Fairschenken
Wer faire Waren sucht, wird zunehmend fündig
© Jens Bonnke
Ob Fußbälle, Goldringe, Kleider oder Elektronik – in vielen Bereichen gibt es inzwischen Anbieter, die sich um faire Produktionsbedingungen bemühen.
Von Annette Jensen
Viele Leute wollen gerne faire und ökologische Produkte haben, aber sie wissen oft nicht, wo sie sie herbekommen können", sagt Lovis Willenberg, Initiator der ersten Messe für nachhaltigen Konsum. Der gelernte Landschaftsplaner kennt kleine Firmen, die zwar ein hervorragendes Angebot haben, sich aber kein professionelles Marketing leisten können. Das brachte ihn vor vier Jahren auf die Idee des sogenannten Heldenmarkts. Die Messe im Berliner Postbahnhof ist längst eine feste Institution, die Stellplätze sind jedes Mal überbucht und Besucher müssen am Einlass mit langen Schlangen rechnen. Auch in anderen Städten erwies sich das Konzept schon als voller Erfolg. Lovis Willenberg trifft damit offenbar das Interesse einer wachsenden Zahl von Konsumenten: "Geld ist soziales Gestaltungsmittel. Mit unseren Kaufentscheidungen bestimmen wir, wie sich unsere soziale und ökologische Umwelt entwickelt."
Nie wird so viel umgesetzt wie vor Weihnachten. Fast 500 Euro gibt ein Normalverbraucher für Geschenke, Leckereien und den Festtagsbraten aus. Ein Großteil dessen, was unterm Tannenbaum landet, ist unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Doch inzwischen gibt es auf fast jedem Gebiet auch Anbieter, die sich um faire Produktionsbedingungen bemühen.
Goldschmiede können in den seltensten Fällen Auskunft darüber geben, wo das Material herkommt, das sie verarbeiten. In der Regel kaufen sie es von einer Scheideanstalt, die Edelmetalle sowohl recycelt als auch neues Material ankauft. Was im Kerzenlicht funkelt und glänzt, hat oft in anderen Weltregionen Menschen, Tiere und Pflanzen vergiftet. Doch es gibt Alternativen: 2009 schlossen sich Schmuckhersteller zum gemeinnützigen Verein "Fair Trade Minerals & Gems" zusammen, der inzwischen 100 Mitglieder in ganz Deutschland hat. Eine der Gründerinnen ist Dagmar Fleck, die den Edelsteinimport Laurins Garten betreibt und bei Reisen nach Lateinamerika geschockt war über die katastrophalen Auswirkungen der Rohstoffgewinnung. Sie und ihre Mitstreiter garantieren den Kunden, dass für ihre Ringe und Ketten kein Schürfer seine Gesundheit ruiniert hat. So arbeiten die Mitglieder der kolumbianischen Kooperative "Oro Verde" ohne Quecksilber und Zyanid. Für das Gold bekommen sie nicht nur den vollen Weltmarktpreis, sondern auch einen 20-prozentigen Aufschlag, mit dem soziale und ökologische Projekte der Kooperative finanziert werden, berichtet Fleck. Ein Fair-Trade-Siegel für Edelmetalle gibt es in Deutschland – anders als in Großbritannien – noch nicht. "Wir arbeiten daran", versichert Edith Gmeiner von Transfair.
"Nach den Schlagzeilen über Blutdiamanten wollten mehr Leute wissen, wo die Rohstoffe für Schmuck herkommen", hat Goldschmiedemeisterin Ina Kargus beobachtet, die in der Nürnberger Werkstatt "Hobbygoldschmiede" arbeitet. Dort können Brautpaare und andere Menschen unter Anleitung selbst Ringe, Anhänger und Broschen fertigen. Etwa zehn bis 15 Prozent der Kundschaft verlangen faire Rohstoffe und sind dafür bereit, pro Gramm Gold etwa 15 Euro mehr auszugeben, schätzt Kargus.
Auch im Elektronikbereich gibt es Bemühungen, faire Produkte auf den Markt zu bringen. Allerdings räumen alle Anbieter ein, dass es aufgrund der vielfältigen Komponenten bislang unmöglich ist, den gesamten Produktionsprozess zu überwachen. So stecken in einem Smartphone allein 30 verschiedene Metalle und Mineralien und selbst eine Computermaus besteht aus 20 verschiedenen Komponenten; entsprechend verschlungen sind die Lieferketten.
Vermutlich im Dezember kommt das Fairphone auf den Markt, das der Niederländer Bas van Abel zusammen mit anderen Enthusiasten entwickelt hat. Coltan und Zinn stammen aus überprüften Minen im Kongo, an denen nachweislich keine Warlords verdienen. Auch die Bedingungen der Arbeiterinnen in der chinesischen Montagefirma sind wesentlich besser als üblich und 8,5 Prozent des Kaufpreises gehen in eine Sozialkasse. Die Hersteller haben eine gemeinnützige Stiftung gegründet, alle Kostenpunkte transparent aufgelistet und wollen keinen Gewinn erzielen.
Finanziert wurde die Entwicklung durch Crowdfunding. Wenn 5.000 Menschen den Kaufpreis im Vorhinein überweisen, kann die Produktion starten, hatte das Fairphone-Team angekündigt. Tatsächlich waren Anfang Oktober schon 17.500 Geräte verkauft. "Es ist nicht das beste Smartphone auf dem Markt, aber gut genug", kommentiert Bas van Abel die technischen Daten des Geräts, dessen Konstruktion "open source" ist – also theoretisch für jeden nachbaubar. Außerdem ist es reparaturfreundlich, hat einen austauschbaren Akku und ein recyclebares Kunststoffgehäuse. Das Fairphone will kein Marktführer sein, sondern die etablierte Industrie inspirieren, es selbst besser zu machen.
Bei Fußbällen ist das schon teilweise gelungen: Zwangs- und Kinderarbeit gibt es in der pakistanischen Sportartikelstadt Sialkot immerhin nicht mehr. Trotzdem ist die Lage vieler Näherinnen verzweifelt: Sie haben kaum noch Aufträge, weil die großen Hersteller zunehmend Maschinen einsetzen – und wo noch in Handarbeit gefertigt wird, gibt es nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn. Anders sieht das für die Mitarbeiterinnen der Firma Talon aus, wenn der Auftrag aus fairem Handel kommt. Dann verdienen sie nicht nur 16 bis 25 Prozent mehr pro Ball. Die dezentralen Werkstätten bieten ihnen außerdem die Möglichkeit, ihre Kinder während der Arbeitszeit gut unterzubringen.
Mit trendigen Kleidungsangeboten tun sich faire Handelshäuser traditionell schwer, doch neue Unternehmen wie Armed Angels aus Köln bieten inzwischen moderne und vielfältige T-Shirts, Pullover und Jeans an, die man übers Internet bestellen kann. Die Biobaumwolle kommt aus Indien, gefärbt, genäht und bestickt werden die Kleidungsstücke in Portugal, der Türkei, Marokko und Indien. Die Verpackung übernehmen zum Großteil Behindertenwerkstätten in Deutschland. Mindestens alle drei Monate ist einer aus dem 20-köpfigen Team bei den Produzenten vor Ort, berichtet Marlene Putsche. Doch weil sie selbst nicht alles kontrollieren können, lassen sie ihre Ware auch durch die Fairtrade-Labelorganisation und die Biokleidungskontrolleure von Ceres überprüfen und dürfen dafür deren Siegel verwenden. Der Anspruch der jungen Crew ist hoch: "Wir wollen mit Armed Angels die Textilindustrie verändern, revolutionieren! Wir wollten nicht länger zusehen, wie Mensch und Natur für minderwertige Produkte ausgenutzt und zerstört werden", sagt Marlene Putsche.
Selbst Schokolade, bei der der Welthandel seit den achtziger Jahren durch wenige Großkonzerne wie Cargill dominiert wird, die die Rohstoffpreise drücken und so für katastrophal ungesunde und gefährliche Arbeitsbedingungen sorgen, gibt es inzwischen ohne bitteren Beigeschmack.
Der Marktanteil des fairen Handels beträgt allerdings weniger als 0,3 Prozent. Das in Hildesheim ansässige Importunternehmen El Puente verkauft jährlich etwa 20 bis 30 Tonnen Schokolade, vor allem in Weltläden. "Wir sind damit in der Szene eher ein kleinerer Fisch", sagt Martin Moritz von El Puente. Der Rohstoff stammt überwiegend von Kleinbauernkooperativen aus Lateinamerika und Afrika. Die können im fairen Handel nicht nur mit einem deutlich höheren Preis kalkulieren, sondern haben auch einen Abnehmer, der langfristig mit ihnen zusammenarbeitet. Etwa alle zwei Jahre besuchen El Puente-Mitarbeiter die Handelspartner vor Ort und überlegen gemeinsam mit ihnen, wie Absatz und Qualität der Produkte verbessert werden können.
Der Kontakt zu der bolivianischen Kooperative El Ceibo besteht seit Anfang der neunziger Jahre. Die Bauern sind Selbstversorger und bauen darüber hinaus Biokakao für den Export an. Dank Beratung und fairer Preisen konnten sie eine eigene Fabrik errichten, in der sie selbst ihre Bohnen zu Kakaomasse und -butter verarbeiten, die EU-Standards genügen. Gescheitert ist dagegen der Versuch, auch die Verarbeitung zu Schokolade im Herkunftsland zu organisieren. "Die Qualität reichte nicht aus und so etwas wird dann einfach nicht gekauft", erklärt Martin Moritz. Außerdem ist der Transport schwierig, wenn die Menge zu klein ist, um einen ganzen Kühlcontainer zu füllen. Deshalb übernimmt die Schweizer Schokoladenfabrik Bernrain, die für viele faire Handelshäuser in Europa produziert, die Herstellung.
Wer faire Waren sucht, wird also zunehmend fündig; demnächst soll es auch ein Fair-Trade-Siegel für Kosmetik geben. Doch das Ganze ist nach wie vor eine winzige Nische. Selbst fair gehandelter Kaffee als mit Abstand wichtigstes Fairhandelsprodukt erreicht in Deutschland nur einen Markteil von 2,2 Prozent.
Zugleich haben viele Großkonzerne erkannt, dass ihre Kundschaft zwar gern billig einkauft, dabei aber nicht an Tote in Bangladeschs Billigfabriken oder Kindersklaven in der Elfenbeinküste denken mag. Deshalb versuchen sie, ihre Fairness durch einen Verhaltenskodex zu demonstrieren. Sehr beliebt ist es, die Selbstverpflichtung durch die "Business Social Compliance Initiative" (BSCI) überwachen zu lassen. Nach außen vermittelt das zwar den Eindruck einer unabhängigen Überprüfung, tatsächlich kommt das Verfahren aber einer Selbstkontrolle gleich. Für die Produzenten von Exportgütern ändert sich dadurch so gut wie nichts. Soll sich die Arbeitssituation auf den Feldern, in den Bergwerken und Fabriken armer Länder tatsächlich verbessern, führt deshalb an rechtsverbindlichen Regelungen kein Weg vorbei.
Die Autorin arbeitet als freie Umwelt- und Wirtschaftsjournalistin in Berlin.
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