Der zerbrochene Mythos
In der Regenbogen-Nation Südafrika ist Hass auf Ausländer alltäglich.
Von Corinna Arndt
Dort, wo die Autobahn N1 von Johannesburg kommend die Halbwüste Karoo hinter sich lässt und in die Weinbaugebiete um Kapstadt führt, liegt das Hex River Valley. Ein malerisches Tal voller Weingüter, umgeben von rauen Bergen. Am Eingang zum Tal drängen sich Tausende Hütten aus Pappe und Wellblech bis dicht an die Straße. Hier, im Slum von De Doorns, wohnen die Saisonarbeiter, die für weniger als einen Euro am Tag Wein lesen und dankbar dafür sind, überhaupt einen Job zu haben. Unter ihnen sind unzählige Menschen aus anderen afrikanischen Ländern, die versuchen, sich hier ein neues Leben aufzubauen.
De Doorns, das kleine Dorf am Rande der Karoo, ist einer der Orte, die in den vergangenen Wochen und Monaten für Schlagzeilen gesorgt haben. Im November waren hier 3.000 Ausländer gewaltsam aus ihren Hütten vertrieben worden, viele von ihnen hausen bis heute in notdürftig errichteten Zelten. Die Angreifer beschuldigten sie, zu Dumpinglöhnen zu arbeiten und südafrikanischen Farmarbeitern die Jobs wegzunehmen.
Es sind bekannte Vorwürfe. Bereits 2008 dienten sie zur Entschuldigung dafür, dass in landesweiten Pogromen mehr als 85.000 afrikanische Migranten aus ihren Häusern vertrieben wurden. Ein gutes Drittel floh damals in provisorische, von der Regierung errichtete Flüchtlingslager. 62 Menschen starben. Das Bild des Mosambikaners Ernesto Alfabeto Nhamuave, der im Johannesburger Township Alexandra bei lebendigem Leib verbrannte, ging um die Welt. Als die Welle der Angriffe schließlich abebbte, verschwand das Thema aus den Medien. Doch das Problem – der Hass, die Vorurteile, der erbitterte Kampf um begrenzte Ressourcen in den Armenvierteln – blieb. Und mit ihm blieb die Angst der Einwanderer und Flüchtlinge.
Agathe Kwisera und ihr Mann Norbert, beide politische Flüchtlinge aus Ruanda, waren unter den Zehntausenden, die allein in Kapstadt in Lagern unterkamen. Mehr als ein halbes Jahr lebten sie mit ihren beiden Kindern in Zelten, die kaum den Winterstürmen standhielten. Als die Regierung im Januar 2009 das letzte der Lager in Kapstadt schloss und die Essensversorgung einstellte, blieben die Kwiseras noch für Wochen in ihrem Zelt. Sie sollten sich wieder integrieren, forderten die Behörden. Doch das konnte lebensgefährlich sein. "Wir sind einmal an unseren alten Wohnort zurückgegangen", erzählt Agathe Kwisera, "und sofort wieder bedroht worden. Wir hatten kein Geld. Wir wussten einfach nicht wohin."
Glaubt man den Kwiseras, dann hat sich die Lage für Ausländer in Südafrika in den vergangenen Monaten weder verbessert noch verschlechtert. Die Feindseligkeiten sind über Jahre gewachsen und lösen sich nicht innerhalb weniger Monate auf. Allein 2006 waren in und um Kapstadt nach Angaben somalischer Interessenvertreter 40 somalische Händler gezielt umgebracht worden. Medien, Politiker und Behörden haben das Problem über Jahre hinweg weitgehend ignoriert und nicht selten selbst Vorurteile geschürt. Die Übergriffe von 2008 mögen ein Tiefpunkt dieser langfristigen Entwicklung gewesen sein, aber längst nicht ihr Ende.
Bereits wenige Wochen später gab es weitere Überfälle. In vier Kapstädter Townships planten südafrikanische Ladenbesitzer systematisch die Vertreibung ausländischer Konkurrenten. Im Dezember 2009 wurden 200 Ausländer in der Limpopo-Provinz aus einem Township verjagt. Immer wieder kam es in den vergangenen Monaten zu Morden, Verfolgung und Plünderungen – zuletzt in der Provinz Mpumalanga. Die Ortsnamen sind austauschbar, das Problem kein lokales, jedes erneute Aufflammen des Hasses lediglich das Symptom einer Krankheit, die das gesamte Land erfasst hat.
Am Kap ist ein Mythos zerbrochen: das Bild der Regenbogen-Nation, einer multikulturellen Gesellschaft, die in ihrer Vielfalt und Toleranz selbst vielen westlichen Ländern als Vorbild galt. Bezeichnenderweise waren es nie Weiße – die ehemaligen Unterdrücker – die zur Zielscheibe wurden, sondern Simbabwer, Mosambikaner, Malawier, Somalis, Angolaner und Kongolesen. Europäische Fußball-Touristen werden von der südafrikanischen Form der Fremdenfeindlichkeit wenig zu spüren bekommen. Ausländerhass am Kap beschränkt sich auf afrikanische Immigranten, viele von ihnen politische oder Armutsflüchtlinge. Schätzungen zufolge leben fünf Millionen am Kap, mehr als die Hälfte davon ist aus Simbabwe.
Die Einwanderer kommen mit leeren Taschen und versuchen, in Südafrikas ärmsten Gemeinden Fuß zu fassen – ohne jegliche Unterstützung vom Staat. Wo sie Erfolg haben, ziehen sie Neid auf sich. Ihre südafrikanischen Nachbarn genießen Freiheit, politische Rechte und Demokratie, doch es fehlt an Jobs, guten Schulen und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Südafrikas Arme haben Wahlversprechen an sich vorbeiziehen sehen und sind ärmer geworden. Sie sind frustriert. Und richten ihre wachsende Wut gegen ihre afrikanischen Nachbarn. "Gewalt gegen Ausländer droht ein völlig akzeptierter Bestandteil der Politik in den Townships zu werden", sagt Loren Landau, die an der Johannesburger Wits University zu gewaltsamer Vertreibung forscht. Der Hass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Hinzu kommt, dass Politiker und Behörden versuchen, das Problem herunterzuspielen. Zwar haben sowohl der frühere Präsident Thabo Mbeki als auch sein Nachfolger Jacob Zuma die Übergriffe verurteilt, doch genutzt hat es wenig. So erklärte vor Kurzem der Bürgermeister des kleinen Ortes Riviersonderend im Westkap der Wochenzeitung "Mail & Guardian" mit folgenden Worten die Vertreibung von 20 Somalis in seinem Dorf: "Ich möchte nicht, dass Sie in der Zeitung von 'Ausländerhass' sprechen. In ein paar Monaten haben wir hier die Fußball-WM. Das gäbe doch einen Aufstand – dabei geht es nur um 20 Leute! Wissen Sie, ich liebe mein Land und ich liebe das Westkap."
Weiterleben, als sei nichts passiert, das versuchen auch die Kwiseras jeden Tag aufs Neue. Die Kinder gehen wieder regelmäßig in die Schule, ihre Mutter macht eine Ausbildung als Krankenschwester. Der Vater verkauft Brot und Gemüse, um die Familie über Wasser zu halten. Die Familie wohnt wieder in einem festen Haus. In Capricorn, einem Vorort von Kapstadt mit hohem Ausländeranteil und einer Mischung aus verschiedenen südafrikanischen Bevölkerungsgruppen, haben sie ein Zimmer gemietet. Die Kinder sprechen, neben ihrer Muttersprache Englisch, Afrikaans und isiXhosa. Viele Freunde der Familie sind Südafrikaner. Das ist die Integration, die die Politiker fordern. Doch für Agathe Kwisera ist das Gefühl der Unsicherheit geblieben: "Es ist ruhig im Moment", sagt sie und fügt nach kurzem Zögern hinzu: "Aber da ist etwas in den Menschen hier … es wird wiederkommen … Ich fühle mich einsam … wohin du auch gehst, irgendwie hast du immer das Gefühl, die Leute hassen dich."
Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Kapstadt.