Amnesty Journal Ägypten 25. September 2012

Mit gutem Gewissen

Der ägyptische Aktivist Maikel Nabil Sanad kämpft gegen den Einfluss des Militärs und für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in seinem Land. Bei den nächsten ­Parlamentswahlen will er als Kandidat antreten.

Von Ralf Rebmann

Die Krawatte ist perfekt geknotet, die Haare sind konsequent nach hinten gegelt. Maikel Nabil Sanad sitzt in der Geschäftsstelle von Amnesty International in Berlin und ist fest entschlossen, sein viertes Interview an diesem Tag zu geben. Zuvor hatte der 26-Jährige bereits Abgeordnete des deutschen Bundestages getroffen. Für den charismatischen Blogger gehört der Aufenthalt in Berlin am 23. Mai zu einer elftägigen Vortragsreise, die ihn quer durch Deutschland führt. Er wird von seinem 19-jährigen Bruder Mark Nabil begleitet und will aufklären: über die Stimmung in der ägyptischen Bevölkerung, die Ergebnisse der jüngsten Wahlen und die Rolle des Militärs. Maikel Nabil wurde seit Ende 2010 bereits zweimal inhaftiert, weil er Kritik am Militär geübt und den Armeedienst abgelehnt hatte. Zuletzt befand er sich über elf Monate in Haft, mehr als vier Monate davon im Hungerstreik. Sein Fall hatte internationale Proteste ausgelöst und ihn gleichzeitig zum bekanntesten Kriegsdienstverweigerer Ägyptens gemacht.

Maikel Nabils größte Stärke: Er kann kommunizieren. Sein Repertoire: Youtube, Facebook und Twitter sowie ein Internetblog, auf dem er bisher über 300 Einträge veröffentlicht hat. Der 26-Jährige hat eine Meinung und die vertritt er selbstbewusst. Im Gespräch klingt das so: »Ich möchte für diejenigen sprechen, die keine Stimme haben« oder »Wenn jemand vom Militär gefoltert wurde und das niemand kritisiert, dann mache ich das eben.«

2009 wird Maikel Nabil erstmals mit dem Militär konfrontiert: Wie alle volljährigen, männlichen Ägypter muss er prüfen lassen, ob er sich für den Armeedienst eignet. Er wird zu drei Jahren Militärdienst verpflichtet – für den jungen engagierten Blogger ist es eine Katastrophe. Er schickt zahlreiche Protestbriefe an die Behörden, gründet sogar eine kleine Organisation gegen den obligatorischen Militärdienst, das »No for Compulsory Military Service Movement«. Ohne Erfolg. Kurz bevor er im Oktober 2010 eingezogen werden soll, macht er seinem Ärger in einem Blogeintrag Luft. »Ich schrieb, dass ich den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigere und die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen werde.« Drei Wochen später wird Maikel Nabil vor seinem Haus festgenommen. Die Behörden bescheinigen ihm jedoch kurz darauf »mentale Probleme« und ­befreien ihn damit überraschenderweise vom Militärdienst. Es ist ein erster Erfolg seines beharrlichen Einsatzes, der später auch einen anderen jungen Mann, den 24-jährigen Emad Eldafrawy, dazu ermutigen wird, den Kriegsdienst öffentlich zu verweigern.

In der ägyptischen Öffentlichkeit hat sich vor Maikel Nabil kaum jemand so deutlich gegen den obligatorischen Kriegsdienst positioniert. Seine prominente Rolle wird ihm zum Verhängnis, als der ehemalige Präsident Hosni Mubarak im Februar 2011 gestürzt wird und das Militär die Macht übernimmt. Am 28. März 2011 wird Maikel Nabil in Kairo festgenommen und wenige Tage später wegen eines kritischen Blogeintrags vor einem Militärgericht zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Begründung: »Beleidigung des Militärs«.

»Das Militär wollte ein Exempel statuieren«, sagt er heute. »Während des sehr kurzen Verfahrens wurden mir keine Rechte gewährt. Ich wurde sogar in Abwesenheit meines Anwalts verurteilt.« Die drakonische Strafe zeigt ihre Wirkung. So schrieb die Bloggerin Zeinobia im April 2011 auf ihrer Website »Egyptian Chronicles«: »Ich fürchte und sorge mich, dass die Strafen die Nabil erhielt, gegen alle Blogger angewendet werden können, die in ihren Blogs ebenfalls Übergriffe des Militärs dokumentieren – inklusive mir.« In den Folgemonaten werden mehr als 12.000 Zivilisten vor Militärgerichten verurteilt. Amnesty International dokumentiert Fälle von Folter sowie »Jungfräulichkeitstests« an Demonstrantinnen.

Maikel Nabil leidet in dieser Zeit unter den Bedingungen seiner Haft. Ende August 2011 entschließt er sich zu einem Hungerstreik, den er bis zum Ende des Jahres durchhält. Wie hat er diese schwierige Phase erlebt? Im Interview ist dies einer der wenigen Momente, in dem man die Person Maikel Nabil wahrzunehmen glaubt und nicht den Aktivisten, der meist in politischen Statements spricht. Es sei eine schreckliche Zeit gewesen, er habe mehrmals daran gedacht, sich umzubringen.

»Ein Hungerstreik ist ein Werkzeug des Widerstands«, fährt er fort. »Es ist besser zu sterben, während man Widerstand leistet, als zu akzeptieren, dass man drei Jahre in Haft verbringen muss.« Später bekommt er schwerwiegende gesundheitliche Probleme. Der sowieso schon schmächtige Maikel Nabil hungert sich von 60 auf fast 45 Kilogramm. Irgendwann beginnt er damit, Milch und Saft zu trinken. Es rettet vermutlich sein Leben.

Währenddessen setzt Mark Nabil alle Hebel in Bewegung, um seinem großen Bruder zu helfen, organisiert Anwälte, kontaktiert Medien und Organisationen. Im Oktober 2011 soll schließlich die Anklage vor einem Militärgericht neu verhandelt werden. Maikel Nabil weigert sich aus Protest an der Verhandlung teilzunehmen und landet deshalb beinahe in einer psychiatrischen Klinik. Zahlreiche Organisationen, auch Amnesty International, haben sich seit seiner Inhaftierung für ihn starkgemacht. »Irgendwann habe ich gemerkt, dass es in meinem Fall Fortschritte gibt«, sagt er. »Die ganze Unterstützung, die Briefe und Karten, haben mir geholfen zu überleben und mich davon überzeugt, den Hungerstreik zu beenden.« Wenige Tage vor dem Jahrestag der ersten großen Demonstration gegen ­Mubarak, am 25. Januar 2012, kommt er schließlich im Rahmen einer Generalamnestie frei.

Hat sich die Situation für die ägyptische Bevölkerung inzwischen verbessert? »Wenn man an die Militärverfahren gegen Zivilisten denkt, ist es schlimmer als unter Mubarak«, sagt er. Viel besser stünde es um das Recht auf Demonstrations- und Versammlungsfreiheit, die Zivilgesellschaft sei stärker als früher. Seine kritische Haltung gegenüber dem Militär hat Maikel Nabil beibehalten, den Ergebnissen der jüngsten Präsidentschaftswahlen traut er nicht. »Das Militär entscheidet, wer aufgestellt wird und wer nicht. In einem Land, in dem es politische Gefangene gibt, kann es keine freien Wahlen geben.« Weil er die Wahl für unfair hält, hat er seine Stimme nicht abgegeben. »Entweder stimme ich für einen Islamisten oder einen Kriminellen«, sagt er und meint damit den Kandidaten der Muslimbruderschaft Mohammed Mursi und Ahmed Schafik, den letzten Ministerpräsidenten Mubaraks.

Maikel Nabil vertritt seine Meinung mit Überzeugung, auch wenn manches bei seinen Landsleuten auf Unverständnis stößt. So bezeichnet er sich selbst als Atheisten und setzt sich für eine Aussöhnung mit ­Israel ein. Im Herbst wird er in Erfurt ein Masterstudium in Politikwissenschaft beginnen. Nebenbei will er ein Buch über seine Zeit in Haft schreiben und sein politisches Engagement fortsetzen, um bei den nächsten Parlamentswahlen in Ägypten als Kandidat ­antreten zu können. »Ich wollte eigentlich schon bei den vergangenen Parlamentswahlen kandidieren«, sagt er, »aber damals konnte ich nicht teilnehmen. Ich saß ja im Gefängnis«.

Der Autor ist Volontär beim Amnesty Journal.

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