Amnesty Journal 28. März 2012

Grausamer Konsum

Zeichnung eines Fotoapparates, eines Pinsels und Viertelnoten

Der Ethnologin Jeanette Erazo Heufelder ist mit ­ihrem Reportageband "Drogenkorridor Mexiko" ein erhellendes Buch über eine Region gelungen, die sich fest im Griff der Kartelle befindet.

Wolf-Dieter Vogel

Mexiko bleibt in den Schlagzeilen: Ständig erreichen uns Meldungen aus einem Staat, in dem Menschen auf grausame Weise ermordet oder misshandelt werden. Von 50.000 Toten ist die Rede, von 230.000 Vertriebenen sowie von Zehntausenden entführten Migrantinnen und Migranten. Das Land ist zum Synonym für ein Gewaltniveau geworden, das niemand mehr nachvollziehen kann. Hinter den unglaublichen Opferzahlen verschwinden die sozialen Verhältnisse, in denen der Krieg zwischen den Killern der Kartelle, Polizisten und Soldaten stattfindet. Kaum ein Bericht kann vermitteln, was auf gesellschaftlicher Ebene passiert: Wie leben die Menschen in den Gemeinden, die von der Mafia kontrolliert werden? Warum protestiert keiner, wenn in Bussen Balladen gespielt werden, die einem Massenmörder huldigen, wie z.B. dem Chef des Sinaloa-Kartells Joaquín "Chapo" Guzmán? Was wird aus den Kindern von Tätern, die erleben, wie ihre Eltern Menschen entführen, misshandeln, erpressen und töten?

Jeanette Erazo Heufelder ist diesen Fragen nachgegangen. Die Ethnologin und Autorin reiste in den Norden Mexikos und besuchte Orte, in denen die Kartelle schon lange regieren: Culiacán, Badiraguato, Ciudad Juárez. Es sind die Zentren des "Narco", des Drogenhandels. Regionen, in denen Kleinbauern seit Jahrzehnten Marihuana und Opium anbauen und Jugendliche für ein paar Pesos die illegale Ware in die USA schmuggeln. "Drogenkorridor Mexiko" nennt Erazo Heufelder deshalb ihr Buch. Sie schildert, wie der Alltag der Menschen von skrupellosen Kriminellen, korrupten Beamten und der Mafia bestimmt wird.

Die spannend geschriebenen Reportagen schildern die ständige Angst und Unsicherheit, die die mexikanische Gesellschaft gefangen hält. Keiner vertraut keinem. In einem Land, in dem ein erheblicher Teil der Beamten für die Kartelle arbeitet, zerbricht jede Norm, die richtiges Handeln von falschem unterscheidet. Denn wer zeigt einen Mord an, wenn der zuständige Polizist für jene tätig sein könnte, die die Tat zu verantworten haben? "Von allen Problemen, die es hier im Ort gibt, ist die Polizei das größte", zitiert Erazo Heufelder ein Gespräch, das sie mit einer Ticketverkäuferin führte. Häufig unterscheiden sich legale und illegale Mächte nicht einmal im Auftreten. Wie die Killer der Mafia agieren auch Bundesbeamte vermummt, ihre Fahrzeuge tragen keine Nummernschilder, immer wieder ver­üben auch Militärs schwere Menschenrechtsverbrechen: Frauen werden vergewaltigt, Personen widerrechtlich festgenommen oder gar erschossen.

Die Autorin blickt auch auf die skurrile Seite der Kriminellen. Sie besucht die Kultstätten der "Narcos", zum Beispiel die fulminanten Gräber, die sich die Drogenbosse zu Lebzeiten auf Friedhöfen erstellen lassen. Und sie beschreibt den Kult um den Schutzheiligen der Mafia, Jesus de Malverde, an dessen Todestag Besucherinnen und Besucher aus aller Welt zu einer Kapelle nach Culiacán pilgern: "Wie Seifenopern scheinen die über die Drogenbosse verbreiteten Mythen und Legenden mit der Sehnsucht der Leute zu korrespondieren, der Lethargie ihres eigenen Alltags zu entfliehen."

Erazo Heufelders Reportagen sind nüchterne Erklärungsversuche. Die Ethnologin entgeht der Versuchung, die Herrschaft der Mafia sozialromantisch zu verklären, etwa, weil die Kriminellen gelegentlich Kindergärten, Schulen oder Straßen finanzieren. Sie verweist auf einen Satz, den sie immer wieder gehört hat: "Wir müssen mit den 'Narcos' paktieren, damit sie uns wenigstens das Leben lassen." Andere greifen zur Selbstjustiz. "Gebt uns Waffen", zitiert sie Dorfbewohner, "denn die Politik verteidigt uns nicht".

Die Autorin schildert eine traumatisierte Bevölkerung, Kinder, deren Berufswunsch ist, wie Chapo Guzmán zu werden, und Fotos, auf denen Vater und Sohn gemeinsam mit Kalaschnikows posieren. Vierzig Prozent der Kinder besuchen keine Schule, erfährt Erazo Heufelder in Ciudad Juárez. "Es gibt niemanden, der sie dort vermisst. Die Einzigen, die sie mit offenen Armen empfangen, sind die Straßengangs." Für 20 Dollar sind Jugendliche bereit, jemanden umzubringen. Wegen der vielen Frauenmorde ist die Stadt an der US-Grenze schon seit langem im Blick von Menschenrechtsverteidigern und Feministinnen. Auch der tödliche Kampf zwischen Mafia-Organisationen tobt dort seit Jahren.

Vor diesem Hintergrund ist die Gewalt mittlerweile zu einem eigenständigen Phänomen geworden: "Für eine Generation, die im Krieg der Kartelle um die Kontrolle über Ciudad Juárez aufgewachsen ist, ist die Grausamkeit nichts Abschreckendes, sondern gelebte Normalität", schreibt die Autorin. Lässt sich so erklären, warum Menschen in der Lage sind, die Leichen ihrer Feinde zu verstümmeln oder diese gar in Säure aufzulösen? Für Erazo Heufelder ist die Grausamkeit ein Schlüssel, um Einlass in die "heiligen Hallen des Konsums" zu finden – trotz gesellschaftlicher Chancenlosigkeit. Sie verweist darauf, dass die legale Wirtschaft nur noch Hungerlöhne zahlt. Wer an den Versprechen der Moderne teilhaben will, so lässt sich folgern, muss alle Skrupel ablegen. Die Konsequenzen erlebt die Autorin hautnah: "Wertloser als heute war in Ciudad Juárez menschliches Leben nie."

Die Ethnologin schildert eine trostlose, eine perspektivlose Welt. Und dennoch stößt sie auch auf Menschen, die Wege suchen, um diese Verhältnisse zu ändern. Da die Polizei untätig ist, kümmert sich zum Beispiel in der Stadt Creel Pfarrer Javier Avila um die Aufklärung eines Massakers, bei dem im August 2008 dreizehn Menschen, unter ihnen ein Baby, starben. Oder Julian Lebaron. Seit einer seiner Brüder entführt und ein anderer ermordet wurde, kämpft der 36-Jährige für die Aufklärung der Verbrechen. "Es waren die üblichen Verdächtigen aus der Gegend. Allerorts bekannte Handlanger der 'Narcos'." Die Täter sind bis heute auf freiem Fuß. Lebaron ist trotzdem optimistisch. "Die Mexikaner haben die politische Klasse abgeschrieben", sagt er. "Vielleicht ist jetzt die Zeit reif für eine echte Zivilgesellschaft."

Jeanette Erazo Heufelder: Drogenkorridor Mexiko. Eine Reportage. Transit Verlag, Berlin 2011, 240 Seiten 19,80 Euro

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