Amnesty Journal Simbabwe 23. November 2012

Fotografieren verboten

Seit knapp zehn Jahren reist der neuseeländische Fotojournalist Robin Hammond um die Welt, um mit seiner Kamera Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Im April 2012 geriet er dabei selbst ins Visier: In Simbabwe wurde er von Sicherheitskräften des autoritär regierenden Präsidenten Robert Mugabe festgenommen, verhört und inhaftiert. Nach drei Wochen im Gefängnis kam Robin Hammond frei und wurde abgeschoben. Seine Eindrücke hat er in Text und Bild festgehalten.

Die schwüle, undurchdringliche Dunkelheit war nicht gerade tröstlich, als ich in die winzige Zelle gestoßen wurde und instinktiv versuchte, die furchtbare Umgebung zu erfassen. Der Gestank nach menschlichem Schweiß überwältigte mich, während ich den Blick auf ein Wirrwarr aus Gliedmaßen richtete, die um etwas Platz auf dem Betonfußboden kämpften. Als der eiserne Türriegel in das abgenutzte Schloss gefallen war, starrten mich die Augen von rund 40 Gefangenen angsterfüllt an. Nach knapp zehn Jahren Arbeit als Fotojournalist in einigen der heftigsten Krisengebieten der Welt verstand ich diese Angst zum ersten Mal. Ich befand mich in einer winzigen Zelle in einem Gefängnis in der simbabwischen Grenzstadt Beitbridge und war von der Außenwelt abgeschnitten.

Simbabwe ist derzeit ein fast vergessener Staat dieser Welt. Obwohl dort nach wie vor Afrikas zählebigster Despot Robert Mugabe regiert, rangiert das Land als Krisengebiet unter Journalisten längst hinter Afghanistan und den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens, in denen Freiheitskämpfe ausgetragen werden.

2007 besuchte ich die Hauptstadt Harare zum ersten Mal. Bis Ende 2008 widmete ich mich vier schwierigen Fotoaufträgen. Die in Simbabwe herrschende wirtschaftliche Krise, die lähmende Armut und die politische Gewalt führten dazu, dass ich mich danach emotional und körperlich ausgezehrt fühlte. Während Millionen Menschen in die Armut getrieben wurden, flogen die führenden Politiker in Privatjets zum Shoppen ans andere Ende der Welt. 2008 war auch das Jahr, in dem die Oppositionspartei »Movement for Democratic Change« (MDC) in Simbabwe ihre erste Wahl gewann. Ihre Unterstützer wurden daraufhin so lange von Sicherheitskräften und Anhängern der Regierungspartei geschlagen, gefoltert und getötet, bis sie von einer weiteren Wahlteilnahme absahen. Im selben Jahr wurde das Land von ­einer Cholera-Epidemie erschüttert, was Robert Mugabe jedoch abstritt. Viele Kinder starben, weil den Kliniken die Antibiotika ausgingen.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Hunderttausende Menschen nach Südafrika geflohen. Einigen hatte ich selbst bei der Flucht geholfen. Ich verstand nur zu gut, warum sie wegwollten. Ich wollte auch nicht in diesem Land bleiben. Dennoch zog mich Simbabwe immer wieder in seinen Bann. 2009 reiste ich erneut ein und machte Aufnahmen von Militärverbänden, die illegal Diamanten schürften und damit Handel betrieben – ein Verstoß gegen den sogenannten Kimberley-Prozess. Im November 2011 erhielt ich ein Stipendium für Fotojournalismus. Es war mit dem Auftrag verbunden, für ein Buch und einige Fotoausstellungen den schockierenden Zustand zu dokumentieren, in den Mugabe das Land gebracht hatte. Ich bat daher die simbabwischen Behörden um eine Aufenthaltserlaubnis. Doch wie vorauszusehen war, erhielt ich keine. Um den Auftrag erfüllen zu können, würde ich tiefer in das Land hineinfahren müssen als jemals zuvor.

Ich arbeitete nach strikten Vorgaben, um Einschüchterungen und einer Inhaftierung zu entgehen: Die frühen Morgenstunden waren die sichersten. Zu dieser Tageszeit waren nur ­wenige Menschen unterwegs, und Mugabes Handlanger, die im Laufe der Zeit versuchen würden, mich festzunehmen, waren noch damit beschäftigt, ihren Rausch auszuschlafen.

Ich machte es mir zur Gewohnheit, um vier Uhr morgens mit der Arbeit zu beginnen. Manche Orte konnte ich aus Sicherheitsgründen kein zweites Mal aufsuchen. Sobald die Nachricht kursierte, dass dort draußen ein weißer Mann mit einer Kamera gesichtet worden sei, würden die Sicherheitsbehörden gewarnt sein und damit beginnen, Jagd auf mich zu machen. Zeit mit einzelnen Interviewpartnern zu verbringen, war deshalb aus vielerlei Gründen ein Luxus. Vier Monate lang arbeitete ich auf diese Art und Weise. Ich wich sowohl der Polizei als auch dem Geheimdienst erfolgreich aus.

Im Februar 2012 beobachteten mich Sicherheitskräfte, wie ich ein Landgut fotografierte, das von hochrangigen Politikern besetzt und geplündert worden war. Ich fiel auf, weil ich meine eigene Regel brach und die Gebäude am Nachmittag fotografierte. Als ich zu meinem Wagen zurückging, kamen ein Polizist mit einer Kalaschnikow und vier Männer in Zivil auf mich zu. Es war das erste Mal, dass ich festgenommen wurde - fünf Jahre nachdem ich damit begonnen hatte, die Situation in Simbabwe zu dokumentieren und immer unter dem Radar hindurchgeschlüpft war.

Glücklicherweise wurde ich nur eine Nacht lang festgehalten, doch die Erfahrung erschütterte mich. Als ich freikam, erfuhr ich von einem Bekannten, die Polizei suche nach einem weißen Fotografen, der in der Woche zuvor die Geburtstagsfeier des Präsidenten fotografiert habe. Sie suchten nach mir. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Land in Richtung Sambia zu verlassen.

Mein Auftrag in Simbabwe war jedoch noch nicht abgeschlossen. Ich wollte Menschen aus Simbabwe fotografieren, die die Grenze nach Südafrika überquerten. Deshalb kehrte ich am 19. April zurück. Unter der Führung eines ortsansässigen Mittelsmanns folgte ich einer Gruppe illegaler Einwanderer durch den Limpopo-Fluss in das Niemandsland zwischen Simbabwe und Südafrika. Als wir den Grenzzaun erreichten, tauchte eine südafrikanische Grenzkontrolle auf, und wir mussten zurück auf die simbabwische Seite.

Als ich am Morgen ins Hotel zurückkam, warteten bereits Polizisten auf mich. Offenbar hatten die Hotelangestellten ihnen einen Tipp gegeben. Die Polizisten brachten mich auf die Wache in Beitbridge, direkt an der Grenze zu Südafrika. Dort wurde ich verhört. Die Polizisten mobbten und bedrohten mich. Sie wollten erreichen, dass ich »gestehen« würde, was sie hören und mir zur Last legen wollten: dass ich ein Journalist oder Spion sei, möglicherweise auch beides.

Zeitweise schrien mich bis zu neun Verhörende gleichzeitig an. Ich fühlte mich allein, machtlos, der Willkür meiner Peiniger ausgeliefert. Das Schlimmste war, dass sie mir untersagten, meine Familie oder einen Anwalt anzurufen. Einer der Beamten schrie mich an: »Du wirst im Gefängnis verrotten!« Ein anderer drohte: »Wir können hier alles mit dir tun, wir können dich sogar schlagen«. Das waren keine leeren Worte, ich sah mehrfach, wie sie Gefangene schlugen. Trotz der Verhöre gab ich nicht zu, dass ich Fotojournalist war. Ich bestand darauf, dass ich zwar früher als Fotograf gearbeitet hätte, heute aber Lehrer sei, so wie ich es auf meinem Einreiseformular angegeben hatte.
Ein Richter verurteilte mich schließlich zu einer Geldstrafe von 150 US-Dollar oder wahlweise 60 Tagen Gefängnis. Nicht weil ich gegen die Einreisebestimmungen verstoßen hatte, sondern weil ich an einem Ort fotografiert hatte, an dem das Fotografieren verboten war. Ich entschied mich natürlich für die Geldstrafe.

Ich befand mich mit Hand- und Fußfesseln auf der Anklagebank und spürte die Erleichterung. Doch anstatt mich freizulassen, brachten mich die Sicherheitskräfte in das Gefängnis von Beitbridge. Ohne dass ich es wusste, waren Beamte der Einwanderungsbehörde im Gerichtssaal gewesen und hatten einen Haftbefehl erlassen, der meine Abschiebung nach Neuseeland vorsah. Doch gebe es dafür »keinen Grund zur Eile«, wie sie meinem Anwalt mitteilten. Als sie mich in das Gefängnis von Beitbridge brachten, hatten ich jeden Mut verloren.

Die Dunkelheit war bereits angebrochen, und mir wurde langsam klar, dass ich mich in einer entsetzlichen Lage befand. Die Zelle, in der ich die meiste Zeit verbringen sollte, war fünf mal zehn Meter groß und hatte Wände aus Beton. Darin schliefen 38 Männer, eingepfercht wie Sardinen in der Dose. Es roch nach altem Schweiß und Urin. Wir bekamen nur eine Decke, wenn wir Glück hatten zwei. In dieser Umgebung gingen die nicht enden wollenden Abende nahtlos in Nächte voll schrecklicher Alpträume und zähfeuchter Dunkelheit über.

Jeden Nachmittag untersuchten wir unsere kostbaren Decken und töteten Läuse. Zu unserem Entsetzen gab es im Gefängnis von Beitbridge nur eine Toilette ohne Spülung für 250 Häftlinge. Es gab weder Toilettenpapier noch Seife. Die Wärter waren oft betrunken. Einige Wärter waren freundlich, andere waren Schlägertypen. Das Essen war voller Rüsselkäfer. Als ich einmal in der Vorratskammer war, sah ich, dass unser Essen aus einem Sack mit der Aufschrift »Tierfutter« stammte.

Meine Zelle war für Ausländer, Jugendliche und ältere Männer: Cephas stammte aus Nigeria und war in Haft, weil er kein Visum für Simbabwe gehabt hatte. Ein Mann hatte seinen Pass verloren und verbüßte deswegen eine 30-tägige Gefängnisstrafe. Der 14-jährige Bright war hier eingeschlossen, weil er »die Grenze überquert« hatte. Der 15-jährige Lucky war mit seinem 81-jährigen Großvater wegen Viehdiebstahls eingesperrt. Ich fühlte eine seltsame Nähe zu meinen Mitgefangenen, hielt aber viele auf Abstand, weil ich befürchtete, dass sie von der Polizei auf mich angesetzt worden waren. Auch wenn ich in derselben Situation war wie meine Mitgefangenen, so war mir doch klar, dass ich mich bei Weitem nicht in derselben extremen Notlage befand wie sie.

So war ich einer der wenigen ­Gefangenen mit einer rechtlichen Vertretung. Die gemeinnützige Organisation »Zimbabwe Lawyers for Human Rights« hatte sich meiner angenommen und traf sich mit der Einwanderungsbehörde, um über meinen Fall zu sprechen. Diese befürchtete, dass ich ein Spion sei und versuchte, mich für weitere Verhöre nach Harare zu verlegen.

Ich begann einen Plan für meine Verteidigung zu entwerfen. Ich würde bei der Argumentation bleiben, dass ich früher Fotograf gewesen war, seit zwei Jahren jedoch Fotografie unterrichtete und deshalb wahrheitsgemäß Lehrer als Beruf in das Einreiseformular eingetragen hatte.

Nach mehr als zwei Wochen im Gefängnis von Beitbridge wurde ich in das Untersuchungsgefängnis von Harare verlegt. Sie weckten uns um fünf Uhr morgens und schoben zwölf von uns zusammen mit zwei Gefängniswärtern in den Laderaum eines Gefängnistransporters. Jeder von uns war mit Handschellen an einen Mitgefangenen gefesselt. Es war eng. Die nächsten zehn Stunden auf den holprigen Straßen waren eine Tortur. Ich spürte das Grauen im Nacken. Am Ende dieser Fahrt würde mich entweder ein Verhör des gefürchteten Geheimdienstes erwarten oder ich würde meiner Abschiebung einen Schritt näher rücken. Ich wusste es nicht.

Eine Woche verging, bis ich schließlich abgeschoben werden sollte. Derweil rannte mein Anwalt zwischen dem Gefängnis und der Einwanderungsbehörde hin und her und traf Vorbereitungen. Ein Freund lief zwischen einem Supermarkt und dem Gefängnis hin und her, um mich mit Essen zu versorgen. Nie haben mir Dosenpfirsiche so gut geschmeckt.
Am Tag meiner Freilassung, dem 10. Mai 2012, begleiteten mich Einwanderungsbeamte zum Flughafen. Ich ging zur Toilette und starrte mit großen Augen auf den grauen Bart, der mir gewachsen war. Die Anspannung ließ auch auf dem Weg zum Flugzeug nicht nach. Sie hielt selbst dann noch an, als ich mich auf meinen Platz im Flugzeug setzte und die Einwanderungsbeamten den Flugbegleitern meinen Pass gaben. Ich rechnete immer noch damit, dass man mich wieder aus dem Flugzeug herausholen würde. Doch dann rollte das Flugzeug über die Startbahn, nahm Fahrt auf und wurde immer schneller. Ich wagte immer noch nicht zu glauben, dass ich das Land verlassen würde. Aber genau das geschah: Wir hoben ab, und die Schwere meines Körpers fiel von mir ab, als wir uns vom Boden lösten. Ich schloss meine Augen und hob beide Arme. Ich war frei.

Heute fühle ich nichts als Dankbarkeit für die Erfahrungen, die ich als weltreisender Fotojournalist machen konnte. Ich bin dankbar für alles Gute und Schlechte, für die schroffen und schönen Abschnitte auf diesem Weg, denn es rückt alles, was ich habe, meine Freiheit, meine Familie, einen Beruf, der mich begeistert, in die richtige Perspektive.
Auf meiner Kamera sind bemerkenswerterweise immer noch die Fotos von der Überquerung des Flusses und der Grenze. Ich kann mich aber noch nicht dazu überwinden, sie durchzusehen.

Ich darf nicht mehr nach Simbabwe einreisen. Ich sitze da und denke an die Menschen, die ich kennenlernen konnte, und an das Leid, das ich gesehen habe. Ich denke an alle, die ich zurückgelassen habe, eingesperrt in derselben Zelle. Und ich denke an diejenigen, die in einem Land gefangen sind, das für viele zu einem Gefängnis geworden ist.

Robin Hammond ist Jahrgang 1975. Er ist Träger von vier »Amnesty International Human Rights Journalism Prizes«. Für die hier dokumentierte Recherchereise erhielt er ein Stipendium der Carmignac-Gestion-Stiftung.

Übersetzung: Mascha Rohner

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