Amnesty Journal 06. April 2010

Fußball nach Farben

Mit Sport wollte sich das rassistische Südafrika internationale Anerkennung verschaffen. Deutsche Funktionäre und Politiker halfen dabei gern.

Von Martin Krauß

Mit gleich drei Fußball-Nationalmannschaften versuchte es Südafrika: die erste bestand nur aus Weißen, die zweite aus sogenannten Mischlingen, "Coloureds", und in der dritten kickten nur Schwarze. So präsentierte sich das Land bei den Südafrikaspielen 1973. Das war eine Art Miniolympiade, die dem wegen seiner Apartheidpolitik international geächteten Regime Anerkennung verschaffen sollte.

Zweimal traf das weiße Team damals auf das schwarze und gewann mit 4:0 und 3:1. Damit, da waren sich die weißen Funktionäre sicher, war beides bewiesen – die eigene Liberalität und die Überlegenheit der weißen Rasse. "Jetzt kann man uns keine Diskriminierung mehr vorwerfen", rief Rudolph Opperman aus, der Präsident des Olympischen Komitees Südafrikas. Allerdings mussten alle Spiele im Rand-Stadion von Johannesburg stattfinden, weil andere Stadien keine Schwarzen in ihren Duschen und Umkleiden duldeten.

Zu den Südafrikaspielen 1973 reisten 350 Athleten aus 30 Ländern an. Die größte Delegation kam aus Deutschland. Zwar lehnte die Bundesregierung jede finanzielle Unterstützung ab, doch die Sportverbände nahmen gerne das ­Angebot des Apartheidregimes an, zwei Drittel der Kosten zu tragen. Weltklassesportler wie die Leichtathletin Heide Rosendahl oder die Schwimmerin Jutta Weber traten an.

Überhaupt wurde der internationale Sportboykott, der über das Rassistenregime im südlichen Afrika verhängt worden war, nicht konsequent umgesetzt. Im Januar 1973 beschloss der Weltfußballverband Fifa, seinen seit 1961 gültigen Boykott für die Südafrikaspiele auszusetzen: Schließlich versprach das Regime ja die Teilnahme von schwarzen Sportlern. Als sich aber herausstellte, dass der südafrikanische Fußballverband an drei segregierte Teams dachte, zog die Fifa ihre Erlaubnis zurück.

Andere Sportarten scherten sich kaum um den vom Internationalen Olympischen Komitee verhängten Boykott. Profiboxen, Rugby, Kricket und vor allem Tennis waren nicht so sehr internationalem, das hieß vor allem: afrikanischem Druck ausgesetzt. Auch die Fifa wollte bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Boykott loswerden.

Obwohl sich 1951 die nicht-weißen Verbände zur antirassistischen South African Soccer Federation (SASF) zusammengeschlossen hatten, beschloss die Fifa 1952, den rassistischen Fußballbund aufzunehmen. Als der aber 1960 aus der afrikanischen Fußballföderation flog, konnten die Fifa-Funktionäre nicht umhin, die Mitgliedschaft Südafrikas zu suspendieren. Doch schon 1963 hoben sie den Bann wieder auf, weil der Verband verlautbarte, er wolle für die WM-Qualifikation 1966 zwar ein rein weißes, dafür aber zur WM 1970 ein rein schwarzes Team nominieren – wozu es nicht kam. Ein Jahr später zeigte sich, dass das Regime zu keiner Zeit daran gedacht hatte, sich von schwarzen ­Kickern repräsentieren zu lassen. Notgedrungen trennte sich die Fifa wieder von Südafrika.

Zu einer echten Konfrontation mit dem rassistischen Südafrika war die Fifa nie bereit – auch wenn sie sich heute, kurz vor der WM 2010, als Förderer des schwarzen Fußballs feiern lässt. 1973 etwa wollte Norman Middleton, ein Funktionär der nichtrassistischen SASF, zu einem Fifa-Treffen nach Frankfurt fliegen, um dafür zu werben, dass die Fifa seinen Verband als südafrikanischen Vertreter anerkennt. Doch südafrikanische Behörden entzogen ihm den Pass und die Fifa protestierte nicht dagegen, dass ihr Gast nicht kommen durfte.

1988 stellte die "Frankfurter Rundschau" fest, gerade in Deutschland gebe es etliche Vereine, "die sich um den Sportboykott gegen das Regime am Kap nicht scheren". Anlass war der hessische Fußballklub SV Traisa, der seit 1971 als "privat" geltende Sportkontakte unterhielt. Nach UNO-Angaben unterliefen zwischen 1980 und 1987 insgesamt 203 deutsche Athleten und zwei Mannschaften den Boykott – darunter Stars wie Bernhard Langer (Golf), Boris Becker (Tennis), Toni Mang (Motorrad) oder Dietrich Thurau (Radsport).

1989 initiierten in Bonn mehrere CDU-Politiker, unterstützt vom südafrikanischen Konsul in Deutschland, einen Verein "Brücken durch Sport", der den Boykott überwinden wollte. Berufen haben sich solche Initiativen immer wieder auf "Reformvorschläge" aus Südafrika: Für 1974 hatte etwa der Sportminister Piet Koornhof ein Fußballturnier angekündigt, an dem "die unterschiedlichen südafrikanischen Nationen auf einer multinationalen Basis partizipieren könnten". Er dachte an vier Nationalteams: ein weißes, eines der "Coloureds", eines der Inder und ein, wie er sagte, "repräsentatives Zulu, Xhosa oder sonstiges Bantu-Nationalteam".

Damals existierten in Südafrika schon längst zwei Profiligen: Die National Football League der Weißen (NFL) und die National Soccer League der Schwarzen (NSL). Begegnungen von NFL- und NSL-Teams fanden nur sehr selten statt. Daneben gab es ab 1960 Frauenfußball in Südafrika: Weiße Mittelklassefrauen begannen ab Mitte der sechziger Jahre, eine Liga aufzubauen. Doch schon zu Beginn der sechziger Jahre taten sich schwarze Frauen zusammen, um organisiert zu kicken, unter anderem der Orlando Pirates Women’s Football Club und die Mother City Giants. In den frühen Siebzigern wurde die Sawfa gegründet, die South African Women’s Football Association, die sich explizit nur an weiße und "coloured" Frauen richtete und Schwarze ausschloss.

Die Sawfa versuchte zu erreichen, was den Männern verwehrt blieb, die internationale Anerkennung. "Das erste 'inoffizielle' internationale Fußballturnier, das eine südafrikanische Auswahl bestritt, fand während einer fünfwöchigen 'Rebellen'-Tour nach Italien im Juni und Juli 1989 statt", schreibt die Historikerin Cynthia Fabrizio Pelak. Der Versuch, mit dem international nicht so beachteten Frauenfußball den Boykott zu durchbrechen, gelang jedoch auch den weißen Kickerinnen nicht.

Die halbherzige Haltung des Auslands und der Fifa verhinderte freilich nicht, dass sich der schwarze Fußball entwickelte. Und zwar nicht nur in der NSL, sondern auch in den Gefängnissen. "Wie Sie wissen, habe ich 27 Jahre lang Urlaub gemacht", sagte Nelson Mandela Anfang der Neunzigerjahre einmal, "konnte aber von meinem berühmten Hotel aus die Fortschritte des Soccer-Spiels in diesem Land verfolgen."

Die Rede ist von Robben Island, der berüchtigten Gefängnisinsel, auf der zeitweise 1.600 Häftlinge lebten. Im Jahr 1969 wurde hier die Makana Football Association gegründet. Die Idee zu diesem Verband entsprang dem Bedürfnis der politischen Häftlinge, wenigstens das Recht auf frische Luft am Wochenende und auf Sport zu erhalten. Mandela selbst durfte allerdings nie mitspielen, er blieb in Isolationshaft, wurde aber in geschmuggelten Botschaften über die Tabellenstände informiert.

Anfang der Neunzigerjahre startete Südafrika endlich in eine nichtrassistische Fußballzukunft. Im Dezember 1991 gründete sich die Safa, die South African Football Association, die sich aus vier früheren Verbänden zusammensetzte. 1992 wurde Südafrika wieder in die Fifa aufgenommen, 1995 gewannen die Orlando Pirates den afrikanischen Landesmeisterpokal, 1996 richtete das Land den African Cup of Nations aus, 1998 nahm es an der WM in Frankreich teil und dieses Jahr folgt der bisherige Höhepunkt: Die Austragung der Fußball-WM 2010.

Der Autor ist freier Sportjournalist und lebt in Berlin.

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