Mohammed Superman
Das türkische Religionsministerium warf dem Schriftsteller Nedim Gürsel 2008 vor, er habe mit seinem Roman "Allahs Töchter" die religiösen Gefühle des Volkes verunglimpft. Seither ist er im Visier islamischer Fundamentalisten.
Von Zonya Dengi
Eine solche Anklage hätte es so vor zehn Jahren nicht gegeben", ist der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel überzeugt. Dass er für seinen Roman "Allahs Töchter", der unter anderem vom Leben des Propheten Mohammed handelt, in der Türkei vor einem Gericht landete, hat Gürsel überrascht und schockiert. "In einem laizistischen Land wie der Türkei darf es doch kein Verbrechen sein, die Religion zu hinterfragen oder zu kritisieren", empört sich der 61-Jährige.
Das türkische Religionsministerium, die höchste religiöse Instanz des Landes, warf Gürsel 2008 vor, er habe mit seinem Roman "Allahs Töchter" die religiösen Gefühle des Volkes verletzt. Zwar wurde das Verfahren knapp ein Jahr später eingestellt, aber damit hatte Gürsel die Aufmerksamkeit von islamischen Fundamentalisten auf sich gezogen, er wurde bedroht und von der islamistischen Presse beschimpft. "Die Regierung Erdoğan untergräbt den Laizismus immer weiter", fürchtet Gürsel. "Die Staatsdoktrin, dass Staat und Religion strikt voneinander getrennt sein sollten, wird immer weiter aufgeweicht."
Nedim Gürsel, Jahrgang 1951, zählt neben Orhan Pamuk und Yasar Kemal zu den bekanntesten und meistgelesenen Schriftstellern der Türkei. Wie viele Autoren seiner Generation hat er schon früh erste Erfahrungen mit der Justiz sammeln müssen. Als 20-Jähriger stand der damals noch überzeugte Marxist erstmals vor einem türkischen Gericht und floh nach Paris, um einer Haftstrafe zu entkommen. Die Bücher, die er dort schrieb, brachten ihm weltweit Preise und Auszeichnungen ein, in der Türkei jedoch fünf Gerichtsprozesse – egal, ob es sich um historische Romane oder erotische Erzählungen handelte.
Mit seinem Roman "Allahs Töchter", der 2008 in der Türkei und kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist, betrat er literarisches Neuland – und heikles Terrain, denn er widmet sich darin unter anderem der Frühgeschichte des Islam. Von einem gezielten Tabubruch will Nedim Gürsel indes nichts wissen, auch einen Vergleich mit Salman Rushdies "Satanischen Versen" lehnt er ab. Rushdie habe "teilweise einen spöttischen Tonfall" an den Tag gelegt, er dagegen nähere sich der Religion mit Respekt. Parallelen zwischen beiden Romanen drängen sich aber trotzdem auf, handeln beide doch vom Kampf des Propheten Mohammed gegen die vorislamischen Göttinnen, die von dessen Stamm bis dahin verehrt wurden.
"Ich konnte diesen Roman erst schreiben, als ich ein gewisses Alter erreicht hatte. Jetzt, mit über fünfzig Jahren, wo ich die Hälfte meines Lebens hinter mir habe", sagt Gürsel, der in diesem Buch auch in die Gefühlswelt seiner eigenen Kindheit eintaucht. In "Allahs Töchter" verwebt er historische Ereignisse aus der Entstehungszeit des Islam mit autobiografischen Passagen, eine moderne Erzählweise mit Mythen und Legenden, die sich um das Leben des Propheten ranken. Er griff dabei auf die ersten Monographien über Mohammed zurück. "Diese sind erst 200 Jahre nach seinem Tod erschienen; zwei davon habe ich für meinen Roman genutzt, weil sie sehr schöne Anekdoten enthalten", so Gürsel. Er schöpfte zudem aus dem reichen Fundus orientalischer Erzählungen, wie sie ihm seine Großmutter einst überlieferte.
Weil sein Vater früh starb, wuchs Nedim Gürsel bei seinen Großeltern auf, deren tolerante Religiosität ihn sehr beeindruckte. In "Allahs Töchter" fließt auch die Geschichte seines Großvaters ein, der als Soldat im Ersten Weltkrieg gegen die arabischen Stämme kämpfen musste, die sich vom Osmanischen Reich losgesagt hatten. Der Widerspruch, die heilige Stadt Medina gegen das Volk des Propheten verteidigen zu müssen, stürzte den Großvater in eine religiöse Krise.
Vor allem aber versucht Nedim Gürsel in seinem Roman, die "muslimische Atmosphäre" seiner Kindheit in der Türkei wieder aufleben zu lassen – etwa den Zauber, den die stundenlangen Koranrezitationen seiner Großmutter auf ihn ausübten, deren Inhalt er zwar nicht verstand, die ihn aber wie in Trance versetzten. Der Prophet war für ihn damals so etwas wie ein Comic-Held, gesteht Gürsel: "Als Kind habe ich viele Comics gelesen, die von Cowboys in Amerika handelten oder die Geschichte der Türken in Mittelanatolien erzählten. Und ich fragte mich damals, warum es keine Comics über das Leben des Propheten Mohammed gibt. Ich hätte so etwas gerne gelesen. Deshalb habe ich ihn jetzt zum Romanhelden gemacht." Die Magie der arabischen Gebete verfliegt allerdings, als Gürsel als Jugendlicher hinter den Sinn der Worte kommt, es folgen Zweifel und das unvermeidliche Hinterfragen der Religion. Auch davon handelt der Roman "Allahs Töchter".
Gürsel lebt seit fast 40 Jahren in Frankreich, auch seine Frau und seine 16-jährige Tochter sind dort zu Hause. Doch noch immer pflegt er eine enge Verbindung zu seinem Heimatland und verbringt längere Phasen in Istanbul, wo er ein Sommerhaus mit Blick auf den Bosporus besitzt. "Man lebt nicht in einem Land, sondern in einer Sprache", sagt der Schriftsteller. Seine literarische Prosa schreibt er bis heute auf Türkisch, lediglich wissenschaftliche Arbeiten verfasst er auf Französisch – er lehrt an der Sorbonne-Universität in Paris zeitgenössische Literatur. Sein Verhältnis zur Türkei bleibt gespalten. "Meine Texte wurden verboten, meine Bücher eingesammelt, meine Freunde ins Gefängnis geworfen", klagt er. Auch die jüngste Entwicklung unter der islamisch-konservativen Regierung von Ministerpräsident Erdoğan, die seit zehn Jahren das Land regiert, betrachtet er kritisch. Zwar habe die Türkei viele Fortschritte in Richtung Demokratisierung gemacht, räumt er ein. Aber dass die Meinungsfreiheit jetzt wieder stärker eingeschränkt wird, wie auch der Prozess gegen seinen Roman gezeigt hat, macht ihm Sorgen. "Ich muss an den Marsch der Janitscharen denken", sagt Gürsel: "Zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück. Genauso verhält es sich mit der Türkei", kommentiert er sarkastisch. "Ich hoffe, dass es irgendwann eine echte Demokratie wird."
Nedim Gürsel: Allahs Töchter. Aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas. Suhrkamp, Berlin 2012. 346 Seiten, 24,95 Euro.
Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Berlin.