Amnesty Journal Afrika 17. Juli 2012

Edle Motive

Die Lage afrikanischer Bootsflüchtlinge ist Thema in der aktuellen Jugendliteratur.

Eine Leseprobe von Sarah Wildeisen

Klapprige überfüllte Boote mit Afrikanern – ein in den Medien häufig gezeigtes Bild, das auf ungelöste Probleme hinweist und Fragen aufwirft. Dem Thema sind in den vergangenen Jahren einige Jugendbuchautoren nachgegangen. Ob akribisch recherchierter Tatsachenbericht oder romanhafte Literarisierung – die Autoren versuchen, jugendlichen Lesern Hintergründe und menschliche Schicksale zu vermitteln, die sich hinter den Bildern von überfüllten Flüchtlingsbooten verbergen.

Am dichtesten erzählt Robert Klement in seinem Buch »70 Meilen zum Paradies« von einer Flucht und ihren Folgen. Der Krankenpfleger Siad flieht mit seiner 14-jährigen Tochter Shara aus seiner Heimat Somalia, nachdem seine Ehefrau und seine älteste Tochter bei einem Anschlag getötet wurden und das Haus der Familie zerstört wurde. Eine nicht enden wollende Strapaze nimmt ihren Lauf: erst der zermürbende Weg durch die Wüste, die halsbrecherische Überfahrt auf einem klapprigen Fischerboot ohne Kapitän und dann die Aufnahme in einem Auffanglager auf der süditalienischen Insel Lampedusa, in dem unmenschliche Bedingungen herrschen. Viele Mit-Flüchtlinge werden direkt zurückgeflogen.

Als Bürgerkriegsflüchtlinge erhalten Siad und Shara den Status »geduldet«. Das bedeutet für Siad, sich als Arbeitssklave im Süden Italiens verdingen zu müssen – in der Hoffnung, eines Tages nach Kanada ausreisen zu können. Zwar folgt Klement im Wesentlichen seinen beiden Haupt­figuren, doch spickt er den Roman mit einer Fülle von Informationen über die Schicksale der Mit-Flüchtlinge. Der Autor schildert anschaulich und realistisch die Gefahren, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind: Sei es in der Wüste, bei der Meeresüberquerung oder in den Flüchtlingslagern, sei es durch Schlepperbanden, durch die italienischen Behörden oder die europäische Flüchtlingspolitik. Das Panorama der Nöte und Gefahren tritt dabei so plastisch hervor, dass die Hauptfiguren etwas in den Hintergrund geraten.

Der Jugendbuchautor Ortwin Ramadan dagegen gestaltet seine Hauptfigur vielschichtig und mit hohem Identifikationspotenzial für den Leser: Yoba ist 16 Jahre alt und lebt zusammen mit seinem kleinen Bruder als Straßenkind in Nigeria. Er gerät in die Fänge eines Gangsters, der ihn damit beauftragt, jemanden zu ermorden. Als Yoba anstatt den Mord auszuführen, nur das Geld mitnimmt, bleibt ihm nur noch die Flucht. Gemeinsam mit seinem mental beeinträchtigten Bruder macht er sich auf den Weg nach Europa, denn dort, in einer Stadt namens Hamburg, lebt ein Onkel der beiden. Eine mühsame Reise durch die Wüste beginnt, bei der sich die Brüder zeitweise verlieren, bis sie schließlich in einem überfüllten Boot nach Sizilien flüchten.

Ramadan arrangiert seine Flüchtlingsgeschichte dramaturgisch geschickt. Auch er hat – wie Klement – gründlich recherchiert. In seiner Geschichte spiegeln sich tatsächliche Bedingungen und wahre Begebenheiten, die oft drastisch ausgeführt werden. Als Kunstgriff erscheint dagegen, dass der Straßenjunge die Geschichte seiner Flucht in einer Kladde festhält. Dieses Büchlein stellt schließlich die Verbindung nach Europa her – denn Yoba überlebt die Meeresüberquerung nicht. Unweit des Ertrunkenen findet der 17-jährige Julian, der mit seinen Eltern Urlaub auf Sizilien macht, dessen Aufzeichnungen. Nach dem schockierenden Fund macht Julian sich auf die Suche nach Yobas Bruder, denn obwohl das Boot gekentert ist, soll es Überlebende geben … Ein Buch voller Emotionen.

Als reines Spiel mit der Möglichkeit gibt sich dagegen das Buch »Barsakh« zu erkennen: »Diese Geschichte könnte hier anfangen …« heißt es zu Beginn. Sehr appellativ und buchstäblich Schwarz-Weiß beschreibt der norwegische Autor Simon Stranger die Situation aus der Sicht einer europäischen Jugendlichen. Die blonde Emilie ist 15 Jahre alt und mit ihren Eltern im Urlaub auf Gran Canaria. Beim Joggen entdeckt sie ein Flüchtlingsboot voller halbverdursteter und entkräfteter Afrikaner, darunter auch Samuel aus Ghana. Da die Bucht menschenleer ist und sich dort ein verlassenes Haus befindet, ergreift Emilie die Möglichkeit, die Flüchtlinge dort zu verstecken. Das Mädchen, das ausgerechnet magersüchtig ist, beginnt nun, Lebensmittel zu horten. Sie tut, was sie kann, um zu helfen. Dass sich zwischen ihr und Samuel eine zarte Liebesgeschichte entwickelt, ist offensichtlich ein Zugeständnis an ein jugendliches Zielpublikum. Allerdings holen die realen Verhältnisse die Romanze ein: Die Flüchtlinge werden entdeckt und in ein Flüchtlingslager gebracht. Zumindest für Samuel gibt es Hoffnung: Wer unter 18 Jahren ist und weder seinen Namen, noch seine Herkunft preisgibt, darf nicht abgeschoben werden.

Wie Ramadan setzt auch Stranger auf eine emotionalisierende Dramaturgie. Während Ramadan im Anhang Hinweise auf verschiedene Hilfsorganisationen gibt, nennt Stranger nur eine einzige NGO. Dass das Ganze mit der Angabe einer Spendenkontonummer schließt – »die Grünhelme freuen sich auch über jede finanzielle Unterstützung, so groß oder klein sie sein mag« – lässt den Leser mit gemischten Gefühlen zurück. Ein Jugendroman zum Zwecke der Mitglieder- und Spendenakquise? Vertrauenswürdig hebt sich dagegen Klements Vorgehen ab: Er ergänzt das beschriebene Schicksal von Siad und Shara durch einen Auszug aus der Genfer Konvention.

Sicherlich haben alle Autoren aus edlen Motiven zur Feder gegriffen. Dennoch lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Um ein jugendliches Publikum anzusprechen, sollte ein schwieriges Thema so vermittelt werden, dass der Leser am Ball bleibt und Interesse für die Problematik entwickelt. Einen gekonnten Spannungsbogen und glaubhafte Figuren zu gestalten, ist dafür unerlässlich. Ob es filmische Showdowns und Liebesgeplänkel braucht, um Teenagern das Lesen realistischer Jugendliteratur schmackhaft zu machen, sei dahingestellt. Solche Mittel verraten mehr über das Bild, das Autoren von Jugendlichen haben, als über das eigentliche Thema, nämlich das Schicksal der Bootsflüchtlinge.

Robert Klement: 70 Meilen zum Paradies. Jungbrunnen Verlag, Wien 2011 (3. Auflage). 143 Seiten, 13,90 Euro. Ab 13 Jahren.

Ortwin Ramadan: Der Schrei des Löwen. Carlsen Verlag, Hamburg 2011. 288 Seiten, 9,95 Euro. Ab 13 Jahren.

Simon Stranger: Barsakh. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Bloomsbury Verlag, Berlin 2011. 144 Seiten, 8,95 Euro. Ab 13 Jahren.

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