Amnesty Journal Mittlerer Osten und Nordafrika 17. November 2011

Der große Widerspruch

Der Journalist Michael Thumann erklärt, warum die westliche Sicht auf die islamisch geprägten Länder fatal verengt ist.

Von Maik Söhler

In islamisch geprägten Ländern prallen diverse Interessen aufeinander – jene von Nationalisten, Linken, Demokraten, Gläubigen und Laizisten, Frauen und Männern, Jungen und Alten, Geschäftsleuten, Arbeitern, Angestellten und Arbeitslosen, Eliten und Unterprivilegierten, Machthabern und Aufständischen, Reichen und Armen, Freunden der Tradition und Freunden der Moderne. Doch im Westen sieht man oft nur eines: den Islam. Diese Perspektive will Michael Thumann mit seinem Buch »Der Islam-Irrtum« verändern.

Der Journalist nimmt die Umbrüche in Tunesien, Ägypten, Syrien und anderen arabischen Ländern zum Anlass, um ein differenziertes Bild der Staaten und ihrer Beziehungen untereinander zu zeichnen, in denen sich die Mehrheit der Bevölkerung zum Islam bekennt: von Marokko im Westen bis Malaysia im Osten. Der »Islam-Irrtum« des Westens und mit ihm das Scheitern westlicher Nahost-Politik beruht nach Ansicht Thumanns auf drei Fehlern: Erstens wird die Bedeutung des Islam überschätzt; zweitens ist die Annahme, der Islam sei prinzipiell gegen den Westen gerichtet, falsch – ebenso wie die daraus abgeleitete Abschottung gegen alles Islamische; und drittens werden die Stärken und Schwächen der einzelnen Länder kaum zur Kenntnis genommen.

Anders als viele andere Autoren hat Thumann viele dieser Stärken und Schwächen aus eigener Anschauung kennengelernt. Er lebt seit 2007 in Istanbul und ist Korrespondent der Wochenzeitung »Die Zeit« für den Mittleren Osten. Seine Recherchereisen führten ihn nach Ägypten, nach Bahrain und in den Libanon, in die reichen Golfstaaten und in den verarmten Gazastreifen. Er hat mit linken Ägyptern ebenso gesprochen wie mit kurdischen Nationalisten dies- und jenseits der türkischen Grenzen, mit Funktionären der radikal-islamischen schiitischen Hisbollah und der sunnitischen Hamas. Die islamische Moderne türkischer oder katarischer Prägung begegnet uns in seinem Buch gleichberechtigt neben dem saudischen und iranischen Fundamentalismus. Doch selbst diese Gesellschaften sind, wenn wir Thumann folgen, von Widersprüchen durchdrungen.

Thumann beendet sein Buch schließlich mit einer Beschreibung der »sieben Kardinalfehler der atlantischen Nahostpolitik«: Diktatorenfreundschaft, Etikettenschwindel, Isolationsdiplomatie, Antiterrorkriege, Dämonisierung von Muslimen, Festungsmentalität und Erweiterungsangst. Und erst hier fällt einem beim Lesen das große Manko dieses Buches auf. So stark Thumann bei den arabischen Staaten differenziert, so gering fallen diese Differenzierungen bei der Betrachtung des Westens aus. USA, Europa, Israel – alles erscheint aus einem Guss. Macht ein westlicher Akteur einen Fehler, machen ihn die anderen auch. Schade, ein genauerer Blick auf die unterschiedlichen Zugänge westlicher Staaten zur muslimischen Welt hätte diesem luziden Buch gut getan.

Michael Thumann: Der Islam-Irrtum. Europas Angst vor der muslimischen Welt. Eichborn, Die Andere Bibliothek – Band 319, Frankfurt am Main 2011, 336 Seiten, 32 Euro

Mehr dazu