Der Abgesang
Mit seinem Album "Político" rechnet das "Mexican Institute of Sound", alias Camilo Lara, mit Drogenkrieg und Korruption in Mexiko ab.
Von Daniel Bax
Meine bisherigen Alben waren wie Liebesbriefe an Mexiko. Dieses hier ist eher mein Abschiedsalbum", witzelt Camilo Lara. Nicht, dass der kleine, rundliche DJ und Produzent seinem Heimatland den Rücken kehren wollte, weit gefehlt. Aber mit seinem Album "Político" hat der Kopf des Ein-Mann-Projekts namens "Mexican Institute of Sound" einen schonungslosen Abgesang auf dessen politische Kultur verfasst, der nach einer endgültigen Abrechnung klingt.
Schon der Song "México", der im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Juli 2012 erschien, hat es in sich. "Wir sind Opfer eines Staates, der konfisziert wurde, mit einer Regierung, die von Drogenbaronen profitiert", heißt es darin. An anderer Stelle nennt der Chef des mexikanischen Sound-Instituts sein Land einen "Weltmeister der gescheiterten Staaten" und vergleicht dessen Nationalfarben mit "Grün wie Marihuana, Weiß wie Kokain, Rot – dein Blut".
Der dazugehörige Videoclip, der auf dem zentralen Zócalo-Platz in Mexiko-Stadt gedreht wurde, zeigt einen stillen Marsch von Menschen, die rosa und blaue Fahnen schwenken. Später gesellen sich weitere Demonstranten dazu, die Bilder von Kindern hochhalten – Opfer des blutigen Drogenkriegs, der seit sechs Jahren immer schlimmer wütet und je nach Schätzungen bereits zwischen 60.000 und 120.000 Opfer gefordert hat. Später sieht man Maschinengewehre im Anschlag, blinde Polizeigewalt und namenlose Leichen auf der Straße: Bilder, die von der Militarisierung des Alltags und der Brutalität auf beiden Seiten künden und ein düsteres Bild des heutigen Mexiko zeichnen.
"Was ich getan habe, war Teil einer größeren Bewegung", betont Camilo Lara. Er unterstützt die Protestbewegung "Yo Soy 132" ("Ich bin 132"), die als Studenteninitiative begann und sich gegen die Rückkehr der ehemaligen Staatspartei RPI an die Macht richtete. Insbesondere deren Kandidaten, den 46-jährigen Enrique Peña Nieto, dessen Amtszeit als Gouverneur des Bundesstaates México durch Menschenrechtsverletzungen und Justizskandale geprägt war, nahm "Yo Soy 132" ins Visier. "Viele Künstler haben dagegen ihre Stimme erhoben. Aber man kann nicht sagen, dass wir viel Erfolg hatten", gibt sich Lara nach Nietos Wahlsieg resigniert. "Das System hat gewonnen. Das ist die traurige Wahrheit."
Allerdings hat das Protestbündnis eine ungeahnte Mobilisierung bewirkt. Denn kaum waren die Wahllokale geschlossen, formierte sich im Internet der Protest gegen den massenhaften Wahlbetrug in verschiedenen Provinzen, und Aktivisten von Yo Soy 132 errichteten im Zentrum von Mexiko-Stadt ein Protestcamp nach dem Vorbild der Jugend auf dem Kairoer Tahrirplatz. Der Protest bewirkte, dass die Hälfte der Stimmzettel neu ausgezählt wurde, aber am Ende bestätigte die Wahlkommission dann doch nur den Sieg von Enrique Peña Nieto. "Dass es Wahlbetrug gab, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die großen TV-Sender einseitig einen Kandidaten gepusht haben", zieht Camilo Lara Bilanz. Denn es war nicht zuletzt die tendenziöse Berichterstattung der großen mexikanischen Fernsehsender Televisa und TV Azteca, die den telegenen Ex-Gouverneur, der mit dem Telenovela-Star Angelica Rivera verheiratet ist und sich mediengerecht in Szene zu setzen weiß, ins Amt gespült hat.
Camilo Lara ist ein Künstler, der erst vor Kurzem zum politischen Aktivismus gefunden hat. Auslöser war eine Polizeirazzia in einem Nachbarhaus, die eine tödliche Menge Sprengstoff zutage förderte – der Vorfall führte ihm vor Augen, wie schnell jeder in Mexiko ein Opfer im Drogenkrieg werden kann. "Die Politik begann, näher und näher an mein Leben zu rücken", sagt Lara. Dieses Erlebnis brachte ihn dazu, Stellung zu beziehen.
Warum die Drogenmafia in Mexiko in den vergangenen Jahren zu so einem wichtigen Faktor werden konnte, der Jobs schafft und die Politik beeinflusst, darauf hat Camilo Lara eine einfache Antwort. "Wir sind der Hinterhof der USA. Weil dort so eine große Nachfrage nach Drogen herrscht, sind wir zum Produzenten geworden." Doch er findet: "Wenn sie sich auf diese Art umbringen wollen, dann sollten sie sich die Drogen zollfrei kommen lassen".
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Camilo Lara neu erfindet. Bevor er sein "Instituto Mexicano del Sonido", wie der spanische Name seines Projekts lautet, aus der Taufe hob, war er lange Jahre als Musikmanager unterwegs. Doch weil seinen Freunden die Mix-Compilations so gut gefielen, die er jedes Jahr verschickte, ließ er sich dazu überreden, eine eigene musikalische Karriere in Angriff zu nehmen. "Ich bin im Musikbusiness von ganz unten bis zum Chef eines großen Majorlabels aufgestiegen", resümiert Lara. Seit vier Jahren betreibt er nun sein eigenes, unabhängiges Plattenlabel und zählt mit seinem Mexican Institute of Sound neben Gruppen wie dem Nortec Collective aus Monterrey zu den Pionieren der wachsenden Electro-Szene Mexikos. Drei Alben hat er seither veröffentlicht und Songs zu Kinofilmen, TV-Shows und Fernsehserien und sogar zu einem Fußball-Videospiel beigesteuert.
Eine düstere Stimmung verbreitet auf "Político" schon das Titelstück – südamerikanische Roots-Percussion mischt sich mit bedrohlichen Bässen und einem straighten Dance-Beat, durchs Megafon werden Rap-Slogans gerufen. Mal drücken hektische Elektrorythmen aufs Tempo, mal vermitteln Surfgitarrenriffs à la B-52s den Eindruck von Dringlichkeit und immer wieder werden atmosphärische Latin-Zitate eingestreut, sei es eine zerhackte Cumbia-Melodie, ein verrauschtes Rumba-Sample oder elegische Mariachi-Bläser vom Band.
"Ich weiß, es klingt romantisch, aber ich bin davon überzeugt, dass sich die Dinge mit Musik verändern lassen", sagt Camilo Lara. Das positive Echo, das ihm mit seiner Musik in Europa entgegenschlägt, bestätigt ihn in seiner Auffassung. "Es ist eine politische Zeit", findet er. "Ich erinnere mich, wie ich früher die Clash-Platte "Sandinista" gehört habe. So eine Stimmung, wie sie in den achtziger Jahren in England herrschte, als Punk entstand, die gibt es jetzt wieder."
Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.
Mexican Institute of Sound: Político (Chusma Records)