Amnesty Journal Laos 28. Mai 2013

Menschenraub

Als man ihn verschleppte, lief die Kamera mit: Ein YouTube-­Video zeigt, wie der Entwicklungshelfer Sombath Somphone an einem Polizeiposten in Laos entführt wurde. Noch immer ist er verschollen. Seine Kritik am »Landraub«, der Enteignung von Bauern, könnte ihm zum Verhängnis geworden sein.

Von Ramin M. Nowzad

Sie sah ihren Ehemann das letzte Mal im Rückspiegel. Die beiden schlängelten sich nach Feierabend durch den Großstadtverkehr. Er saß am Steuer seines rostigen Jeeps, sie lenkte den Wagen vor ihm. Als sie nach einer Weile erneut in den Rückspiegel blickte, war das Auto ihres Mannes verschwunden.

Die kleine Volksrepublik Laos schafft es im Ausland nur selten in die Abendnachrichten. Doch seitdem Sombath Somphone vermisst wird, macht das südostasiatische Land weltweit Schlagzeilen. Die »New York Times« berichtete, die Europäische Union zeigte sich besorgt, selbst Hillary Clinton meldete sich zu Wort. Soviel ist gewiss: Der Entwicklungshelfer Sombath Somphone wurde am Abend des 15. Dezembers in Vientiane, der Hauptstadt des Landes, auf seinem Heimweg entführt. Und es gibt den Verdacht, die kommunistische Regierung könnte in den Fall verstrickt sein.

Dabei ist der 61-Jährige nicht unbedingt das, was man sich unter einem Staatsfeind vorstellt. Als »sanftmütig« und »eher unpolitisch« beschreiben ihn Freunde und Weggefährten. »Er ist weder Dissident, noch Aktivist«, betont auch seine Ehefrau. In seiner Heimat ist er ein beliebter Mann. Seit Jahren setzte er sich für die Landbewohner ein, kämpfte gegen Armut und für Bildung. Auch international hat er sich damit einen Namen gemacht: Im Jahr 2005 erhielt er den Ramon-Magsaysay-Preis, der jährlich auf den Philippinen vergeben wird und der auch als »asiatischer Friedensnobelpreis« bezeichnet wird.

Die staatlich gelenkten Medien in Laos mutmaßen, Sombath Somphone sei entführt worden, weil er sich im Geschäftsleben Feinde gemacht habe. Doch ein verwackeltes Video, das mittlerweile im Internet kursiert, legt einen anderen Verdacht nahe. Es ist schon eine bittere Ironie: Ausgerechnet eine Überwachungskamera der Polizei dokumentiert, dass Polizisten den Kidnappern offenbar behilflich waren. Die knapp siebenminütige Aufnahme enthüllt, was am Abend des Verschwindens passierte: Sombath Somphone war auf der Heimfahrt in eine Polizeikontrolle geraten. An dem Polizeiposten hatte er es zunächst mit uniformierten Beamten zu tun. Aber nach wenigen Minuten tauchten Männer in Zivil auf, die ihm zunächst seinen Jeep entwendeten und ihn anschließend in einen weißen Pick-up verfrachteten.

Die Polizeibeamten, die während der Entführung vor Ort waren, unternahmen offenbar nichts, um die Verschleppung zu verhindern. Amnesty International kritisiert, dass die Behörden seither kein Interesse an der Aufklärung des Falls zeigten. Alles deutet darauf hin, dass Staatsorgane für Sombath Somphones Verschwinden verantwortlich sind. Doch warum?

Kenner des Landes verweisen auf eine Konferenz in Laos, die Sombath Somphone im vergangenen Oktober mitorganisierte: Entwicklungshelfer und Landwirte trafen sich in Laos’ Hauptstadt zum Gedankenaustausch. Dabei kaum auch ein heikles Thema zur Sprache: der Landraub. Seit Jahren werden laotische Bauern von ihren Äckern vertrieben, weil die Regierung den Boden an ausländische Investoren verpachtet. Vor allem die benachbarte Volksrepublik China hat in Laos riesige Kautschukplantagen angelegt. China ist seit Jahren der weltweit größte Verbraucher von Kautschuk, doch das Land hat selbst nicht genug Anbauflächen. Dass in Laos Kritik an der Verpachtungspolitik tabu ist, zeigt unter anderem der Fall des Unternehmers Sompawn Khantisouk. Er hatte es 2007 gewagt, die Existenz chinesischer Plantagen im Norden Laos’ zu kritisieren. Kurz darauf wurde er von Sicherheitskräften verschleppt. Bis heute wird er vermisst.

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