzutreiben und sich sterilisieren zu lassen, schlugen die Behörden zurück: Der missliebige Laienjurist wurde unter fadenscheinigen Vorwänden selbst angeklagt.

Vier Jahre musste Chen wegen »Sachbeschädigung« und »Störung des Straßenverkehrs« im Gefängnis verbüßen – und kaum war er im Herbst 2010 aus der Haft entlassen, hielten ihn Wachen in seinem Haus erneut gefangen: Sobald er versuchte, sein Anwesen zu verlassen, prügelten sie ihn blutig. Seiner Familie erging es nicht besser: Schläger drangsalierten seine Mutter und brachen Chens Ehefrau die Knochen. Der schikanöse Hausarrest dauerte mehr als ein Jahr, dann beschloss Chen zu fliehen.

Seine Flucht verlief so abenteuerlich, dass man sich wundert, wie sie überhaupt gelingen konnte. Mindestens sechzig Menschen waren in seinem Heimatdorf darauf abgestellt, ihn zu überwachen. Als seine Aufpasser für einen Moment unachtsam waren, erklomm Chen Guangcheng die meterhohe Mauer, die die Behörden um sein Haus errichtet hatten – und brach sich beim Sprung nach unten den Fuß. Er humpelte in einen Schweinestall, wo er sich versteckte, bis die Dunkelheit anbrach. Dann robbte der blinde Mann zwanzig Stunden ins Nachbardorf. »Es war gefährlich«, sagte er später. »Wenn ich entdeckt worden wäre, hätte man mich vermutlich totgeprügelt.«

Inzwischen ist er in den USA in Sicherheit, doch die chinesischen Behörden haben längst seine Angehörigen in Sippenhaft genommen. Erst kürzlich verurteilte ein Gericht Chens Neffen zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Trotzdem bleibt Chen optimistisch: »Die Mächtigen zeigen Härte, weil sie Angst haben. Das Volk fordert immer selbstbewusster seine Rechte ein – und diese Entwicklung lässt sich nicht mehr umkehren.«

Weitere Artikel