Amnesty Journal Ägypten 28. Mai 2013

"Unseren Traum können die Muslimbrüder niemals zerstören"

Ein Gespräch mit der ägyptischen Schriftstellerin ­Salwa Bakr über die Lage der Frauen, ihre Kritik an den Muslimbrüdern – und warum sie noch ­breitere Proteste befürchtet.

Bei vielen Künstlerinnen hat der Sturz Mubaraks Anfang 2011 einen Schub an Kreativität freigesetzt. Lässt sich das erklären?
In der arabischen Welt gibt es einen krassen Widerspruch zwischen dem Korsett von Rollenvorstellungen, das die Gesellschaft den Frauen zuweist, und ihren tatsächlichen Fähigkeiten. Dieser Gegensatz ist gewaltig, denn unsere Kultur ist zutiefst frauenfeindlich. Es drängt viele Frauen jetzt besonders, diesen Gegensatz zu thematisieren. Viele literarische Werke drehen sich um die Frage, welche Folgen dieser Widerspruch hat und warum er nach wie vor besteht.

Was meinen Sie damit?
Auch gut ausgebildete, sogar prominente Frauen werden in der Öffentlichkeit als Objekte behandelt, nicht als Bürgerinnen. Wenn eine Ärztin oder Anwältin in der Öffentlichkeit alleine unterwegs ist, dann kann irgendein Mann kommen und sie belästigen. Wenn prominente Frauen – egal ob Wissenschaftlerinnen oder Künstlerinnen – in den Medien interviewt werden, dann werden sie am Ende doch gefragt, ob sie auch für ihren Ehemann kochen. Eine Frau, die nicht kochen kann, ist in dieser Logik keine vollwertige Frau. Wir werden immer noch als Objekte gesehen, die für die Familie oder für den Mann da sein sollen. Das schafft einen Widerspruch – denn natürlich sind Frauen viel mehr, aber die Gesellschaft kann das nicht akzeptieren.

Ist diese stereotype Sichtweise in allen gesellschaftlichen Schichten Ägyptens verbreitet?
Ja. Heute sagen alle, die Muslimbrüder und Fundamentalisten seien für die Probleme der ägyptischen Frauen verantwortlich, aber das sehe ich nicht so. Meiner Meinung nach sind die Intellektuellen genauso verantwortlich, denn obwohl sie sich für die Elite der Gesellschaft halten, denken sie letztlich genauso über Frauen wie die Muslimbrüder. Die ägyptischen Intellektuellen diskutieren über Politik und Kultur, aber Frauenrechte spielen in ihren Debatten keine Rolle.

Ägyptische Feministinnen tun sich aber auch sehr schwer, Frauen mit ihren Anliegen zu erreichen. Woran liegt das?
Die Feministinnen repräsentieren nicht wirklich die Mehrheit der ägyptischen Frauen, weil sie in der Regel aus der Oberschicht stammen. Was sind denn die drängenden Probleme der ägyptischen Frauen? Für die Masse der Frauen haben die Bereiche Bildung und Gesundheit Priorität. Sie wollen Geld verdienen und gut leben, sie haben nicht in erster Linie sexuelle Probleme. Natürlich gibt es Probleme mit sexueller Belästigung, aber den meisten Frauen geht es vor allem darum, wirtschaftlich zu überleben. Viel schlimmer ist die ökonomische Benachteiligung. Auch ich als Schriftstellerin verdiene viel weniger als meine männlichen Kollegen in Ägypten.

In Ihren Werken geht es um die Schicksale von Frauen, die am Rande der ägyptischen Gesellschaft leben. Greifen Sie in Ihren Romanen und Erzählungen auf eigene Erfahrungen zurück?
Ich stamme selbst aus einer armen, städtischen Familie, aber ich lasse lieber meine Figuren sprechen. Während meiner Tätigkeit für das Ministerium für Beschaffung in Kairo kam ich in Kontakt mit Frauen aus den Armenvierteln. So habe ich zum Beispiel eine Erzählung über die sogenannten Brotunruhen von 1977 geschrieben. Diese Revolution, die wir als Hungerrevolte bezeichnen, wurde von armen Frauen entfacht, nicht von Männern. Sie kamen zu mir ins Ministerium und verlangten Brot und Reis. Sie waren sehr wütend und fingen an zu protestieren, weil es nichts gab. Kein Mann hat das je beschrieben – in den Berichten über diese Unruhen werden sie immer als Proteste von Männern dargestellt, dabei waren es Frauen, die die Demonstrationen ins Leben gerufen haben.

Was ist jetzt vorrangig für ägyptische Frauen?
An der Revolution vom Januar 2011 waren Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft beteiligt. Für mich war das sehr erstaunlich und lag vor allem daran, dass sie den Widerspruch überwinden wollten zwischen ihren Fähigkeiten und den Normen der Gesellschaft. Viele Frauen von der Basis, junge und alte Frauen, beteiligten sich an den Protesten. Das ist für mich der wichtigste Punkt an der Revolution überhaupt. Auf einmal waren Frauen mit ihren Talenten wichtig. Sie fingen an, sich selbst zu verändern und einen neuen Blick auf sich selbst zu gewinnen. Sie konnten auf einmal etwas Wichtiges beitragen, für sich selbst, aber auch für die ganze Gesellschaft. Das war für mich die wichtigste Botschaft der Revolution.

Hat sich die Situation von Frauen seit dem Sturz Mubaraks verschlechtert?
Das wirkt zunächst so, es stimmt aber nicht. Frauen kämpfen heute mehr für ihre Rechte, und deshalb hat sich ihre Lage verbessert. Vor der Revolution hat niemand über sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung gesprochen, vor allem die jungen Frauen haben aus Angst und aus Scham geschwiegen. Das hat sich geändert. Frauen, die zum Beispiel von Soldaten vergewaltigt wurden, bringen ihre Fälle vor Gericht. Das hat es vorher nicht gegeben. Frauen fangen an, ihre Schuldgefühle und ihre Scham zu überwinden und klagen die andere Seite an, um ihr zu sagen: Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern, denn nicht wir sind schuld, ihr seid es. Das ist eine gewaltige Veränderung.

Hat sich denn auch die Lage für Schriftstellerinnen verbessert?
Wir haben ein massives Problem mit unserem Bildungssystem, die meisten Ägypter sind kaum gebildet und lesen keine Bücher. Trotzdem gibt es in Ägypten und in der arabischen Welt Schriftsteller, die eine Menge Geld verdienen, weil sie mit der Regierung oder den jeweiligen Machthabern verbunden sind. Sie vertreten dann die Ansichten der Regierenden, oftmals in mehreren Medien. Ich habe 18 Bücher veröffentlicht und bin international bekannt. Ich habe auch internationale Preise für meine Arbeit erhalten, aber keinen in Ägypten. Diese Preise erhalten die männlichen Kollegen, die noch dazu über gute Beziehungen zur Regierung verfügen. Wenn ich dagegen ein Buch veröffentliche, verdiene ich damit sehr wenig. Für mich ist das auch eine Art Korruption.

Befürchten Sie in Zukunft Restriktionen durch die Muslim­brüder?
Die Bewegungen des politischen Islam, wie die Muslimbrüder und die Salafisten, stellen eine echte Gefahr für unseren Traum von einer umfassenden Zivilgesellschaft dar. Wir wollen eine Bürgergesellschaft, in der Religion und Staat voneinander getrennt sind. Die regierenden Muslimbrüder werden viele unserer Träume verzögern. Ihr Projekt kann für Ägypten noch ein großes Problem werden. Nach der Revolution von 2011 wollten wir die Gesellschaft verändern, damit sie gerechter wird und alle Ägypter ihre Bürgerrechte genießen können, egal ob Mann oder Frau, Christ oder Muslim. Jetzt verfolgen die Muslimbrüder ihre konservativen Ziele und tragen ihren Konflikt mit den Militärs darüber aus, wer in Ägypten das Sagen hat.

Wie sehen Sie die Zukunft?
Die Gründe für das Entstehen der breiten Protestbewegung im Jahr 2011 bestehen weiterhin, nämlich Armut, Korruption und fehlende Zukunftsperspektiven für die vielen jungen Menschen in Ägypten. Unter der Herrschaft der Muslimbrüder werden sich diese Probleme eher noch verstärken. Das wird bei den Ägyptern zu noch massiverem Protest führen. Unseren Traum von einer gerechteren Gesellschaft können die Muslimbrüder niemals zerstören.

Fragen: Claudia Mende

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