Amnesty Journal 11. Februar 2010

"Nur wer seine Rechte kennt, kann sie einfordern"

Ein Gespräch mit dem Direktor von Amnesty International in Kenia, Justus Nyang’aya, über das Leben in den Slums, SMS-Aktionen und die Rechtlosigkeit der Armen.

Justus Nyang’aya ist seit Mai 2009 ­Direktor von Amnesty International in Kenia. Zuvor arbeitete der 52-jährige Erziehungswissenschaftler unter anderem für die niederländische Entwicklungshilfeorganisation SNV, für die UNESCO und für Lead Africa, eine Organisation, die afrikanische Führungskräfte fortbildet.

65 Prozent der Bevölkerung von Nairobi leben nach UNO-Angaben in Slums – auf fünf Prozent der Stadtfläche. Mit welchen Schwierigkeiten müssen sie Tag für Tag kämpfen?
Im Grunde kämpfen die Slumbewohner mit drei großen Problemen: Sprachlosigkeit, Unsicherheit und Ausgrenzung. Die Regierung erkennt die Existenz der Slums einfach nicht an. Und ein Stadtviertel, das offiziell nicht vorhanden ist, braucht natürlich auch keine Wasserversorgung, keine Stromleitungen, keine Straßen oder Schulen.

Die Slumbewohner haben also keinen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen. Mit welchen Auswirkungen?
Sauberes Wasser können die Menschen nur bei privaten Anbietern kaufen – und das ist teuer. So zahlen die Armen bis zu 30 Mal mehr für Trinkwasser als die Reichen, die Anschlüsse in ­ihren Häusern haben. Auch öffentliche Krankenhäuser gibt es nicht. Da in manchen Slums die Straßen nicht befestigt sind, kommen keine Krankenwagen durch. Die Kranken müssen kilometerweit zur nächsten Klinik getragen werden. Es gibt Viertel, in denen keine Polizisten patrouillieren. Die Menschen leben in Angst; nicht nur vor kriminellen Gangs. Die Slumbewohner fürchten sich auch vor der Regierung, die Siedlungen zwangsräumen lässt, mit Bulldozern Lebensgrundlagen zerstört – und die Armen selbst dann nicht an Entscheidungen beteiligt, wenn diese ihre Existenzgrundlage betreffen.

Macht Armut rechtlos?
Nicht zwingend. Aber für einen Slumbewohner ist es praktisch unmöglich, Zugang zum Justizsystem zu erhalten. Nehmen wir das Thema Zwangsräumungen: Es sind immer die Armen, die auf rechtswidrige Weise vertrieben werden. Diese Rechtsverletzungen vergrößern die Armut noch, denn die Bulldozer zerstören alles: das Heim, die Möbel, das gesparte Geld, die Schuluniformen der Kinder, die dann nicht mehr am Unterricht teilnehmen können.

Warum lässt die Regierung Siedlungen zwangsweise räumen?
Weil sie Land an private Investoren verkauft hat, aus Gründen des Umweltschutzes und wegen Infrastrukturmaßnahmen wie dem Bau von Wasserleitungen.

Der Bau von Wasserleitungen ist eigentlich zu begrüßen.
Wir haben ja auch nicht generell etwas gegen Zwangsräumungen. Aber sie müssen nach festen Regeln ablaufen. Die Stadtverwaltung muss die Bewohner der betroffenen Viertel über die Räumung informieren, sie in die Entscheidungsprozesse einbeziehen, ihnen wirkliche Alternativen bieten, sie entschädigen. Dafür muss es Richtlinien geben, die internationalen Standards entsprechen. Für uns ist klar: Ohne Richtlinien darf es keine weiteren Zwangsräumungen geben!

Unter dem Motto "Wohnen. In Würde." setzt sich Amnesty weltweit gegen rechtswidrige Zwangsräumungen ein. Was ­planen Sie in Kenia?
Wir wollen den Armen eine Stimme geben. Amnesty gilt als glaubwürdig, weil wir erst nach gründlicher Recherche an die Öffentlichkeit gehen. Das hilft uns, Druck auf die Regierung auszuüben. Gleichzeitig klären wir die Menschen über ihre Rechte auf. Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern.

Wie kommen Sie mit den Menschen in Kontakt?
Zum Beispiel durch unsere SMS-Aktion: Wer an bestimmten Stellen vorbeikommt, erhält per Bluetooth eine Nachricht aufs Handy. Einerseits wollen wir die Menschen damit informieren, andererseits interessiert uns, was sie über "Würde" und "Recht auf Wohnen" denken. Ihre Antworten geben wir an die Politiker weiter. So erfahren sie, was die Leute auf der Straße denken. Die Kampagne kommt bei jungen Leuten sehr gut an.

Sie arbeiten viel mit Jugendlichen?
Früher warfen die Studenten mit Steinen, um gegen die Universitätsverwaltung zu protestieren. Wir wollten, dass sie sich verantwortungsbewusst für ihre Interessen einsetzen. Gerade bauen wir eine sehr engagierte Hochschulgruppe auf. Schon jetzt arbeiten die Studenten mit Jugendlichen in den Slums zusammen und setzen sich gemeinsam für das Recht auf Wohnen ein.

Amnesty in Kenia engagiert sich auch für die Rechte von Frauen. Warum dieser Schwerpunkt?
Frauen leiden am meisten – aber leise. Religiöse Praktiken, Stammesgesetze und traditionelle Normen erniedrigen Frauen. Das darf nicht mit Verweis auf Kultur oder Gesellschaft gerechtfertigt werden. Wir setzen uns für mehr Sicherheit von Frauen in den Slums ein. Dabei geht es nicht nur um Gewalt, die ihnen auf den Straßen droht, auch ihr Zuhause kann für sie gefährlich sein. Wir arbeiten eng mit Journalisten zusammen, die die Gewalttaten der Ehemänner in die Öffentlichkeit tragen. Wir wollen, dass die Frauen über das sprechen, was ihnen angetan wird. Wenn eine Frau von ihrem Mann misshandelt wird, ist das keine Privatsache. Das ist eine Menschenrechtsverletzung.

Interview: Petra Kilian

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