"Die Fähigkeit zum Glücklichsein verloren"
"Ich gehe nicht leichtsinnig vor."
© Michael Danner
Der Künstler Ai Weiwei genießt aufgrund seiner internationalen Bekanntheit in China zwar einen gewissen Schutz, doch allzu viele Provokationen kann auch er sich nicht leisten.
Von ihren Kunstwerken gehen viel Wärme und Glanz aus. Welches davon strahlt für Sie persönlich am stärksten?
Die Arbeit, die ich den Kindern gewidmet habe, die bei dem Erdbeben 2008 ums Leben gekommen sind. Die chinesische Regierung verspricht heute zahlreichen Entwicklungsländern, dort Schulen zu errichten. Ich und meine Mitstreiter können darüber nur lachen. Denn im eigenen Land, in der Provinz Sichuan, sind Tausende von Kinder unter den Trümmern schlampig gebauter Schulen gestorben. Und die Wahrheit darüber wird noch immer unterdrückt. So nimmt man den Opfern ihre Würde. Ich habe in der Provinz eine Bürgerrechtsbewegung initiiert: Zahlreiche Freiwillige gingen von Tür zu Tür, schrieben Namen, Geburtstage und Einzelheiten aus dem Leben dieser Kinder auf. So sammelten wir über ein Jahr lang etwa 5.200 Namen.
Sie blieben dabei nicht ungestört.
Als Reaktion von oben wurden etwa vierzig unserer Leute festgenommen. Wir waren allen Arten von Kränkungen ausgesetzt, zahlreichen Hausdurchsuchungen und Körperverletzungen. Aber, weil wir von der Gesellschaft im eigenen Land und auch international so stark unterstützt wurden, haben wir es geschafft. Wenn ich heute all die Namen anschaue, die die Wände meines Büros bedecken, kann ich es kaum glauben: Für mich ist das ein Wunder.
Nicht immer waren Ihre Handlungen für Ihre Landsleute so nachvollziehbar. So waren sie am Bau des Olympiastadions in Peking beteiligt, nahmen aber nicht an der Eröffnungszeremonie teil. Dies wurde in der chinesischen Öffentlichkeit heftig kritisiert. Sie wollten damit demonstrieren, dass Sie noch über eine gewisse Freiheit der Wahl verfügten. Aber müsste dahinter nicht ein bisschen mehr stecken?
Überhaupt eine Wahl zu haben ist für mich schon ein Wert an sich. Denn wir sehen ja weder die Welt noch uns selbst die ganze Zeit über klar. Wir machen ständig kleine Fehler. Nur indem wir diese korrigieren und auch verkünden, kommen wir ein wenig voran. Aber natürlich hatte diese Wahl auch einen Inhalt. Es ging dabei um die Frage der Fairness gegenüber der Gesellschaft. Ich hatte die Vorbereitung der Spiele als einen Weg für uns in die internationale Gemeinschaft gesehen. Aber dann erkannte ich, wie sehr sie doch als Propaganda missbraucht wurden. Und wie sehr das Ganze schon kommerzialisiert war, auch im internationalen Maßstab. Zum Schluss interessierte es kaum jemanden mehr, was bei den Spielen ursprünglich gefeiert werden sollte.
Sie haben in anderem Zusammenhang einmal gesagt, das chinesische Volk sei um seine Fröhlichkeit und um sein Lachen betrogen worden.
Wir Chinesen sind nicht nur durch das brutale System geschädigt, wir haben auch durch unsere jüngere Geschichte die Fähigkeit zum Glücklichsein verloren. Wir glauben, wir hätten einfach nicht das Recht auf ein glückliches Leben. Aber wir sind nicht auf die Welt gekommen, um zu leiden. Ich denke, dass wir nur etwas ausrichten können, wenn wir uns zuerst einmal um unsere Gesundheit kümmern und unser Leben genießen. Darum bemühe ich mich auch. Wenn ich manchmal nicht mehr fröhlich sein kann, registriere ich das als eine Art Schwäche von mir.
Im August 2009 erlitten Sie in der Stadt Chengdu in der Provinz Sichuan nach Schlägen von Polizeibeamten eine Gehirnblutung. Sie schleppten sich weiter und brachen Wochen später in München zusammen. Wie steht es jetzt um Ihre Gesundheit?
Die ist nicht mehr die alte. Diese Kopfverletzung hätte mich das Leben kosten können. Und ich hatte großes Glück, damit schließlich in einer Münchner Klinik zu landen. Dort hat man mir nicht nur das Leben gerettet, sondern man hat mir sozusagen noch ein Extraleben geschenkt, das ich jetzt führe. Auf den Angriff selbst war ich überhaupt nicht gefasst. Es geschah kurz bevor ich mich in aller Öffentlichkeit an ein Gericht wenden wollte, um mich für einen angeklagten Mitstreiter einzusetzen. Aber ich selbst bin es andererseits, der immer zu Leuten sagt, wenn sie mir helfen wollen: Vorsicht, Eure Feinde handeln nicht logisch, sie sind unvorhersagbar! Als die Ärzte dort behaupteten, mit mir sei alles in Ordnung, machte ich mich davon. Denn in China muss man schon ganz schön dumm sein, um freiwillig in einem Krankenhaus zu bleiben. Aber die Kopfschmerzen waren so fürchterlich, dass ich manchmal drauf und dran war, aus dem Fenster zu springen.
Während der Ausstellung 2009 in München mit dem Titel "So Sorry" erklangen die Namen der verunglückten Kinder. Ihre bunten Rucksäcke bildeten damals eine Art Tempel-Fassade am Haus der Kunst. Sie und Ihre Helfer haben anderthalb Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Doch wenn Sie zuviel riskieren, kann man Sie leicht um die Fähigkeit bringen, weiter derart umfangreiche und einflussreiche Werke zu schaffen.
Ich gehe nicht leichtsinnig vor. Aber ich agiere als Beispiel und auch stellvertretend für all die vielen Menschen, die nicht über dieselben Möglichkeiten verfügen. Wenn das, was mir passierte, einem von ihnen widerfahren wäre, dann wäre er einfach anonym gestorben. Kein Hahn hätte nach ihm gekräht. "Na ja, der Mann hatte offenbar ein Problem" – das wäre der einzige Kommentar gewesen. Ich denke, dass wir alles im Leben, das Schöne und auch die Risiken, miteinander teilen sollten. Und das ist jede Anstrengung wert.
Fragen: Barbara Kerneck
Interview: Ai Weiwei
Ai Weiwei wurde 1957 geboren. Der Sohn eines während der Kulturrevolution verfolgten Dichters gilt weltweit als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart und ist Träger vieler Preise. Im vergangenen Jahr ging an ihn der von Kasseler Bürgern gestiftete Preis "Das Glas der Vernunft". Ai Weiweis Werk umfasst neben Einzelskulpturen auch große Installationen und Architekturprojekte.
Immer wieder initiierte er Protestaktionen gegen die chinesische Regierung und forderte in seinem Blog Zensurfreiheit. Dabei halfen ihm seine Privilegien als international anerkannter Künstler, sie schützen ihn aber nicht immer vor Repressalien. Anfang Dezember 2010 wurde er an der Ausreise gehindert, als Grund wurde die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo vermutet. Mitte Januar ließen die chinesischen Behörden Ai Weiweis Atelier in Shanghai abreißen.
Sein neuestes Werk kann man derzeit in der Londoner Tate Modern sehen: Es besteht aus einem Meer von Sonnenblumenkernen. Sie haben Originalgröße, sind aber aus Porzellan und wurden von 1.600 seiner Landsleute einzeln von Hand bemalt.