Amnesty Journal Kuba 16. November 2011

"Information bedeutet Macht"

Der Journalist Pablo Pacheco Avila gehörte zu den 75 ­Dissidenten, die während
des sogenannten »Schwarzen Frühlings« 2003 in Kuba festgenommen wurden.
Nach über sieben Jahren wurde er aus der Haft entlassen – aber nur,
weil er Kuba verließ und nach Spanien ins Exil ging.

Seit Anfang August wohnen Sie mit ihrer Familie nicht mehr in Spanien, sondern in den USA. Wieso sind Sie umgezogen?
Die wirtschaftliche Krise in Spanien ist ernst und die Arbeits­losigkeit hoch. Wir haben alles versucht, um Arbeit zu finden, aber es war nicht möglich. Die kubanischen Behörden haben die Situation zusätzlich erschwert. Meine Frau ist Ärztin, aber in Spanien darf sie nur arbeiten, wenn sie die notwendigen Dokumente vorweisen kann. Kuba hat sie bis heute nicht geschickt. Dass uns die Spanier trotzdem aufgenommen haben, respektiere ich. Wir hoffen, dass wir in den USA bessere Chancen haben, unser Leben wieder selbstständig in die Hand nehmen zu können.

Hat sich Ihre Sicht auf Kuba im Exil verändert?
Für mich ist das Leben im Exil in vielerlei Hinsicht schwierig: Man befindet sich in einer neuen Umgebung, getrennt von Freunden und Familie und muss gleichzeitig beobachten, wie das eigene Land unter den Repressalien des Militärs leidet. Das ist hart. Und heute, da ich bessere Informationen habe als früher, schmerzt es noch mehr. Wenn man sich in einem fremden Land befindet, erscheint das Leben immer etwas seltsam oder unwirklich. Mittlerweile denke ich aber, dass es mein Heimatland ist, das seltsam ist. Kuba ist wie ein anderer Planet.

Sie wurden 2003 inhaftiert, weil Sie Ihrer Tätigkeit als Journalist nachgegangen sind. Die Grundlage dafür war das sogenannte »Gesetz 88« …
Man könnte es auch als »Knebel-Gesetz« bezeichnen. Es dient dazu, Dissidenten und kritische Stimmen zu unterdrücken. Unabhängige Journalisten in Kuba wissen, dass sie jederzeit kurzfristig inhaftiert werden können. Wir hätten aber nie gedacht, dass die Behörden dieses Gesetz auf uns anwenden würden. Als der Staatsanwalt bei seiner Anklage eine Haftstrafe von 26 Jahren forderte, hielt ich es für einen schlechten Witz – eine Beleidigung der Meinungsfreiheit. Am Ende wurde ich zu zwanzig Jahren Haft verurteilt.

Davon mussten Sie sieben Jahre absitzen. Wie haben Sie die Zeit im Gefängnis erlebt?
Es waren drei Phasen. Die erste war in jeglicher Hinsicht die härteste und schwierigste. Das Gefängnis war 400 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Ich verbrachte die ersten siebzehn Monate in Isolationshaft und wurde in dieser Zeit krank. Unsere Familien konnten uns höchstens alle drei Monate besuchen. Später wurde ich in ein Gefängnis verlegt, das näher an meinem Heimatort lag. Die letzte Phase war 2009 das Provinzgefängnis von Canaleta. Über ein Jahr war ich dort in einer Zelle untergebracht, die rund 30 Quadratmeter hatte – mit 27 anderen Personen, Kriminellen und Vergewaltigern.

Im Juli 2010 gehörten Sie zu den Personen, die zuerst freigelassen wurden. Haben Sie damit gerechnet?
Nein. Aber mehrere Monate zuvor gab es einen Vorfall, der die Sicht der internationalen Gemeinschaft auf Kuba veränderte. Orlando Zapata Tamayo, ein inhaftierter politischer Gefangener, starb bei einem Hungerstreik, mit dem er sich für die Rechte der Gefangenen einsetzte. Sein Tod war ein schwerer Schlag für uns, aber auch für das Ansehen der kubanischen Behörden. Nach diesem Vorfall wurde der öffentliche Druck stärker. Für die Behörden wurde es untragbar, uns weiter zu inhaftieren. Dies mag bei unserer Befreiung eine Rolle gespielt haben.

Wie haben Sie erfahren, was sich außerhalb der Gefängnismauern abspielt?
Für die Behörden ist es schwer, den Informationsfluss vollständig zu unterbrechen. Über Telefongespräche haben uns andere Dissidenten regelmäßig mit Informationen versorgt. Außerdem kamen viele Briefe und Karten an – auch von Amnesty, wofür ich mich sehr bedanken möchte. Das hat uns Kraft gegeben. Selbst die Karten, die nicht in unsere Hände gelangten, waren wichtig. Sie haben den Gefängniswärtern gezeigt, dass wir nicht allein sind.

Noch während Ihrer Haft haben Sie 2009 den Internetblog »Voces tras las rejas« gegründet. Wie war das möglich?
Es war ein Projekt mit mehreren bekannten Journalisten wie Yoanis Sanchez und Reinaldo Escobar. Für mich war es die Gelegenheit, um über die Haftbedingungen zu berichten. Ich habe meine Texte per Telefon übermittelt, die Blogger haben sie aufgenommen und ins Ausland geschickt. Dort wurden sie dann veröffentlicht, weil das Internet in Kuba streng zensiert wird. Die Gefängniswärter sagten mir einmal, dass der Blog zu einem Problem für mich werden könnte. Aber ich dachte: Im Gefängnis bin ich sowieso schon, was können sie denn noch tun?

Alle Gefangenen, die während des »Schwarzen Frühlings« ­inhaftiert wurden, sind mittlerweile frei. Verbessert sich die Situation für Regierungskritiker in Kuba?
Die Befreiung von Personen, die unschuldig in Haft waren, kann nicht wirklich als Verbesserung bezeichnet werden. Alle Kubaner sollten die gleichen Rechte bekommen und niemand sollte verfolgt werden, nur weil er schreibt, was er denkt. Erst wenn unabhängige Parteien existieren und Wahlen frei sind , hat sich die Situation verbessert. Was die Menschen in Kuba am meisten brauchen, ist Information. An dem Tag, an dem sie alles lesen können, was kubanische Blogger schreiben, ist das Ende der Diktatur in Kuba eingeleitet – denn Information bedeutet Macht.

Kubas Präsident Raúl Castro hat im Frühjahr private Investitionen in Aussicht gestellt. Wie bewerten Sie diese Versprechen?
Das sind meiner Meinung nach nur kosmetische Eingriffe. Ende der achtziger Jahre hat die Regierung schon einmal Reformen durchgeführt, um die Wirtschaft zu retten. Als viele Kubaner ihr eigenes Geschäft aufgebaut hatten, wurde ihnen der Wohlstand wieder weggenommen. Einige kamen sogar in Haft. Die kubanische Regierung warf ihnen vor, sich bereichert und den Staat ­beklaut zu haben. Es stimmt, in Kuba sind Reformen nötig, aber das sind an erster Stelle politische Reformen.

Fragen: Ralf Rebmann

Pablo Pacheco Avila ist ein kubanischer Dissident und Journalist. Wegen seiner Arbeit für die unabhängige Presse in Kuba saß er von 2003 bis 2010 im Gefängnis. Amnesty setzte sich in dieser Zeit für ihn ein. Derzeit lebt der 41-Jährige mit seiner Frau und seinem Sohn in Miami, USA. In seinem Internetblog »Voces del Destierro« schreibt er regelmäßig über seine Zeit im Exil.

Mehr dazu