Amnesty Journal Deutschland 21. September 2011

"Die Lager machen die Leute krank"

Bruno Watara musste in den neunziger Jahren aus ­politischen Gründen aus Togo fliehen. Er schaffte es bis nach Deutschland und verbrachte sieben Jahre im Flüchtlingsheim Tramm-Zapel in Mecklenburg-Vorpommern. Heute hat er eine Aufenthaltserlaubnis – und kämpft für bessere Asylbedingungen in Deutschland.

Sie mussten 1993 aus Togo fliehen. Was waren die Gründe?
Ich bin geflohen, weil ich Zeuge eines politischen Mordes wurde. In dieser Zeit war der Diktator Gnassingbé Eyadema an der Macht. Ich habe beobachtet, wie ein Polizeioffizier einen anderen erschoss. Danach haben die Polizisten von mir verlangt, dass ich eine Falschaussage mache, aber ich habe mich geweigert. In diesem Moment wusste ich: Hier kann ich nicht bleiben. Als ich dann bei einer Demonstration von der Geheimpolizei angeschossen wurde, bin ich geflohen. Wäre ich ins Krankenhaus gegangen, hätten sie gewusst, dass ich an der Demonstration teilgenommen habe.

Über welche Stationen sind Sie nach Deutschland gekommen?
Ich bin nach Benin geflohen und habe mich dort versteckt. Danach ging ich weiter nach Ghana, wo ich aber auch nicht sicher war, weil die togoische Geheimpolizei in allen Nachbarländern aktiv war. Das alles dauerte insgesamt vier Jahre. 1997 habe ich es schließlich bis nach Deutschland, genauer gesagt Hamburg, geschafft. Ich habe in Horst in Mecklenburg-Vorpommern Asyl beantragt und meine ersten drei Monate im Lager verbracht. Danach kam ich in den Landkreis Parchim, in das Lager Tramm-Zapel. Dort habe ich sieben Jahre gelebt, bis ich 2006 meine Aufenthaltserlaubnis bekommen habe.

Wie waren Sie in Tramm-Zapel untergebracht?
Für mich war es unvorstellbar, dass Orte wie dieses Flüchtlingslager in Europa überhaupt existieren. Das Lager befand sich mitten im Wald, es war eine ehemalige Militärkaserne mit Bunker und Stacheldrahtzaun. Wir waren total isoliert. Um Brot oder Wasser zu kaufen, mussten wir für den Hin- und Rückweg sechzehn Kilometer zu Fuß laufen. Ich erinnere mich, dass ich einmal starke Bauchschmerzen hatte und ganz dringend ins Krankenhaus musste. Aber es gab so gut wie keine Busverbindung, deshalb habe ich mich selbst auf den Weg gemacht. Ich dachte, ich müsste sterben. Diese Zeit werde ich nie vergessen.

Wegen zahlreicher Proteste wurde dieses Flüchtlingslager deshalb vor einigen Jahren geschlossen …
Im Jahr 2004 haben wir einen Brief an den Landkreis und das Innenministerium geschrieben. Darin haben wir uns über die Bedingungen im Lager beschwert und die Schließung gefordert. Dazu habe ich mindestens 97 Unterschriften gesammelt. Wir hatten deshalb Probleme mit unserem Heimleiter. Viele von uns dachten, dass er allein entscheiden könnte, ob jemand einen Pass bekommt oder nicht. Außerdem fand in dieser Zeit eine deutschlandweite "Anti-Lager-Action-Tour" statt. Wir haben auch in Tramm-Zapel demonstriert. 2005 wurde das Lager dann geschlossen.

Was ist mit den Menschen passiert, nachdem das Lager geschlossen wurde?
Sie wurden im Flüchtlingsheim in Parchim untergebracht. Manchmal fühle ich mich deshalb etwas schlecht, weil einige von ihnen weiterhin dort leben. Manchmal besuche ich sie und frage, ob ich helfen kann. Ich kenne zum Beispiel einen Jungen, der im Lager geboren wurde. Er ist jetzt 16 Jahre alt und lebt, wie seine kleine Schwester und sein Bruder, immer noch im Heim. Er ist ein Lagerkind, dass muss man leider so sagen.

Haben Sie noch Kontakt zu anderen Flüchtlingen?
Ja, vor allem durch meine politischen Aktivitäten habe ich viel mit Flüchtlingen in Berlin und in Brandenburg zu tun. Zum Beispiel gibt es einen Mann aus Côte d’Ivoire, der seit langem im Heim lebt. Im Moment geht es ihm gesundheitlich schlecht und er ist isoliert. Ich würde gerne ein Video oder Foto von ihm ins Internet stellen, damit Bekannte darauf aufmerksam werden. Im Flüchtlingslager wird er sonst allein sterben. Manche Menschen im Lager werden schlechter behandelt als die Tiere im Zoo.

An welchem Punkt haben Sie sich entschieden, etwas gegen die Bedingungen in den Flüchtlingsheimen zu unternehmen?
Seit ich in Deutschland bin, versuche ich anderen Flüchtlingen zu helfen, so gut es eben geht. Einem Freund, der abgeschoben werden sollte, habe ich beispielsweise einen Rechtsanwalt und einen guten Psychiater gesucht, weil er traumatisiert ist. Jetzt konnte er Asyl beantragen. Politisch engagiere ich mich im Bündnis gegen Lager Berlin-Brandenburg und anderen kleinen Initiativen und arbeite viel mit dem Flüchtlingsrat Brandenburg zusammen. Beispielsweise habe ich im Juni in Berlin bei der Kampagne "Abolish" zur Abschaffung diskriminierender Gesetze gegenüber Flüchtlingen mitgewirkt.

Sie haben Anfang des Jahres auch an der Bamako-Dakar-Karawane teilgenommen. Um was ging es da genau?
Bei dieser Aktion sind Gruppen des Netzwerks "Afrique-Europe-Interact" aus Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden in die malische Hauptstadt Bamako gefahren. Von dort ging es mit lokalen Gruppen über verschiedene Stationen nach Dakar, wo zu diesem Zeitpunkt das Weltsozialforum stattfand. Wir haben für mehr Bewegungsfreiheit und gegen Frontex demonstriert und Ideen ausgetauscht. Seit 1993 war ich nicht mehr in Afrika. Als ich ankam dachte ich, dass sich überhaupt nichts verändert hat. Im Gegenteil: Die Situation ist noch schlimmer geworden.

Sie waren seit ihrer Flucht nicht mehr in Togo?
Nein. Würde es einen Politikwechsel geben, kann ich mir vorstellen, irgendwann wieder hinzufahren. Aber Gnassingbé Eyadema hat Togo 41 Jahre lang regiert und jetzt ist es sein Sohn Faure Gnassingbé an der Macht. Die politische Situation ist diesselbe. Wenn Menschen in Togo auf die Straße gehen, um zu demonstrieren, wird sofort geschossen. Es gibt ein Sprichwort, das sagt: Wenn du einen Diktator sehen willst, dann fahr nach Togo und du wirst ihn sehen.

Was muss sich an der deutschen Asylpolitik ändern?
Flüchtlinge, die hierher kommen, müssen akzeptiert und wie Menschen behandelt werden. Man darf sie nicht einfach zwei oder drei Jahre in ein Flüchtlingslager stecken und dann abschieben. Die Menschen kommen hier teilweise schon traumatisiert an. Sie werden dann mit diskriminierenden und rassistischen Gesetzen konfrontiert. Dazu gehören zum Beispiel die Residenzpflicht oder Essensgutscheine. Die Lager machen die Leute krank. Während meines Aufenthalts in Bamako habe ich einige Menschen kennengelernt, die genau dieses Schicksal durchgemacht haben.

Fragen: Ralf Rebmann, Übersetzung: Ariane Allo

Bruno Watara wurde 1963 in Togo geboren. 1993 flüchtete er aus politischen Gründen nach Deutschland und beantragte dort Asyl. Anschließend verbrachte er sieben Jahre im Flüchtlingslager Tramm-Zapel. Seit 2006 hat er eine reguläre Aufenthaltserlaubnis. Er lebt derzeit in Berlin.

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