Die Porträts der Pflücker
Der Film "Waste Land" verbindet Bildende Kunst und Menschenwürde auf ganz eigene Weise. Nun kommt der Gewinner des Amnesty-Filmpreises 2010 in die deutschen Kinos.
Von Jürgen Kiontke
Der Jardim Gramacho, also der Gramacho-Garten, ist ein ungewöhnlicher Garten: Hier lädt die brasilianische Metropole Rio de Janeiro ihren Müll ab. Er ist aber nicht nur Rios größte Müllkippe, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber: Viele Menschen betätigen sich hier als Sortierer und verkaufen die wertvollen Rohstoffe, die sie finden, an Verwertungsgesellschaften.
Auch Vik Muniz versteht sich auf Recycling. Der Bildgestalter aus Rio de Janeiro gilt als Star der internationalen Kunstszene. Für seine großformatigen Objekte verwendet er die unterschiedlichsten Materialien – von Lebensmitteln bis hin zu Müll.
Kein Wunder, dass er auf die Idee kam, mit den Sammlern des Jardim Bilder zu produzieren – und zu verkaufen: Der Erlös sollte den Arbeitern zugute kommen. Denn die Müllwerker hatten eine Kooperative gegründet und sogar ein Gewerkschaftsbüro eingerichtet. Doch die Kasse wurde von Straßenräubern gestohlen. Für den Wiederaufbau ihrer Organisation benötigten sie Geld.
Wie dies vor sich ging, dokumentiert Regisseurin Lucy Walker in ihrem Film "Waste Land". Muniz fertigte mit den Sammlern Porträtfotografien, die er aus großer Höhe auf den Boden einer leeren Fabrikhalle projizierte. Ihre Bilder legten die Fotografierten anschließend mit Recycling-Stoffen aus. Muniz fotografierte auch dies, vergrößerte die Motive und ließ sie rahmen.
Zwischendurch erfährt man viel vom Alltag der "catadores", der Pflücker. Oft sind sie auf der Suche nach Glück und Wohlstand in die Stadt gekommen. Menschen wie Tiao, der die Kooperative mitgegründet hat und der durch seine Arbeit zum Literaturexperten wurde: "Ich fahre jeden Tag vier Stunden mit der Bahn, ich habe viel Zeit zum Lesen." Denn im Jardim finden sich auch viele weggeworfene Bücher. Und so suchte sich Tiao ein literarisches Motiv für sein Porträt: den erstochenen Marat in seiner Badewanne.
Die 18-jährige Suelen, Mutter von zwei Kindern, arbeitet seit ihrem siebten Lebensjahr im Jardim und sagt: "Ich bin sehr stolz darauf, dass ich mich niemals prostituieren musste." Für ihr Bild inszeniert sie sich madonnengleich. Ihr Porträt sowie alle anderen wurden in Rio de Janeiro ausgestellt. Über eine Million Menschen kamen, um sie sich anzusehen. Die anschließende Verkaufsauktion brachte hohe Erlöse.
Im letzten Jahr lief dieser außergewöhnliche Film auf der Berlinale – und gewann den Filmpreis von Amnesty International. "'Waste Land' stellt unsere Vorurteile über Menschen am Rande der Gesellschaft in Frage. Der Film porträtiert seine Protagonisten als Menschen mit Würde und öffnet auf diese Weise das Herz des Zuschauers. Veränderungen sind möglich – mit Mut und Kreativität", urteilte Jury-Mitglied Barbara Sukowa bei der Preisverleihung.
"Waste Land". GB, BRAS 2010. Regie: Lucy Walker.
Kinostart: 26. Mai 2011