Amnesty Journal Palästinensische Autonomiegebiete 21. September 2011

Fliegen lernen

Neues aus Gaza: Eine Jugendkultur lehnt sich auf gegen israelische Besatzung, religiösen Extremismus und eine gestohlene Jugend. Ihre Protestmittel: Parcour, Breakdancing, Kunst und HipHop. Es sind die wackeligen Schritte einer Jugend, die fordert, das Leben solle Flügel haben statt Ketten. Und es ist ein Ausbruch mit
limitierten Möglichkeiten aus dem Gefängnis, das sich Heimat nennt.

Von Carsten Stormer

Das Erste, was Muhammad schmeckt, ist Blut und Sand. Er hat sich bei dieser blöden Mauer ein bisschen verschätzt, ist abgerutscht und mit dem Kinn auf sein rechtes Knie geknallt. Er verzieht kurz das Gesicht, spuckt in den Staub und grinst dann zu seinem Kumpel Abdallah hoch. Der steht noch auf dem Mauersims da oben, federt ab und landet mit einem Rückwärtssalto zwischen einem frisch ausgehobenen Grab und Muhammad.

»Alles klar?« Muhammad steckt drei Finger in den Mund. Alle Zähne sitzen fest, er reckt den Daumen hoch – und klettert erneut die Mauer hoch. Wobei Klettern das falsche Wort ist. Sie gleiten nach oben, geschmeidig wie Katzen. So geht das den ganzen Vormittag, Stunde um Stunde, auf diesem Friedhof am Rande der Stadt Khan Younis. Sie springen Salti, machen Pirouetten, hüpfen von Mauer zu Mauer, und manchmal hat es den Anschein, als würden sie in der Luft stehen, wenn sie ihre Tricks proben.

Es ist ein trostloser Ort, den sie sich zum Üben ausgesucht haben. Die Sonne brennt herunter, der Wind hat feinen Sand zu Dünen auf die Gräber und Grabsteine geweht. Im Hintergrund ragen einige zerschossene Wohnsilos in den blauen Himmel, stumme Zeugen jüngster Waffengänge. Aber das interessiert die Jungs nicht, sagen sie: Politik, israelische Belagerung oder dass ihr Land als Spielball der Weltpolitik herhält. Muhammad und Abdallah wollen nur eines: »Parcour machen«, sagen sie, diesen verrückten Sport, der sämtliche Grenzen des menschlichen Körpers und der Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheint und der in Europa und den Vereinigten Staaten immer mehr Anhänger findet. Muhammad und Abdallah leben nicht in Paris oder New York, sondern im Gaza-Streifen, im Flüchtlingslager al-Aggad, das sich wie ein Schandfleck an die Stadt Khan Younis quetscht. Gaza ist ein Gefängnis mit Meerblick. Und Parcour ihre Art, aus diesem Gefängnis auszubrechen.

Wenn sie nicht auf Mauern und Häuser klettern, machen Muhammad und Abdullah den Basar von Khan Younis sauber, fegen Glasscherben und Gemüseabfälle zusammen und bekommen dafür von den Vereinten Nationen tausend Schekel im Monat, umgerechnet etwa dreihundert Euro. Almosen, für eine stumpfe, sinnlose Arbeit; Beschäftigungstherapie für die arbeitslose Jugend Gazas, die meisten hier empfinden es als Beleidigung. »Ich will mit richtiger Arbeit mein Geld verdienen«, sagt Abdallah. Immerhin, Parcour gibt ihrem Leben einen Sinn, ist ihre Art, allen, die ihre Träume, ihre Jugend, ihre Zukunft einsperren, zu trotzen: den Israelis, die einen Zaun um ihre Städte im Gazastreifen gezogen, die Grenze vermint und dichtgemacht haben. Den religiösen Hardlinern von der Hamas, die Kassam-Raketen in israelische Wohngebiete abfeuern, die Frauen hinter Kopftücher verstecken und Kultur, Tanz, Musik und eigentlich alles, was Spaß macht, verbieten. Und schließlich den Vereinten Nationen, den Vereinigten Staaten und allen anderen, die zwar viel reden, aber selten handeln.

Gaza ist ein Fliegenschiss von einem Landstrich, gerade mal so groß wie Sylt. 1,7 Millionen Bewohner auf engstem Raum eingepfercht, 42 trübselige Kilometer lang und zehn Kilometer breit, mit einem Hafen, in dem keine Schiffe mehr anlegen, und einem Flughafen, in dem keine Flugzeuge mehr landen. Abgeriegelt von der Außenwelt; kaum jemand kommt heraus, fast nichts hinein. Hier ist die Zukunft meistens nie weiter entfernt als der nächste Tag. Und in dieser Gemengelage kristallisieren sich langsam verschiedene Jugendkulturen heraus. Es sind die Rapper von Gaza-Stadt, die Breakdancer von Nusirat, die Surfer vom Scheich-Aileen-Strand und eine Handvoll Skateboarder.

Ein Moment des Glücks

Erst der Zahn, jetzt die Schulter. Etwas zwickt immer wieder, seitdem Abdallah sich mal bei einem Sprung die linke Schulter ausgerenkt hat. Abdallah Nshasi ist 23 Jahre alt, die nackenlangen Haare streng nach hinten gegelt, und wenn er redet, zucken die Muskeln an seinen Oberarmen. Muhammad al-Jakhbir ist ein Jahr jünger, hat kurz geschorene Haare, Muskeln wie Stahl, drei ausgeschlagene Zähne, ein Diplom als Computer­designer. Er ist arbeitslos. »Anstatt mich fürs Fegen zu bezahlen, sollte die UNO mir besser Geld geben, um andere Jugendliche in Parcour zu unterrichten. Das wäre sinnvoll«, sagt Muhammad und grinst seine Zahnlücken frei. Davon träumen die beiden: eine Parcourschule zu gründen, ihre Leidenschaft anderen Jugendlichen zu vermitteln.

In Khan Younis sind sie lokale Berühmtheiten, auch wenn die meisten Leute sie für verrückt halten, wenn sie mal wieder an irgendetwas hochkraxeln oder von Gebäuden hüpfen, wobei sich andere Menschen das Genick brechen würden. »Meine Mutter nennt mich Affe«, sagt Abdallah. Vor kurzem haben sie einen selbst gedrehten Film bei YouTube hochgeladen, den immer mehr User anklicken, weil man bei Gaza an vieles denkt, nur nicht an zwei Jungs, die über die Dächer und Mauern von Khan Younis fliegen. Und in Parcour­foren im Internet mussten sie lange dafür kämpfen, als Palästinenser überhaupt aufgenommen zu werden. »Die haben Palästina nicht als Land geführt«, sagt Abdallah empört. »Niemand erkennt uns an. Als wenn wir nichts wert wären.« Monatelang haben sie immer wieder geschrieben, gebettelt, überzeugt, bis jemand schließlich Erbarmen zeigte und Palästina in die Liste mit aufgenommen hat.

Ein Moment des Glücks. Denn der Alltag in Gaza ist dröge und langweilig, geprägt von Arbeitslosigkeit, Stundenzählen und Nahostkonflikt. Und Parcour lässt sie den Alltag vergessen. »Wir springen über die Belagerung, über den Zaun, über die Grenze, über die Besatzung. Niemand kann uns aufhalten. Weder Israel, noch die Hamas«, sagen sie. Und wenn sie nachmittags, müde und erschöpft von Training und Sonne, wieder zurück nach Hause schlurfen, in ihre ärmlichen Behausungen aus Rohbeton und Wellblech, in denen regelmäßig der Strom ausfällt, träumen sie sich fort in eine andere Welt, in der sie mit ihrem Sport ihren Lebensunterhalt verdienen können, weit weg von Gaza. »Frankreich«, sagen sie, dort möchten sie am liebsten leben, weil dort Parcour geboren wurde. Dort wären sie Stars, glauben sie.
Aber sie sind in Gaza gefangen, wo die Einwohner wenig spüren, selten genießen, wenig erleben. Ein Volk im Koma, das an der Gegenwart vorbei gleitet, und eine Jugend, die es satt hat, dass ihre Träume eingesperrt sind. Das Internet verbindet sie mit der Welt, über Facebook und Twitter teilen sie sich mit, und somit öffnet sich auch Gaza mühselig Stück für Stück.

Moves und Tanzschritte

Die Nutzer sind meist junge, liberale Menschen, die sich gegen den Status quo in ihrer Heimat auflehnen. Meistens stammen sie aus der winzigen, aber gut gebildeten Mittelschicht oder aus den trostlosen Flüchtlingslagern. So wie in Nisurat, rund zwanzig Kilometer von Khan Younis entfernt, dort treffen sich die »Camp Breakerz« jeden Nachmittag am Stadtrand in einem leer stehenden Lagerhaus, in dem der Alltag Gazas keinen Zutritt hat; bunte Graffiti an den Wänden, auf dem Boden stehen halbleer getrunkene Teetassen, in einer Ecke liegen Puma und Shark auf einer gammeligen Matratze und rauchen Wasserpfeife. Pip hantiert an einer Stereoanlage und stellt am Computer die Playlist des Nachmittags zusammen. Sie alle reden sich hier mit Spitznamen an, ihre richtigen Namen spielen keine Rolle, denn sie erinnern an ein Leben, das sie ausblenden wollen, zumindest für wenige Stunden. Breakdance spült die Probleme aus ihren Köpfen: Arbeitslosigkeit, Belagerung, Krieg.
Es ist vier Uhr nachmittags und Funk, 24 Jahre alt, schaut die Besucher aus müden Augen an. Er ist, gemeinsam mit Pip, der Gründer der Camp Breakerz und gerade aufgestanden. Er wischt sich den Schlaf aus den Augen, bandagiert sich die linke Hand und klatscht dann in die Hände. Aufwärmen, heißt das. Aus den Boxen dröhnt Jay-Z.

Das Internet hat das Lebensgefühl des Breakdance nach Gaza gespült. Pip und Funk sind so etwas wie die Gurus der Break­dance-Szene in Gaza. Beide sind in Saudi-Arabien aufgewachsen und somit die einzigen, die die Welt außerhalb Gazas kennengelernt haben. Die elf Tänzer sehen sich als Bruderschaft, eine Art Ersatzfamilie; jenseits von alten Traditionen, Kleingeistigkeit, religiösem Fundamentalismus der Hamas, Korruption, Krieg und Belagerung. »Wir geben uns gegenseitig Halt und passen aufeinander auf«, sagt Funk und stülpt sich Schweißbänder über die Handgelenke. »Wir wollen frei sein«, sagt Pip, der nicht mehr tanzen kann, seit er sich vor einem Jahr böse das Knie verdreht hat. »Wir sind gefangen in unserem eigenen Land, können nicht verreisen, haben keine Arbeit und keine Zukunft. Nur Breakdance.«

Die Moves und Tanzschritte haben sich Funk und Pip im Internet angeschaut und solange geübt, bis es so ähnlich ausgesehen hat. Denn wer hätte es ihnen sonst beibringen können? Sie sind die ersten und einzigen Breakdancer in ganz Gaza. Und öffentlich auftreten dürften sie auch nicht, denn Tanz und Musik verstoßen gegen die strenge Weltanschauung der Hamas, die in Gaza das Sagen hat, sagen Pip und Funk, sehen sich an und stecken den Zeigefinger in den Rachen, um zu zeigen, was sie davon halten. »Niemand kann uns hier kontrollieren oder über unser Leben bestimmen«, sagt Funk und dann beginnen sie zu tanzen, elf Jungs, die ihre Leidenschaft nur hinter verschlossenen Türen teilen können und hin und wieder auf einer Veranstaltung der Vereinten Nationen.

Während des letzten Krieges haben sie sich fast drei Wochen lang in diesem Lagerhaus eingesperrt und getanzt, auch wenn es keinen Strom gab und der Wind den Lärm der Bombeneinschläge in Gaza-Stadt zu ihnen herüber trug. Am Morgen des 27. Dezember 2008 begann Israel die Operation »Gegossenes Blei«, dreiundzwanzig Tage dauerte der Krieg, und anschließend waren 13 israelische Soldaten und 1.400 Palästinenser tot.

Spielball der Weltpolitik

Eine überschaubare Szene hat sich in diesem chronischen Krisengebiet etabliert. Die einen drücken ihre Verzweiflung mit ihrem Köper aus, die anderen mit dem geschriebenen Wort. Abu Yazan sitzt in einem Strandcafé und raucht eine Zigarette nach der anderen. Es ist früher Freitagnachmittag, Gaza dämmert am Feiertag, das Café ist menschenleer. Der 24-Jährige ist der Kopf der Cyberblogger »Gaza Youth Breaks Out«, eine anonyme Gruppe von Studenten, die sich in Blogs und Internetforen gegen die Situation in ihrer Heimat auflehnt und damit ins Visier der Hamas geraten ist. Sie gehören zu jener wachsenden Minderheit von Jugendlichen, die es in den Wirren des arabischen Frühlings gewagt haben, in den Straßen Gazas für mehr Freiheit, Demokratie und ein Ende der politischen Monokultur zu demonstrieren; die das Internet nutzen, um sich Gehör zu verschaffen. »Wir wurden geschlagen und viele von uns landeten im Gefängnis«, sagt Abu Yazan, ein ernster, schmächtiger Junge mit rauchiger Stimme und Gel in den Haaren. Um seinen Hals hat er ein kariertes Palästinensertuch geschlungen. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen, zu gefährlich.

Er ist der Verfasser des »Manifests«, eine Anklageschrift gegen alle, die Gaza als Spielball der Weltpolitik sehen. Das Schriftstück, das seit Dezember vergangenen Jahres im Internet kursiert, sorgte weltweit für Aufregung und dafür, dass Abu Yazin die Wohnung seiner Eltern, aus Angst, in den Kerkern der Hamas zu landen, wochenlang nicht verließ. Denn es ist vor allem ein Schlag ins Gesicht der politischen Führung im Gazastreifen, die Kritik mit Folter, Tod oder Gefängnis bestraft. »Fuck Hamas! Fuck Israel! Fuck Fatah! Fuck UN! Wir, die Jugend Gazas, haben genug von Israel, der Hamas, Verstößen gegen Menschenrechte und die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft.« Mit diesen Worten beginnt das Schreiben.

Abu Yazin zündet sich eine Zigarette an der Glut der alten an. Neben ihm sitzen drei Kommilitoninnen, Mitstreiterinnen, die weder ein Kopftuch tragen, noch sich an das Rauchverbot für Frauen halten oder daran, dass Mädchen und Jungen getrennt sitzen sollen. Gesten des Widerstands. »Wir haben dieses beschissene Leben satt. Israel hält uns gefangen, die Hamas schlägt uns und der Rest der Welt interessiert sich nicht für uns«, sagt Abu Yazin und die Mädchen nicken. Genug sei genug. Genug der Schmerzen, Tränen, des Leidens und der Kontrolle, genug der ungewissen Zukunft, trüben Gegenwart und fanatischen Politiker.

»Wir haben schlaflose Nächte, tote Zivilisten, dunkle Erinnerungen, Terror, Folter«, sagt Abu Yazin. Irgendjemand müsse das ja schreiben, schiebt er nach, grinst ein bisschen verlegen und wird gleich darauf wieder ernst. »Wir können uns nicht frei bewegen und sagen, was wir wollen. Schluss damit!« Angst? Ja, klar. Aber: »In unseren Herzen wächst eine Revolution heran. Wir brauchen endlich Hoffnung!« Das Manifest endet mit drei Forderungen: »Wir möchten frei sein. Wir möchten ein normales Leben führen. Wir wollen Frieden. Ist das zuviel verlangt?« Das Café füllt sich langsam, eine Familie setzt sich an den Nachbartisch, Abu Yazin rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her, blickt sich suchend um und wechselt vorsichtshalber das Thema. Wer weiß, ob die Hamas lauscht. Er bestellt noch einen Kaffee und dann diskutieren er und die Mädchen lautstark darüber, ob Barcelona oder Manchester die Champions League gewinnt. Das zumindest ist erlaubt in Gaza.

Grabplatte als Bühne

Das Internet verbindet Gaza mit dem Rest der Welt, lässt verkrustete Strukturen bröckeln und gebiert eine Jugend, die es dazu nutzt, gewaltlos Frieden und Freiheit zu fordern. Sie suchen Anschluss an eine Welt, die sie sonst nur aus Internet und Fernsehen kennen. Sie sind das gute Gesicht Gazas, gegen Gewalt und Extremismus. Durch die Risse in der Fassade tröpfeln Jugendkulturen in die abgeschottete Region am Mittelmeer, die in anderen Teilen der Erde längst zum Alltag gehören. Wie der 19-jährige Ahmad Rezea, der sich in Gaza-Stadt, wann immer es geht, um zwei Uhr morgens aus dem Haus seiner Mutter schleicht, um mit seinen Kumpel Abud Skateboard zu fahren. Weder seine Mutter, noch die Hamas sehen es gern, wenn die beiden durch die Straßen Gazas brettern. Oder die Zwillinge Tarzan und Arab, die sich auf der Dachterrasse des Hauses ihrer Eltern ein Kabuff gebaut haben, das sie mit Kunst und Krempel vollgestopft haben, und dort traurige Bilder malen, die sie auf Ausstellungen in Ländern zeigen, in die sie selbst nicht reisen dürfen – Israel, Deutschland oder England.

Im Café »Gallery« treffen sich verliebte Pärchen, um sich heimlich an den Händen zu halten, während das »Stop Team« gegen Besatzung und Unterdrückung rappt. Denn die Sittenwächter der Hamas sind überall, überwachen, kontrollieren, patrouillieren, prüfen, ob sich jeder islamisch benimmt; kein Händchenhalten, Männer und Frauen getrennt. Und in Khan Younis stehen Abdallah und Muhammad, die einzigen und besten Parcourläufer Palästinas, auf einer Mauer, proben ihre Tricks auf einem Friedhof, den langsam die Wüste schluckt, und verbeugen sich vor einem unsichtbaren Publikum, eine Grabplatte als Bühne und die zerschossenen Fassaden der Stadt als Kulisse.

Der Autor ist Asienkorrespondent und lebt in Manila.

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