Amnesty Journal Burkina Faso 07. April 2010

Amnesty Aktuell: Karawane der Hoffnung

In einer Tour durch zehn Städte mobilisierte Amnesty International in Burkina Faso Menschen für die Kampagne gegen Müttersterblichkeit.

Von Annette Hartmetz

»Stoppt weibliche Genitalverstümmelung an unseren Mädchen«, steht auf Daniels selbst gemaltem Bild. Vor der ganzen Klasse erzählt der 14-jährige Schüler aus Gaoua im Südwesten Burkina Fasos: »Ich schreibe das, weil ich keine Mutter mehr habe. Sie hat meine Geburt nicht überlebt, weil sie verstümmelt war, und sie soll bei der Geburt furchtbare Schmerzen erlitten haben.«

In Burkina Faso sterben jedes Jahr mehr als 2.000 Frauen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Das sind im Schnitt fünf Frauen pro Tag. Sie verbluten nach der Entbindung, die meisten sterben zu Hause, einige auf dem Weg zum Krankenhaus, in Taxis, auf Motorrädern oder zu Fuß. Die Müttersterblichkeit ist unter den Frauen am höchsten, die arm sind, einen niedrigen Bildungsstand haben und auf dem Land wohnen. Ihr Leben könnte in den meisten Fällen gerettet werden.

Die Regierung von Burkina Faso setzt sich zwar seit 2006 aktiv gegen Müttersterblichkeit ein. Aber es gibt zu wenig Gesundheitszentren und Krankenhäuser im Land, sie sind zudem unterbesetzt und schlecht ausgerüstet. Informationen über Familienplanung und Verhütungsmittel sind schwer zu erhalten, auch deshalb werden Mädchen oft früh und ungewollt schwanger. Die Genitalverstümmelung ist gesetzlich verboten, aber auf dem Land dennoch weitverbreitet.

Am 27. Januar veröffentlichte Amnesty International einen Bericht über Müttersterblichkeit in Burkina Faso. Im Vorfeld hatten Amnesty-Experten das Land für die Recherchen vier Mal ­besucht. Einen Tag, nachdem der Bericht in der Hauptstadt ­Ouagadougou auf einer Pressekonferenz vorgestellt worden war, setzte sich die »Karawane der Hoffnung« mit Trucks und Kamelen in Bewegung. Mitarbeiter aus der Londoner Amnesty-Zentrale sowie Mitglieder von Amnesty International in Burkina Faso machten bis zum 9. Februar Station in neun weiteren Städten und Ortschaften.

Die Teilnehmer sprachen mit auszubildenden Hebammen und traditionellen Geburtshelferinnen über Verbesserungen im Gesundheitssystem und trafen sich mit Vertretern von nationalen und internationalen Organisationen. An Schulen informierten sie über die Arbeit und Ziele der Amnesty-Kampagne und befragten Schülerinnen und Schüler zu ihren Erfahrungen. Neben Poster- und Malwettbewerben wurden mehrere Sportveranstaltungen organisiert, bei denen vor allem Frauenteams gegeneinander antraten. Radiostationen sendeten Frage-Antwort-Runden zum Thema Müttersterblichkeit, an denen sich viele Zuhörer ­beteiligten.

In Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt des Landes, zog die Karawane mit 100 Demonstrantinnen vor den Amtssitz des Gouverneurs. Dort stellte eine der Frauen eine Geburt nach und verkündete, dass sie unmittelbar vor dem Haus des Gouverneurs gebären würde, wenn er ihrem Anliegen nicht zuhören würde. Er nahm schließlich den Amnesty-Bericht persönlich entgegen.

Da 80 Prozent der Menschen in Burkina Faso nie die Möglichkeit hatten, lesen und schreiben zu lernen, waren Theaterstücke zum Thema Müttersterblichkeit ein besonders gutes Mittel, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Veranstaltungen waren sehr gut besucht, insbesondere der Abend in Gon Boussougou am fünften Tag, an dem über 1.000 Menschen zusammenkamen und angeregt diskutierten.

Besonders bewegend war für die Karawanenteilnehmer, wie viele Menschen begeistert auf sie reagierten. Frauen konnten ihre Unterstützung nicht nur durch Unterschriften ausdrücken, sondern auch durch ein Stück eines sogenannten Pagnes, eines bunten, westafrikanischen Tuchs. »Frauen rissen sich unmittelbar vor Ort ein Stück Stoff aus ihren Kleidern«, berichtete Paule Rigaud, Amnesty-Campaignerin für Westafrika.

Die Mitglieder der Karawane erlebten nicht nur große Unterstützung, sie konnten sich auch ein Bild von den katastrophalen Zuständen in Gesundheitszentren machen, beispielsweise in Gon Boussougou, einer Stadt mit sehr schlechter Infrastruktur. »Auf zwei Fahrzeugen stand ›Krankenwagen‹. Sie hatten jedoch keine Räder«, erzählte Amnesty-Mitarbeiterin Pauline Dionisi.

Am Ende der Reise sprach Amnesty im Namen vieler Tausend Unterstützer in Ouagadougou mit Regierungsmitgliedern und forderte sie auf, noch mehr gegen die hohe Müttersterblichkeit zu unternehmen. Burkina Fasos Präsident Blaise Compaoré versicherte Amnesty-Generalsekretär Claudio Cordone, finanzielle Hürden abzubauen und den Zugang zu medizinischer Notversorgung und Verhütungsmitteln zu gewährleisten. Damit in seinem Land nicht mehr so viele Mütter sterben müssen.

Die Autorin ist Kampagnen-Koordinatorin der deutschen Amnesty-Sektion.

Beteiligen auch Sie sich an den Aktionen von Amnesty International für die Verringerung der Müttersterblichkeit in Burkina Faso und anderen Ländern auf www.amnesty.de/muetter

Mehr dazu