Amnesty Journal Bosnien und Herzegowina 15. März 2011

"Vereinfachungen sind nicht einfach"

2009 gewann Hans-Christian Schmid mit dem Spielfilm »Sturm« den Amnesty-Filmpreis. Ein Gespräch über das Kino der Menschenrechte.

Sie sind Experte für schwierige Stoffe – Ihr Menschenrechtsfilm »Sturm« ist dafür der beste Beweis. Nun ist Filmemachen auch eine Frage des Geldes, aber wohl nicht nur. Wann und wie fällt bei Ihnen der Entschluss, dieses oder jenes Thema zu einem Film zu machen?
Eine finanzielle Überlegung ist sicherlich: Mit welchem Budget kann ich den Film machen? Und: Inwieweit ist er im Ausland einsetzbar? Ich versuche aber, mich völlig frei zu machen vom Gedanken an Geld! Denn ich habe oft erlebt, dass die Stoffe, von denen man glaubt, sie sind erfolgreich, nicht funktionieren. Wenn ich mir jetzt überlegen soll, was in zwei Jahren im Kino geht, komme ich nicht weit. Klar ist: Wenn man einen Film wie »Sturm« macht, kann man nicht unbedingt davon ausgehen, dass man ein großes Publikum findet.

Wie hat man sich das vorzustellen – der Regisseur setzt sich hin, schaut in die Zeitung und denkt: Aha, jetzt mache ich ­einen Film zum Balkankrieg…
Ich versuche, genau das zu vermeiden. Themen auf diese Weise herunterzubrechen, das würde schnell didaktisch und vorhersehbar. Ich setze mich an den Schreibtisch mit nichts, außer dem, was in meinem Kopf herum spukt, und versuche, meine Ideen zu entwickeln. Ich kann auch an einen einzelnen Schauspieler denken, den ich toll finde. Bei »Sturm« haben der Autor Bernd Lange und ich uns zusammen hingesetzt und festgestellt, dass uns Thriller aus dem New Hollywood-Kino gut ge­fallen. Wir haben überlegt, ob es einen Film dieser Machart nicht auch in Deutschland oder Europa geben könnte. Dann stießen wir zufällig auf einen Zeitungsbericht über den Gerichtshof in Den Haag. Bei dem Film »Lichter« war der Ausgangspunkt mein Umzug nach Berlin und eine Reise nach Frankfurt/Oder. Aber auch Geschichten aus der Zeitung über Menschenschlepper aus der Ukraine, über Flüchtlinge, denen man in Frankfurt erzählt, sie seien schon in London. Es muss ­einiges zusammenkommen – aber manchmal legt man den Stoff auch erst einmal wieder in die Schublade, wenn einen die Idee nicht sofort überzeugt.

In »Sturm« geht es um den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Erzählt wird das Schicksal einer jungen Frau, die von bosnisch-serbischen Soldaten vergewaltigt wurde. Gleichzeitig geht es um den EU-Beitritt Bosniens. Kriegsgräuel gab es auch auf der anderen Seite, der Krieg in Jugoslawien kennt viele Parteien. Das Kino kann ja auch eine große Vereinfachungsmaschine sein. Wie radikal einfach muss ein Menschenrechtsfilm sein? Was ist erzählbar?
Es besteht immer die Gefahr bei dermaßen komplexen Themen, dass die Figuren irgendwann Sprechblasen abliefern, wie man sie zu Genüge kennt. Wir als Autoren spüren diese Schwierigkeiten. Angesichts des Nato-Angriffs auf Serbien haben wir lange überlegt, dass hier zwei Dinge gegeneinander stehen: Einerseits kann man die klare Haltung haben, dass Gewalt durch nichts zu rechtfertigen ist. Andererseits ist zu fragen: Kann der Einsatz von Gewalt Gewalt verhindern? Was ist mit den Gräueltaten von Srebrenica – was hätte man da unternehmen sollen? Ich kann mir da kein Urteil anmaßen. Vereinfachungen dürfen nicht zu einfach sein. Menschenrechtsprobleme im Krieg auf dem Balkan – das Thema ist eigentlich gar nicht verfilmbar.

Welche Antwort darauf haben Sie gefunden?
Wir bauen auf einen dramatischen Konflikt: Hier ist die Anklägerin Hannah Maynard, die eine besondere Beziehung zu einer Zeugin aufbaut. Dahinter sind die Bedürfnisse eines Gerichts­hofes, und dahinter sind diejenigen der EU-Politik. In diesem Spannungsfeld ist es für die Figur Hannah schwer, die richtige Entscheidung zu fällen. Das ist nach wie vor aktuell: Für viele junge Menschen in Serbien oder im serbischen Teil Bosniens ist der EU-Beitritt wichtig. Und ich finde es richtig, den demokratischen Kräften dort eine verstärkte Hoffnung zu geben. Gleichzeitig heißt es bei bosnischen Muslimen: Wie könnt ihr den Aggressoren des Krieges den Weg in die EU früher ebnen als uns?

Wie übersetzt man Menschenrechte in Film, ohne dass es langweilig wird?
Man versucht, Dinge visuell interessant zu erzählen. Am Anfang gibt es in »Sturm« eine Einführung, in der es darum geht, dem Zuschauer den Fall darzustellen. Wir illustrieren das mit Videoausschnitten im Büro von Hannahs Chef. Man versucht, Dinge erfahrbar zu machen: Wenn eine Delegation von Den Haag nach Sarajevo reist – was ist das für ein Gefühl? Um diese Darstellbarkeit teils trockener Vorgänge muss man richtig kämpfen, das passiert nach und nach, meist nicht schon in der ersten Drehbuchfassung.

Wie viele Zuschauer hatte »Sturm«?
In Deutschland: 50.000.

Wie können Filme zum Schutz der Menschenrechte beitragen?
Vielleicht, indem wir Regisseure uns mit diesen Thematiken als Geschichtenerzähler auseinandersetzen. Filme können ein gewisses Bewusstsein schaffen, wenn auch nicht auf die Schnelle und wohl auch nicht nur ein einziger Film. Wie funktioniert Bewusstseinsbildung? Sie resultiert aus allem, was Kultur ausmacht.

Amnesty ist mit dem Kino immer eine besondere Verbindung eingegangen. Bestimmte Filme werden mit Kampagnen begleitet, die Arbeit von Amnesty selbst ist immer wieder Filmthema. Was glauben Sie, macht diese Liaison möglich?
Das Erzählen im Kino – mit Bildern, mit Ton, mit Musik – allem, was zur Verfügung steht, ist wahrscheinlich die Erzählform, die das Publikum am nachhaltigsten beeindrucken kann. Wenn ich aus einem Film komme wie »Last King of Scotland«, der von der Herrschaft Idi Amins in Uganda erzählt, habe ich einen lebhaften Eindruck aus diesem Land aus dieser Zeit. Das ist schon sehr kraftvoll.

Immer mehr Länder produzieren Kinofilme. Gibt es nicht viel zu viel Angebot für viel zu wenig Publikum, zu viele Festivals? Verliert oder gewinnt das Kino dadurch an Bedeutungsmacht?
Also ich kenne jede Menge Filmstudenten, die froh sind, dass es viele Festivals gibt. Ich habe das Gefühl, Angebot und Nachfrage regeln sich da schon.

Welchen Stellenwert hat ein Festival wie die Berlinale für ­Filme des Menschenrechtskinos?
Auch wenn die Mauer in Berlin nicht mehr steht: Die Berlinale ist immer noch ein Festival zwischen Ost und West, eine Drehscheibe zwischen den Welten. Vieles, wofür Amnesty steht, ist hier wichtig. Es ist eine sinnvolle Verknüpfung, hier den Amnesty-Filmpreis zu vergeben.

Fragen: Jürgen Kiontke

Hans-Christian Schmid wurde 1965 in Altötting geboren und lebt in Berlin. Nach Kurz- und Dokumentarfilmen folgte Schmids Kino-Debüt »Nach Fünf im Urwald«; richtig bekannt wurde er mit dem Hacker-Film »23« und der Literaturverfilmung »Crazy«. Wie schon sein Episodenfilm »Lichter« 2003 lief auch »Requiem« (2005), die Geschichte eines Exorzismus, im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele. Hauptdarstellerin Sandra Hüller bekam für ihre Arbeit den Silbernen Bären. Auch sein jüngster Spielfilm »Sturm« lief dort 2009.

Menschenrechte stehen oft im Fokus von Schmids Filmen, allerdings nie so dezidiert wie in »Sturm«: Hier zeigt er die Arbeit einer Anklägerin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, die versucht, Kriegsverbrechen auf dem Balkan aufzuklären. Für die Visualisierung der äußerst komplexen politischen und juristischen Zusammenhänge erhielt er den Amnesty-Filmpreis. Die damit verbundenen 2.500 Euro stiftete Schmid zum Teil dem European Center for Constitutional and Human Rights – einer gemeinnützigen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Berlin. Zusammen mit der Schauspielerin Juliane Köhler und Amnesty-Generalsekretärin Monika Lüke ist Schmid Mitglied der Jury für den Amnesty-Menschenrechtsfilmpreis auf der Berlinale 2011.

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