Amnesty Journal Deutschland 28. Januar 2014

Ein Humanist auf Reisen

Viele kennen den Journalisten Gerd Ruge als TV-Auslands­reporter. ­Weniger bekannt ist, dass er Amnesty International in Deutschland mitbegründet hat. Nun sind seine politischen Erinnerungen ­erschienen.

Von Maik Söhler

Er ist jüngst 85 Jahre alt geworden und Autobiografien hochbetagter Autoren bergen oft die Gefahr, altväterlich-abgeklärt daherzukommen – alles schon gesehen, alles schon erlebt. Bei Gerd Ruge, dem langjährigen Hörfunk-, Fernseh- und Zeitungsjournalisten, ist das nicht der Fall. Seine unter dem Titel "Unterwegs" erschienenen politischen Erinnerungen sind zwar von einem eher ruhigen Ton geprägt, doch seine Haltung zu Politik und Sozialem, zu Ökonomie und Kultur, zu Menschenrechten und Medien bleibt eine engagierte, dem Humanismus verpflichtete.

Ruge war bereits dabei, als 1961 mit dem "Amnestie-Appell" die deutsche Sektion von Amnesty International entstand – zwei Monate nach Gründung der internationalen Organisation. Sie setzte sich von Anfang an für politische Gefangene, Menschenrechte und Meinungsfreiheit auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" ein – allen politischen Attacken aus West und Ost und so mancher Erwähnung in Geheimdienstberichten in BRD und DDR zum Trotz.

Von seiner Jugendzeit im Nationalsozialismus bis zu seinen Reportagereisen im Ruhestand reichen Ruges Erinnerungen. Viel Raum nehmen die vierziger und fünfziger Jahre ein, als er nach politischen Freiräumen sucht, unter den Nazis ebenso wie später im Rundfunk des besetzten Westdeutschlands. Bis zum Schluss vernimmt man in und zwischen den Zeilen Dankbarkeit gegenüber der einstigen britischen Besatzungsmacht. Unter den Briten kam Ruge nicht nur zu seinen ersten journalistischen Aufträgen, auch den englischen Pragmatismus machte er sich zu eigen.

Im Auftrag des WDR folgten bald Reisen an die Orte der Weltpolitik: Wa­shington, Moskau, Paris, Peking. Dazwischen finden sich immer wieder Stationen als Kriegsreporter, etwa im Korea-Konflikt und in Vietnam. Ruge schilderte in seinen Berichten nicht nur ­anschaulich, sondern versuchte auch, jenseits von Pressekonferenzen und verbreiteten Erklärungen die Wahrheit herauszufinden. Es blieb bei ihm stets ein Rest Misstrauen gegenüber der Macht bestehen, insbesondere was Geheimdienste und Militärs betraf. Nicht zuletzt seine Schilderungen des Verfalls der Sowjetunion sind präzise und zeugen vom großen diplomatischen Geschick des Reporters.

"Unterwegs" ist ein Buch, das in einer klaren Sprache und gänzlich unaufgeregt zurückblickt in die Zeit der Systemkonfrontation. Dabei stellt er aber zugleich eine wichtige Frage, die auch die Gegenwart prägt: Wie lässt sich politische Macht mit Maßstäben der Moral und Menschlichkeit in Einklang bringen? Ruges Antwort darauf ist eine linksliberale; so entschieden, wie man sie lange nicht mehr vernehmen konnte.

Gerd Ruge: Unterwegs. Politische Erinnerungen. Hanser ­Berlin, Berlin 2013, 328 Seiten, 21,90 Euro.

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