Amnesty Journal 15. März 2011

Freiheit und Redlichkeit

Liu Xiaobo und Liu Xia stehen Arm in Arm am Ufer, im Hintergrund das Meer

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und seine Ehefrau Liu Xia im Mai 2005

Ein Essay von Liu Xiaobo.

Liu Xiaobo war Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Peking und seit 2003 Präsident des chinesischen P.E.N.-Clubs unabhängiger Schriftsteller. Im ­Dezember 2008 unterstützte er zusammen mit anderen Intellektuellen das Bürgerrechtsmanifest Charta 08. Liu Xiaobo wurde kurz darauf festgenommen und im Dezember 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. Am 10. Dezember 2010 wurde er für seinen "langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China" mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Der erfolgreiche chinesische Politiker Cheng Kejie hat seine Macht zum eigenen Vorteil missbraucht; der ­erfolgreiche chinesische Geschäftsmann Bruno Wu schmückte sich mit falschen akademischen Titeln; der erfolgreiche chinesische Wissenschaftler Wang Mingming hat bei Kollegen abgeschrieben. Im Zuge einer Hinwendung zu einer deformierten Marktwirtschaft und beseelt von einer kruden Philosophie mit der Maxime, den eigenen Vorteil über alles zu stellen, haben die Menschen in der Volksrepublik China ­gerade ein kleines bisschen Freiheit erlangt, und auf einmal ­bemächtigt sich ihrer ein seelenloser Geist, der sie vollends ­korrumpiert. Es scheint, als seien über Nacht alle erdenklichen Untugenden der menschlichen Natur über sie gekommen, die sich durch keine Macht der Welt (selbst nicht unter dem Einsatz des Lebens) zurückdrängen lassen. Daher ist ein lauter Ruf nach Redlichkeit nicht nur aus dem Volk zu vernehmen, sondern selbst in programmatischen Entwürfen der Partei und des ­Nationalen Volkskongresses sowie im Regierungsbericht des ­Ministerpräsidenten zu lesen.

In einer Zeit, in der Rechtschaffenheit nichts mehr gilt, sind Rufe nach mehr Redlichkeit nur allzu verständlich. Bedenklich stimmt aber, dass viele Menschen die Freiheit für den Mangel an Ehrlichkeit verantwortlich machen. Sie vertreten die Meinung, der Markt habe die Menschen verdorben, die Freiheit habe einen ungezügelten Materialismus entfacht und der ein­zige Ausweg, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren, sei die Rückbesinnung auf die Mao-Ära. Es scheint, als könne der Mensch nur wie ein Bettelmönch durch Askese und Egalitarismus die Reinheit seines Herzens bewahren.

Besonders zu erwähnen sind dabei die scheußlichen Facetten des Patriotismus, die im virtuellen Raum des Internets mit aller Vehemenz die Freiheit auf das Übelste beschimpfen und geißeln. Aber der ­Fanatismus all dieser Worte vermag nicht zu verbergen, dass hinter den niederträchtigsten und schamlosesten sprachlichen Entgleisungen im Netz nichts als Feigheit und Kleinmut stecken.

In Wahrheit waren einst alle diese sittenlosen Auswüchse der jetzigen – von den Füßen auf den Kopf gestellten – Gesellschaft in der totalitären Ära von Mao Zedong von den höchsten Staatsführern und dem System zum Maß aller Dinge erhoben worden. Jede politische Bewegung war durch einen Ausbruch von äußerster Brutalität, Niedertracht, Verlogenheit, Verrat, ­Egoismus und Hass geprägt, die sich aus den Tiefen der menschlichen Natur ihren Weg bahnten. Völlig vereinnahmt von der ­roten Revolution nahmen die Menschen dies damals jedoch gar nicht als das Böse im Menschen wahr, und selbst heute noch sind die Anhänger der kleineren oder größeren Fraktionen aus der Zeit der Großen Proletarischen Kulturrevolution nicht bereit, über ihr damaliges Tun und Handeln selbstkritisch nach­zudenken. Ebenso wenig haben die Schlägertrupps der Roten Garden sich bis heute bei ihren Opfern entschuldigt. Diese hemmungslose Brutalität und das Fehlen jeglichen Anstands unter dem Druck des Terror-Regimes und der Illusion eines bevorstehenden Utopias dienten damals dazu, das totalitäre System am Laufen zu halten, und der Diktator Mao lieferte dazu die passenden Herrschaftsmechanismen, um das Böse im Menschen anzapfen zu können.

Eine politische Bewegung löste die andere ab, mit dem Ziel, einen neuen kommunistischen Menschen zu erschaffen, und führte stattdessen zu einer Spirale der moralischen Verkommenheit.

Diese immer wiederkehrenden Kampagnen standen mit der körperlichen Unrast und der geistigen Verwirrung des Diktators sowie mit den regelmäßig auftretenden spastischen Krämpfen des totalitären Regimes in engem Zusammenhang. Man kann soweit gehen, zu sagen, dass in jener Zeit ein brutaler, egoistischer Herrscher ohne jede moralische Skrupel, der in diesem völlig ungezügelten System die absolute Macht in Händen hielt und daher ohne rot zu werden, von sich sagen konnte, "keinen Beschränkungen dieser Welt zu unterliegen", mit mal gelockerten und dann wieder verschärften Repressionsmaßnahmen rücksichtslos eine Milliarde verängstigter, verrohter und dumm gehaltener Menschen zu seinem politischen Instrument machte, nur um seine Launen ausleben und seinen finsteren Machenschaften nachgehen zu können. Jede neue politische Kampagne brachte ein weiteres Stück moralischer Verkommenheit mit sich. Die unzähligen großen und kleinen Kampagnen führten schließlich dazu, dass das unmoralische Verhalten zum gängigen Handeln im Alltag wurde und jederzeit zu einer Eruption führen konnte.

Als plötzlich die Mao-Ära zu Ende war, in der man die materiellen Begierden der Menschen unterdrückt und der Zerstörungs- und Angriffslust ihrer deformierten Seelen freien Lauf gelassen hatte, trat eine neue Ordnung an ihre Stelle, in der ­bescheidener Wohlstand zum Ziel erklärte wurde, und sogleich wurden die materiellen Begehrlichkeiten des Menschen geweckt. Die im Namen der Revolution und Rebellion von Mao eingeführte Moral der Niedertracht wurde indes keinerlei Neubewertung unterzogen. Vielmehr konnte sie sich im neuen Streben nach dem Geld nun nach Lust und Laune ausleben und weiter entfalten. So haben also die gegenwärtig in der Gesellschaft der Volksrepublik China zu beobachtenden moralischen Verwerfungen aufgrund fehlenden Anstands und das hemmungslos aggressive und zerstörerische Rebellentum von einst im Kern den gleichen spirituellen Ursprung.

Wir haben es uns angewöhnt, unsere Mitmenschen anzulügen, zu verraten, zu hassen und zu tyrannisieren. Wir haben uns an eine Daseinsform gewöhnt, in der unsere Führer aus Partei und Staat alle Entscheidungen für uns treffen, wobei Aufrichtigkeit, Liebe, Mitgefühl und persönliches Verantwortungsgefühl Fremdwörter für sie sind.

Mit anderen Worten, eine Diktatur erzieht zum Hass und zum Intrigantentum, sie ermuntert zum Lügen und zu einem schamlosen Verhalten, sie bringt Feigheit und Skrupellosigkeit hervor, sie lässt Niedertracht und Zügellosigkeit freie Hand, und sie ist Nährboden für Egoismus und Verantwortungslosigkeit.

Polizisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im März 2014

Polizisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im März 2014

Als ein moralisch unbeflecktes Proletariat zur Erschaffung einer perfekten Zukunft für die ganze Menschheit erkoren wurde, hat Lenin nach und nach diese Verantwortung in die Hände einer auf die Gewaltherrschaft der Revolution gestützte proletarische Avantgarde übertragen. Als dann die kommunistische Utopie wie eine Seifenblase zerplatzte und die Avantgarde leninistischer Prägung zu einer auf das eigene Wohl bedachten, privilegierten Kaste entartete, entstand zwangsläufig ein riesiges moralisches Vakuum. In der heutigen Welt gibt es nur eine geeignete geistige Ressource, die dieses von der Diktatur hinterlassene riesige moralische Vakuum füllen kann, und zwar eine der Freiheit verpflichtete Moral.

Der Freiheitsgedanke ist moralisch, nicht nur weil er auf den angeborenen Menschenrechten, sondern auch auf der angeborenen Verantwortung fußt. Die Freiheit verleiht uns auf der einen Seite das Selbstbestimmungsrecht und die moralische Legitimität, zum eigenen Vorteil zu handeln, aber auf der anderen Seite auch die eigene Verantwortung und die moralische Selbstdisziplin.

Freiheit ist deshalb so kostbar, eben weil sie nicht zu einem verantwortungslosen Handeln nach eigenem Gutdünken aufruft, sondern weil sie jeden Menschen als selbstverantwortliches und vernunftbegabtes Wesen gleich behandelt.

Eine freie Gesellschaft ist eine auf einer rechtsstaatlichen Ordnung fußende Gesellschaft und, was noch wichtiger ist, eine auf Moral bedachte Gesellschaft. Eine Marktwirtschaft ist eine auf einer rechtsstaatlichen Ordnung fußende Wirtschaft, und was noch wichtiger ist, eine auf Redlichkeit bedachte Wirtschaft. Deshalb hat der Erfinder der freien Marktwirtschaft, Adam Smith, gleichzeitig zwei Werke verfasst, den "Wohlstand der Nationen" und die "Theorie der ethischen Gefühle".

Moralisch gesehen muss auf die auf Freiheit gegründete Gesellschaftsordnung nicht besonders hingewiesen werden, denn sie kommt der menschlichen Natur entgegen und entspringt den weltlichen Begierden des Menschen, wohingegen auf die der Freiheit innewohnende Selbstbeschränkung besonders hingewiesen werden muss, denn sie erhebt sich über den weltzerstörerischen materiellen Eigennutz. Freiheit bedeutet eine Vereinigung der Moral des Liberalismus von Adam Smith mit der Moral des Formalismus von Immanuel Kant. So geht die Erhabenheit des dem Gemeinwohl dienenden Privateigentums in dem Freiheitsversprechen auf. Das eigene materielle Glück muss der uneingeschränkten moralischen Maxime der Nächs­tenliebe untergeordnet werden.

Der Mensch ist kein vollkommenes Wesen. Wir stoßen an unsere Grenzen und laden folglich auch Schuld auf uns. Aber wir wurden mit einem vollkommenen Wertmaßstab ausgestattet.

Indem dieser Wertmaßstab unserem Willen eine Selbstbeschränkung auferlegt und wir in unserer Unvollkommenheit beständig nach Vollkommenheit streben, überwindet der menschliche Geist die irdischen Begierden und steigt von der Welt der Schranken in eine schrankenlose Welt auf. Freiheit bedeutet nicht, dass alle Menschen sich zu einem moralischem Vorbild wie Mahatma Gandhi entwickeln, sie bringt aber beständig außerordentliche Menschen hervor, die uns vergegenwärtigen, dass wir, was unseren Geist und unser Wesen angeht, imstande sind, uns über unser irdisches Dasein hinaus zu erheben.

Deutsche Erstübersetzung: Martin Dlugosch

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