Amnesty Journal Mexiko 20. Juli 2010

Ein Weckruf mit Musik

Die mexikanische Ska-Rock-Combo Panteón Rococó

Die mexikanische Ska-Rock-Combo Panteón Rococó

"Friede, Tanz und Widerstand" lautet die Parole von Panteón Rococó. Mexikos populäre Ska-Rock Combo ist nicht nur musikalisch erfolgreich, sie tritt auch für die Rechte der Bevölkerung ein.

Von Knut Henkel

Wir brauchen in Mexiko Sauerstoff für eine neue politische Bewegung, und wir als Band versuchen, unseren Beitrag dazu zu leisten", sagt Luis Román Ibarra alias Dr. Shenka. Das "Festival des Widerstands" ist so ein Beitrag, und Dr. Shenkas Band Panteón Rococó war an der Vorbereitung und Organisation beteiligt. Ein knappes Dutzend der kreativsten Bands Mexikos sowie internationale Gäste gaben sich Anfang März auf der Bühne des Sportzentrums der Gewerkschaft der Elektrizitätsarbeiter in Mexiko-Stadt ein Stelldichein.

"Das Festival war allerdings weit mehr als ein Musikfestival. Auch Gewerkschaften, soziale und politische Organisationen aus allen Landesteilen, wie etwa zapatistische Gemeinden aus Chiapas, waren beteiligt, um ihre Projekte und Initiativen vor­zustellen", erklärt Percussionist Tanis.

Das Studio von Panteón Rococó befindet sich in einem Wohnhaus im Zentrum der mexikanischen Hauptstadt. Hier ist die Euphorie zu spüren, die das Festival ausgelöst hat: "Unser Ziel, den alternativen politischen und sozialen Bewegungen in Mexiko eine Bühne zu bieten, ist voll aufgegangen. Es war ein Festival der Vielfalt und der Einigung, denn in der derzeitigen Situation ist es wichtig, Alternativen aufzuzeigen und die nachwachsende Generation zu informieren", sagt Dr. Shenka. Angesichts des verheerenden Drogenkriegs, der vor allem den Norden Mexikos prägt, werden die sozialen Konflikte im Süden des Landes weniger stark wahrgenommen. Das Augenmerk auf diese Probleme zu legen, war eines der erklärten Ziele der Organisatoren.

Panteón Rococó hat mit "Ejercito de Paz", zu Deutsch "Friedensarmee", zu Jahresbeginn ein neues Album vorgelegt. Der Titel der CD zum 15. Bandjubiläum ist Programm, denn Panteón Rococó sind erklärte Pazifisten, die der zapatistischen Bewegung nahe stehen. "Wir sind quasi im Sog der zapatistischen Erhebung von 1994 entstanden. Für mich – und da spreche ich, glaube ich, für die gesamte Band – war das wie ein Weckruf", sagt Sänger Dr. Shenka.

Der Weckruf erwies sich als ausgesprochen nachhaltig, denn die Band setzt sich seit nunmehr 15 Jahren für ein anderes Mexiko ein. Ein Land, in dem die Rechte der indigenen Minderheit respektiert werden und in dem sich die Mitbestimmung der Bevölkerung nicht im regelmäßigen Urnengang erschöpft. In ihren Songs behandelt die Band die gesellschaftliche Realität in dem von Korruption und Klientelismus geprägten Land, so zum Beispiel in dem Stück "Democracia fecal", einer tanzbaren Hymne gegen das verkommene demokratische System, oder in "Marco’s Hall", einem Bekenntnis zu kollektiven Strukturen.

Doch Dr. Shenka und seine Mitstreiter lassen es nicht dabei bewenden. Konzerte, deren Einnahmen komplett sozialen Bewegungen gespendet werden und bei denen die Besucher zu Nahrungsmittelspenden aufgefordert werden, sind typisch für die Band. "40 Tonnen Lebensmittel haben die gut 11.000 Besucher beim Festival des Widerstands gespendet", erklärt Tanis. Der Mann an den Congas von Panteón engagiert sich seit etlichen Jahren in einem unabhängigen Kulturzentrum im Süden von Mexiko-Stadt, gibt Musikunterricht, koordiniert und organisiert. "Wir wünschen uns ein Netz von autonomen Jugend- und Kulturzentren wie in Deutschland", erklärt der Musiker.

Das Studio der Band ist ein Beispiel für diese alternativen Strukturen. "Im Cocodrilo Solitario bieten wir jungen Bands die Chance aufzunehmen. Die befinden sich schließlich in der gleichen Situation wie wir einst", erklärt Dr. Shenka. Die erste CD von Panteón Rococó entstand im Selbstverlag, und obwohl es nicht einfach war, den Vertrieb zu organisieren, wurde das Debüt mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Ein unglaublicher Erfolg, der dafür sorgte, dass die Band Angebote von großen Labels erhielt. Panteón nahm schließlich das Angebot von BMG an, zumal ein Mitglied mit der Bandkasse durchgebrannt war und damit Geld zur Produktion eines neuen Albums fehlte.

Heute ist die Band komplett unabhängig, und Dr. Shenka ist zufrieden, dass er im eigenen Studio Nachwuchsbands produzieren kann. Inspirierend ist das auch für die Arbeit mit Panteón Rococó. Die Band mischt unterschiedliche Stilrichtungen: Neben Ska und Rock als Grundlage sind Cumbia, Mariachi und Ranchera genauso präsent wie Reggae, Dub und kubanische Klänge. Ende Mai traten die Musiker beim 100. Vereinsjubiläum des FC St. Pauli in Hamburg auf. "Uns gefällt das ganze Drumherum bei diesem Fußballclub. Da wird Solidarität noch ernst genommen", erklärt Dr. Shenka und verweist auf das "Viva con Agua"-Trinkwasserprojekt, das von dem gerade in die erste Liga aufgestiegenen Verein unterstützt wird.

Die Bandmitglieder sind national und international bestens vernetzt, wie das "Festival des Widerstands" zeigt. Das belegen Solidaritätsadressen aus anderen Ländern der Region und der Gastauftritt der kolumbianischen Rockgruppe Aterciopelados aus Kolumbien.

Die Band will die Kontakte zur regionalen Musikszene weiterhin pflegen; künftig soll das Festival jedes Jahr stattfinden. Befreundete Bands wie "Los de Abajo" oder "Maldita Vecindad" werden dabei sein, aber auch noch weitgehend unbekannte wie "Los Guanábana" oder die Straßenmusiker von "Polka Madre". "Es wird ein klingendes Forum der Auseinandersetzung sein", sagt Tanis.

Der Autor ist freier Journalist und berichtet regelmäßig aus Lateinamerika.

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