Amnesty Journal 25. Juli 2013

Grausame Puppe

Delaine Le Bas gehört zu den prominentesten ­Vertretern der zeitgenössischen Kunst der Sinti und Roma. In ihren Werken verarbeitet die Britin die ­Diskriminierung der größten Minderheit Europas.

Von Lena Reich

Safe European Home" heißt eine Installation von Delaine Le Bas – ein begehbarer Bretterverschlag, in dem die mehr als 600-jährige Geschichte der Roma erfahrbar wird. An den Wänden Symbole, Malereien und historische Dokumente, plakatiert und übermalt. Das Wagenrad, seit 1971 offizielles Nationalsymbol der Roma, trifft hier auf den "Black Panther" der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Auf einem Gemälde schickt ein uniformierter Reiter mit Jagdhunden zwei Kinder an einem Lagerfeuer fort. Von der Decke hängt ein Betttuch, auf das eine blutspuckende Micky Maus und die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" gemalt sind. Im selben Stil einer Popart-Collage machen die Außenwände der Hütte das Spannungsverhältnis von freiwilliger und erzwungener Mobilität deutlich: "I am not a tourist, I live here" steht da geschrieben, "Stop deportations now" und die bange Frage "History repeats itself?".

Le Bas’ Kunst basiert auf Erfahrungen, die den Alltag der Roma seit jeher bestimmen. Aktuell sind sie in Italien, Frankreich oder Serbien Opfer einer diskriminierenden Lagerpolitik. Ihr sogenanntes Nomadentum ist kein Lifestyle, sondern existenzielle, ökonomische Notwendigkeit. Fast überall steht der wohnlichen und beruflichen Integration von Angehörigen der Roma in die Gesellschaft das Gesetz entgegen. In Großbritannien wurden im vergangenen Jahr 300 bis 400 irische Traveller, wie sich die britischen Roma nennen, vertrieben, die Wohnwagensiedlungen eingerichtet hatten. Amnesty International hat immer wieder gegen illegale Zwangsräumungen von Roma protestiert.

Delaine Le Bas weiß sehr gut, wie es sich anfühlt, nur geduldet zu sein und an den Rand gedrängt zu werden. Sie wuchs in den sechziger Jahren als eines von fünf Kindern in der Kleinstadt Worthing im Süden Englands auf. Nur wenige aus ihrem Umfeld konnten sich ein Haus leisten. Auch ihre Eltern campierten – allerdings auf einem Grundstück, das sie seit 35 Jahren besaßen. Dennoch hatten sie immer wieder Probleme mit den Behörden, die sich an dieser Lebensweise störten. Seit den siebziger Jahren ist es in Großbritannien verboten, am Straßenrand und in der Wildnis zu campieren. Le Bas: "Es ist eine romantische Idee, dass Gypsies in der freien Natur leben. Das formt die Identität: Man lebt einmal in der Vorstellung der Menschen und einmal in der Realität, die einen nicht will."

Nach ihrem Schulabschluss studierte Le Bas in Worthington und am Central Saint Martins in London Textildesign. Obwohl ihre Großmutter ihr das Zeichnen beigebracht hatte und ihre Eltern eine musische Erziehung unterstützten, war die Familie gegen den Besuch einer Kunsthochschule. "Meine Eltern fürchteten die schlechten Einflüsse der anderen. Ich gehöre bis heute zu einer Minderheit." Nach dem Studium wechselte sie zur darstellenden Kunst.

In den Performances und Filmen von Le Bas sind selbst die Comicfiguren nicht, was sie zu sein scheinen. "Wenn bei Delaine Le Bas eine Micky Maus zu sehen ist, ist da auch immer Gefahr und Horror", sagt Moritz Pankok, Leiter der ersten Galerie für zeitgenössische Kunst der Sinti und Roma in Berlin. Seit bald drei Jahren vertritt er die Künstlerin, die mit ihren Performances internationalen Erfolg hat. "Hexenjagd" wurde im vergangenen Jahr zur Biennale ins koreanische Gwangju eingeladen, in diesem Herbst wird Le Bas als erste Roma in einem polnischen Museum ausstellen, in der Nationalgalerie Zachęta in Warschau. Antiziganistische Klischees und Heimatlosigkeit sind die Themen ihrer Kunst. Auch in "Safe European Home" aus dem Jahr 2011 klingt das britische "Home, Sweet Home" als Leitmotiv an. Inmitten einer Idylle erscheinen Märchenfiguren und mahnen eine Kindheit an, die viel zu schnell enden musste.

In Le Bas’ Kurzfilm "Chanctonburry Ravens" (2012) trifft ein Mädchen mit roter Kappe auf einen älteren Herrn im Jäger-Outfit. Er folgt ihr lüstern in die Landschaft und begutachtet Waren, die sie am Wegesrand feilbietet: kleine Kanarienvögel, auf Leinen aufgemalte Skelette. Unterbrochen vom Lachen einer weißhaarigen Alten endet die Szene in den Flammen eines knisternden Lagerfeuers. Während im Hintergrund schreiende Raben hier eine sehr ambivalente Symbolkraft haben, verkörpern die Krähen auf Le Bas’ Kleid in der Performance "Crystal Ball Genocide" (2012) die verstorbenen Seelen der Auschwitz-Opfer. Als Schamanin tanzt Le Bas an der vermüllten Baustelle des "Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas" in Berlin um "das schwarze Wasser", "o Kalo Phani", wie das Denkmal auf Romanes heißt. Sie hält eine Metallkugel in den Händen, nimmt Kontakt zu ermordeten Vorfahren auf und hält dem Gedenktourismus in der Gegend um den Reichstag den Spiegel vor. "Für mich war es erschütternd zu sehen, dass jedes andere Mahnmal, das ich auf dem Weg dorthin passierte, sauber und gepflegt war, während dieses Denkmal in genau dem Zustand war, den man auch unserem Volk zuschreibt: dreckig, unbeachtet, eingezäunt, mit endlosem Gezänk verbunden, das niemals enden wird." Nach 13-jähriger Diskussion wurde das Mahnmal, das von dem israelischen Landart-Künstler Dani Karavan gestaltet wurde, im vergangenen Herbst eingeweiht.

Delaine Le Bas gehört wie ihr Ehemann, der Maler Damian Le Bas, zu einer Generation emanzipierter Roma, die von einem Wandel in der Kunstszene profitiert haben: weg von der Gipsy-Industry, die einst den westlichen Markt bediente und hin zu einer selbstbestimmten Darstellungsform, in der Roma mehr als Sujet sind. Mit dem ersten Roma-Pavillon "Paradise Lost" auf der Biennale in Venedig 2007 ist ein internationales Netzwerk bedeutender Roma-Künstler entstanden. Dazu gehören Kiba Lumberg, Andras Kállai, Tamara Moyzes, Gabi Jiménez, Alfred Ullrich, die inzwischen verstorbene Auschwitz-Überlebende Ceija Stojka, durch deren Bilder sich die von Le Bas zitierten Krähen ziehen. "Es ist die Erfahrung der Verfolgung, die uns alle vereint", so Le Bas. "Als Individuen sind wir alle vorangekommen, aber im kollektiven Gedächtnis scheinen wir Roma-Völker an unserem Platz in der Geschichte gefangen zu sein."

Es ist schwer zu sagen, wie groß die Gemeinschaft der Roma in Großbritannien heute ist. Viele verleugnen ihre Zugehörigkeit aus Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder ihrer Wohnung. Delaine Le Bas will um keinen Preis auf ihre ethnische Herkunft reduziert werden und genauso wenig vom Kunstmarkt abhängig sein. "Was ich mache, ist zeitgenössische Kunst. Ich brauche kein Publikum, es ist der Akt an sich, den ich schätze. Jeder performt zu jeder Zeit."

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

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