Amnesty Journal China 25. Januar 2011

Der schmale Grat

"Sich auf einem schmalen Grat bewegen"

"Sich auf einem schmalen Grat bewegen"

Der Druck muss vom Volk ausgehen, wenn in China eine wirkliche Veränderung stattfinden soll, sagt Friedens­nobelpreisträger Liu Xiaobo. Doch die jungen Leute in China interessieren sich mehr für ihr berufliches Fortkommen und wollen Geld verdienen, so die Einschätzung des Schriftstellers und Dissidenten in einem Interview wenige Monate vor seiner Festnahme.

Von Thomas Aue Sobol

Mit sicherer Hand zeichnete Liu Xiaobo in einem Restaurant drei chinesische Schriftzeichen auf eine Serviette. Das war im Sommer 2008, kurz vor den Olympischen Spielen in Peking. Liu schrieb ­einen Begriff aus dem Sport auf: Ca bian qiu – Ball auf der Linie. Im übertragenen Sinne: "Sich auf einem schmalen Grat bewegen". Er wollte damit den Balanceakt verdeutlichen, den ­chinesische Dissidenten leisten müssen: das Regime so weit ­herausfordern, dass ein Wandel zustande kommt und gleich­zeitig vermeiden, dass man als so radikal eingestuft wird, dass man in Haft kommt, also vom Spielfeld genommen wird.

Wenige Monate nach meinem Treffen mit Liu balancierte er nicht mehr auf dieser Linie. Er übertrat sie. Der Menschenrechtsaktivist verfasste zusammen mit anderen die Charta 08 – in dem Manifest werden das Recht auf freie Meinungsäußerung und ein Ende des Einparteiensystems in der kommunistischen Diktatur gefordert. Inzwischen haben Tausende die Charta 08 unterzeichnet. Unmittelbar vor ihrer Veröffentlichung wurde Liu Xiaobo, der Universitätsprofessor mit dem sanften Auftreten, festgenommen. Das Urteil erging kurze Zeit später: elf Jahre Gefängnis wegen Anstiftung zur Untergrabung der Staatsmacht.

"Die Behörden können jederzeit auf den Plan treten. Wenn sie der Meinung sind, dass du eine Grenze überschritten hast, ist es ein Leichtes für sie, dich festzunehmen", beschrieb Liu ­Xiaobo die Situation an jenem Nachmittag 2008 in einem Restaurant im Universitätsviertel von Peking. "Doch es ist wichtig, dass wir den Mut aufbringen, unablässig zu versuchen, die Grenzen des Möglichen zu erweitern."

Ich hielt mich damals in China auf, um die führenden Beteiligten am Aufstand auf dem Tiananmenplatz, dem Platz des Himmlischen Friedens, im Jahr 1989 ausfindig zu machen. Liu war einer von ihnen. Als er und seine Frau im Oktober 2010 benachrichtigt wurden, dass er der diesjährige Friedensnobelpreisträger sei, widmete er den Preis "den Verlorenen" des Aufstands, bei dem das Regime Hunderte, vielleicht Tausende Studierende und andere Demonstrierende tötete. Das Massaker von 1989 hat Liu Xiaobos Dissens in den vergangenen Jahrzehnten geprägt. Der Literaturwissenschaftler hatte die jungen Demonstrierenden in den achtziger Jahren an der Universität unterrichtet und eilte von einem USA-Besuch nach China zurück, als die Proteste begannen.

Liu wollte die Klassenstruktur und die Feigheit der Intellektuellen kritisieren. Gemeinsam mit drei weiteren Aktivisten ­begann er einen Hungerstreik, der den Protesten neue Energie gab. Als er einmal sah, dass ein Student mit einem Gewehr bewaffnet war, zerschlug er die Waffe am Denkmal für die Helden des Volkes. Anfangs glaubten Liu und die Studierenden nicht, dass die Soldaten das Feuer eröffnen würden. Doch bald sahen sie, wie sich das Blut ihrer Freunde auf dem Boden ausbreitete. "Wessen Armee seid ihr?", schrien sie der Volkbefreiungsarmee entgegen.

Nach der blutigen Niederschlagung der Proteste verbrachte Liu Xiaobo als politischer Gefangener anderthalb Jahre in dem berüchtigten Qingheng-Gefängnis. 1995 kam er erneut in Haft – dieses Mal, weil er eine Entschädigung für die 1989 vom Regime begangenen Verbrechen gefordert hatte. Und als Liu im Jahr darauf forderte, dass man Jian Zemin, den derzeitigen Präsidenten, des Amtes entheben sollte, steckte man ihn zur Umerziehung für drei Jahre in ein Arbeitslager.

Thomas Aue Sobol ist freier Journalist in Kopenhagen, seine Bericht­erstattung konzentriert sich auf Menschenrechte und gesellschaftliche Themen. 2010 erhielt er den Timbuktu-Stiftungspreis für kritischen ­Journalismus über Entwicklungsländer. 2008 wurde er in Dänemark zum Nachwuchsjournalisten des Jahres gewählt.

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