Amnesty Journal China 28. November 2013

Brot und Spiele

Strenges Regiment.

Strenges Regiment.

Viele Spielzeugunternehmen haben sich verpflichtet, soziale Mindeststandards
einzuhalten. Die Arbeitszeiten im Hauptproduktionsland China sind dennoch
oft zu lang und der Lohn ist zu niedrig.

Von Hannes Koch

Die Organisation "China Labor Watch" (CLW) veröffentlichte unlängst einen Bericht über die US-Firma Mattel, die unter anderem Barbie-Puppen herstellt. Er legt nahe, dass Spielzeug unter ähnlich unsozialen Bedingungen hergestellt wird wie Textilien und Elektronikprodukte. Die Organisation wirft dem Konzern unter anderem gesetzwidrig lange Arbeitszeiten und ungerechtfertigte Lohnabzüge in seinen chinesischen Zulieferbetrieben vor.

Dennoch haben Spielzeugunternehmen und ihre Zulieferfirmen in den vergangenen Jahren auch Fortschritte bei den Arbeitsbedingungen gemacht. Lego ist ein Beispiel dafür: Die Firma bezieht rund zehn Prozent ihres Konstruktionsspielzeugs aus China. Nach Angaben von Lego-Deutschland-Sprecherin Helena Seppelfricke lässt das Unternehmen seine Produktionskette seit 2006 nach den Kriterien der ICTI CARE-Stiftung überprüfen. Dieser Ableger des Internationalen Verbandes der Spielzeug-Industrie versucht seit 2001, grundlegende Standards in den Fabriken durchzusetzen. So soll beispielsweise die wöchentliche Arbeitszeit nicht länger sein als 66 Stunden, und die Bezahlung soll den gesetzlichen Mindestlohn des jeweiligen Landes nicht unterschreiten. Etwa 70 Prozent der Spielzeugexporte chinesischer Fabriken würden mittlerweile durch Sozial- und Umweltprüfungen erfasst, sagt Christian Ewert, der Präsident von ICTI CARE.

Auch die Initiative "fair spielt", die 1999 unter anderem vom katholischen Hilfswerk Misereor gegründet wurde, sieht Fortschritte. "Mehr Firmen als früher verpflichten sich, gewisse Mindeststandards einzuhalten", sagt Uwe Kleinert von "fair spielt". "Es finden mittlerweile auch unangekündigte Überprüfungen der Fabriken statt. Es gibt Beschwerdeverfahren, die Arbeiter gefahrlos nutzen können. Und die Beschäftigten werden über ihre Rechte informiert."

Etwa zwei Drittel des in Deutschland verkauften Spielzeugs stammen aus China. Dort wird jedoch weiterhin oft unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen gefertigt, bemängelt Kleinert: "Häufig sind die Arbeitszeiten viel länger als vom chinesischen Arbeitsgesetz erlaubt – besonders zwischen Juni und September, wenn die Fabriken die Weihnachtsproduktion abwickeln." Das Gesetz begrenzt die Wochenarbeitszeit auf 49 Stunden. "Viele Beschäftigte müssen jedoch 80 bis 100 Stunden arbeiten."

Als weiteren Kritikpunkt führt Kleinert an, "dass weder der internationale, noch der deutsche Verband der Spielzeugindustrie bereit sind, über existenzsichernde Löhne für die Arbeiter in den globalen Produktionsketten zu sprechen". So reicht der staatlich garantierte Mindestlohn von 1.600 Yuan (etwa 200 Euro) pro Monat, den die Spielzeugfirmen ihren Arbeitern etwa in der südchinesischen Industriemetropole Shenzhen zahlen müssen, in der Regel nur für den Unterhalt einer Person. Die Arbeiter können damit weder eine Familie gründen noch für das Alter vorsorgen. Dies sei auch vielen in Deutschland beheimateten Spielzeugfirmen völlig egal, kritisiert Kleinert.

Kunden, denen das Thema wichtig ist, können die Firmenliste von "fair spielt" studieren. Sie wird jährlich auf Basis einer Umfrage unter den 250 größten der ungefähr 800 deutschen Spielzeug-Unternehmen erstellt. Die Hersteller geben unter anderem an, welcher Teil ihrer Produktion aus China kommt, und wie viele dieser Fabriken nach den ICTI-Standards zertifiziert sind. "fair spielt" ermittelt zudem, welche Firmen nur in Deutschland oder der Europäischen Union produzieren lassen. Doch die geografische Zuordnung ist nicht unbedingt eine Garantie für gute Arbeitsbedingungen, denn sie erfasst zum Beispiel nicht, ob die heimische Firma einen Betriebsrat hat.

Der Autor arbeitet als freier Journalist in Berlin.

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