Amnesty Journal 25. Juli 2011

Von blutigen Spielen und grausamen ­Königinnen

Das Thema Menschenrechte führt innerhalb der ­Kinder- und Jugendliteratur ein Nischendasein. ­Bücher, die auf dokumentarische oder realistische Weise konkrete Probleme ansprechen, liegen nicht im Trend – Fantasy und Crime dominieren den Markt. Doch auch hier finden sich Themen wie Macht, Unterdrückung und Willkürherrschaft. Wie werden sie umgesetzt? Stärken sie das Bewusstsein für Menschenrechte?

Von Sarah Wildeisen

Dass Kinder grausam sind, weiß der Volksmund – und Nikolaus Heidelbach weiß es auch. Der Autor und Illustrator inszeniert in seinem Bilderbuch "Königin Gisela" eine kindliche Machtgier, die der von Erwachsenen ebenbürtig ist. Damit beweist er, dass das Bilderbuch längst nicht mehr ausschließlich eine Buchform für Vorschulkinder ist, sondern eine Kulturform, die einen offenen Adressatenkreis anspricht und generationsübergreifende Gespräche über das Gezeigte provoziert.

Heidelbach verkleidet seine Botschaft in eine Gute-Nacht-Geschichte, die ein Vater seiner Tochter während einer Ferienwoche am Meer erzählt: Ohne Eltern will das Mädchen Gisela, das sehr reich ist, eine Reise mit einem Luxusozeandampfer machen. Doch ein Sturm versenkt das Schiff und Gisela wird an das Ufer einer einsamen Insel gespült. Acht gastfreundliche Erdmännchen bewirten sie und bieten ihre Dienste an. Gisela fackelt nicht lange und macht sich die Tiere mehr und mehr zu Untertanen. "Hört mal, Herrschaften, ist euch schon aufgefallen, dass ihr alles tut, was ich sage? Meint ihr nicht auch, wir könnten das Kind beim rechten Namen nennen? Ich dachte an Königin! Königin Gisela! Anrede: Majestät!" Die Erdmännchen nicken und gehorchen. Bis Gisela ihre eigene Krönung und einen Tribut fordert: "Ich wünsche zur Krönung einen gestreiften Bikini zu tragen und zwar aus Erdmännchenfell!"

Was als abenteuerliche Robinsonade beginnt, steigert sich zur imperialistischen Herrschaftsparabel. Dabei offenbart Heidelbach die Abgründe menschlichen Hochmuts ebenso wie die Möglichkeiten des friedlichen Widerstands. Denn die Erdmännchen machen sich Giselas Unwissenheit zunutze: Auf der Insel wohnen viel mehr Erdmännchen. Alle arbeiten Hand in Hand und noch bevor sie bemerkt, dass ihr Thron ein Floß ist, katapultieren sie die eitle Königin aufs Meer hinaus. Sowohl der Aufbau des Buchs – eine Geschichte in einer Geschichte – als auch der Inhalt provozieren Fragen und ermöglichen ein Gespräch über Herrschaft, Ausbeutung und Widerstand.

Die amerikanische Autorin Suzanne Collins erzählt in ihrer Trilogie "Die Tribute von Panem" ebenfalls von blutigen Opfern zur Manifestierung von Herrschaft. Für den ersten Band, "Tödliche Spiele", erhielt Collins den Preis der Jugendjury – die wohlgemerkt wirklich aus Jugendlichen besteht – des Deutschen ­Jugendliteraturpreises 2010. Doch nicht nur bei Jugendlichen steht die Trilogie hoch im Kurs. Ein Blick auf die Spiegel-Best­sellerliste zeigt, dass sich alle drei Titel in den vergangenen drei Jahren auf Top-Plätzen befanden.

Collins entwirft in ihrer "Panem"-Trilogie ein Zukunftsszenario, in dem eine herrschende Minderheit den Rest der noch bestehenden Welt, aufgeteilt in zwölf Distrikte, unterjocht. Um Rebellionen, wie es sie einst gegeben hatte, im Keim zu ersticken, finden in jedem Jahr die sogenannten Hungerspiele statt. Je ein Mädchen und ein Junge zwischen 12 und 18 Jahren werden pro Distrikt ausgelost, um sich untereinander zu bekämpfen, bis einer von beiden stirbt. Collins gestaltet diesen Wettkampf als eine Art in die Wirklichkeit übersetztes Computerspiel, das die Geschmacklosigkeiten des Reality-TV mit der altrömischen Volksberuhigungsstrategie des "panem et circensis" verbindet.

Die Welt von Panem erscheint dabei wie ein Spiegel, der sowohl die dekadente Saturiertheit unserer westlichen Welt zeigt, als auch die Nöte derjenigen, auf deren Rücken diese Dekadenz möglich wird. Die grausame Inszenierung der Hungerspiele zieht die Bewohner von ganz Panem, wo selbst die Ärmsten der Armen einen Fernseher besitzen, in den Bann, ebenso wie der Roman seine Leser.

Erzählt wird der Albtraum aus der Sicht von Katniss, die als eine der Tribune in der Arena um ihr Leben kämpft. Im dritten Band ist die spröde Heldin zur Symbolfigur der Rebellion geworden. Obwohl sie eine Kämpfernatur ist, bleibt sie zutiefst misstrauisch und enttarnt letztlich die Machtbesessenheit der neuen Herrschaftsanwärter. Collins stellt in ihrer Trilogie jegliche Form von Herrschaft von Menschen über Menschen in Frage und lässt am Ende ihre Protagonistin und die wenigen Überlebenden als traumatisierte und gebrochene Personen aus diesem Krieg der Welten hervorgehen. Ein ungewöhnliches Ende für ein US-amerikanisches Science-Fiction-Jugendbuch.

Während Science Fiction eine Plattform für Gesellschaftskritik und Utopie darstellen mag, steht das heute in der Kinder- und Jugendliteratur dominierende Genre der fantastischen Literatur meist im Verdacht des Eskapismus. Dagegen wendet sich der französische Autor Timothée de Fombelle, der politische und gesellschaftliche Themen in einem parabelhaften Mikrokosmos abbildet. Sein zweibändiges Werk "Tobie Lolness" ist auf einem einzigen Baum angesiedelt, auf dem eine Population aus Menschen lebt, die nur wenige Millimeter groß sind. De Fombelle erzählt eine Art Heldenepos, das zwar im Gewand der fantastischen Literatur daherkommt, jedoch nur wenig mit Drachen- und Zauber-Fantasy gemein hat. Der Vater des Protagonisten ­Tobie Lolness ist ein Wissenschaftler, der entdeckt hat, wie man aus der Substanz des Baumes Energie gewinnen kann. Weil er sein Wissen nicht preisgeben will, um den Baum zu schützen, wird er mit seiner Familie zunächst in die unteren Äste exiliert und schließlich zum Tode verurteilt. Tobie kann fliehen, erlebt Freundschaft, Verrat und eine Gesellschaft, die sich immer mehr in eine Ausbeutungsgesellschaft wandelt.

Neben den Anspielungen auf die ökologische Katastrophe unseres Planeten und die Klimakatastrophe entlarven beide Bände die Mechanismen von Unterwerfung und Tyrannei. Dabei wird deutlich, wie ein Rassismus geschürt wird, der zur Ablenkung dient und wie Grausamkeit aus Dummheit, Gier und Langeweile erwächst.
Der Realitätsbezug, der im erwachsenen Polit-Thriller üblich ist, findet in der Kinderliteratur kaum eine Entsprechung. Kinderkrimis, wie sie etwa in den Serien "Die drei Fragezeichen" oder "TKKG" vorliegen, sind in einem konstruierten Setting angesiedelt und weisen oft nur einen harmlosen Bezug zu politischen Themen auf.

Eine Ausnahme bildet die "Grk"-Reihe des britischen Schriftstellers und Journalisten Joshua Doder. Seine Hauptfiguren – der zwölfjährige Tim, ein Hund namens Grk und die zwei Geschwister Natascha und Max – erleben die politischen Strukturen einer fiktiven Diktatur – so trägt in "Ein Hund namens Grk" das fiktive Land Stanislavien alle Züge einer Militärdiktatur – oder sie sind in ganz konkreten Ländern, wie zum Beispeil Brasilien oder Indien angesiedelt. Doders Bücher richten sich an Kinder ab neun Jahren. Dennoch verschwinden Leute lebenslang hinter Gittern, weil sie nicht regierungskonform sind oder werden hingerichtet, wie die Eltern des Geschwisterpaares Natascha und Max.

Dass das Polit-Märchen trotz solcher Härten bei Kindern ankommt, zeigen nicht nur die hohen Verkaufszahlen. "Ich finde das in Ordnung, dass da so grausame Sachen drin vorkommen", sagt der achtjährige Testleser Jakob im Hessischen Rundfunk. "Weil es gibt auch Staaten, die wirklich so sind wie in Stanislavien, zum Beispiel in Afrika. Und das ist auch wichtig, dass man Kindern die Wahrheit erzählt, weil da hat man auch das Gefühl, dass man ernst genommen wird."

Was Kindern zuzumuten ist und was nicht, entscheiden letztlich Erwachsene. Sie sind es, die Kinder- und Jugendliteratur schreiben, gestalten, vermarkten und kaufen. Auch hier versteckt sich ein Machtgefälle. Kein Wunder also, dass Kinder und Jugendliche sich für Machtverhältnisse interessieren.

Die Autorin arbeitet als Journalistin in Berlin, ihr Spezialgebiet ist Kinder- und Jugendliteratur

Bilderbuch:
Nikolaus Heidelbach: Königin Gisela. Beltz & Gelberg, Weinheim 2006. Ab 5 Jahre.

Kinderbuch:
Joshua Doder: Ein Hund namens Grk. Aus dem Englischen von Franziska Gehm. Beltz & Gelberg, Weinheim 2008. Ab 9 Jahre.
Joshua Doder: Grk und die Pelotti-Bande. Aus dem ­Englischen von Katharina Distelmeier. Beltz & Gelberg, Weinheim 2008. Ab 9 Jahre.
Timothée de Fombelle: Tobie Lolness. Band 1: Ein Leben in der Schwebe. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing. Mit Bildern von François Place. Gerstenberg/dtv, München 2010. Ab 10 Jahre.
Timothée de Fombelle: Tobie Lolness. Band 2: Die Augen von Elisha. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing. Mit Bildern von François Place. ­Gerstenberg/dtv, München 2010. Ab 10 Jahre.

Jugendbuch:
Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Band 1: ­Tödliche Spiele. Aus dem Amerikanischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss. Oetinger, Hamburg 2009. Ab 14 Jahre.
Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Band 2: ­Gefährliche Liebe. Aus dem Amerikanischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss. Oetinger, Hamburg 2010. Ab 14 Jahre.
Suzanne Collins: Die Tribute von Panem. Band 3: ­Flammender Zorn. Aus dem Amerikanischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss. Oetinger, Hamburg 2011. Ab 14 Jahre.

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