Zwischen Fußballstadion und Folterzentrum
In seinem Roman "Zweimal Juni" beschäftigt sich der Schriftsteller Martín Kohan mit Folter und der Rolle von Ärzten während der argentinischen Militärdiktatur.
Der Vorgesetzte hat immer recht, vor allem, wenn er im Unrecht ist." Diesen Ratschlag gibt ein Vater seinem Sohn mit auf den Weg, als dieser zum Wehrdienst eingezogen wird. Es ist das Jahr 1978, und in Argentinien herrschen die Generäle.
Der Rekrut ist stolz, als er einem Militärarzt als Chauffeur zugeteilt wird. Zum einen, weil dies damit verbunden ist, einen schicken Wagen zu fahren, zum anderen, weil Doktor Mesiano ein gefragter Mann ist, in dessen Ruhm sich der junge Soldat gerne sonnt. Er muss den Arzt zu verschiedenen Militäreinrichtungen chauffieren, damit dieser vor Ort entscheidende Fragen klären kann. So zum Beispiel: Ab wie viel Jahren kann man ein Kind foltern?
Der argentinische Schriftsteller Martín Kohan macht bereits auf den ersten Seiten von "Zweimal Juni" unmissverständlich klar, worum es ihm in diesem Roman geht: Um eine Auseinandersetzung mit Folter und die Verantwortung von Medizinern während der argentinischen Militärdiktatur.
Doch behandelt Kohan dieses Thema weniger reißerisch als es zunächst scheint. Er wählt die Perspektive eines Rekruten, der völlig naiv und opportunistisch ist. Der junge Soldat bewundert seinen Vorgesetzten grenzenlos, weil er ihn für einen Mann mit Prinzipien und Moral hält. Man müsse im Leben vor allem "methodisch vorgehen", lautet das Credo des Militärarztes. Und im Gegensatz zum Ich-Erzähler ahnt der Leser, was dies bedeutet.
Die knappen Absätze in nüchternem Berichtsstil, in denen der Soldat die Welt des Militärs schildert, werden unterbrochen von der Stimme einer Frau, die angeblich der Guerilla angehört und die in einem Folterzentrum unter unsäglichen Bedingungen einen Jungen zur Welt bringt. Der zuständige Militärarzt empfiehlt, bei den Verhören der Frau zeitweilig auf die "Technik des Untertauchens" und die "Verabreichung von Stromschlägen" zu verzichten, "immer vorausgesetzt, es bestehe die Notwendigkeit, die Gefangene am Leben zu erhalten".
Allmählich fügen sich die einzelnen Stränge des Romans zusammen: Da die Gefangene nicht zu einer Aussage bereit ist, soll der Säugling gefoltert werden, um die Mutter zu einem Geständnis zu bewegen. Die endgültige Entscheidung darüber liegt bei Doktor Mesiano. Doch dieser ist nicht auffindbar – er sieht sich ein Fußballspiel der argentinischen Nationalmannschaft im Stadion von Buenos Aires an, denn in Argentinien findet gerade die Fußballweltmeisterschaft statt.
Die Fußballbegeisterung der Argentinier spielt ebenfalls eine Rolle in diesem Roman, dessen Titel "Zweimal Juni" sich auf die Weltmeisterschaft 1978 und die in Spanien 1982 bezieht. Mit kurzen Einschüben über die Nationalmannschaft, ihre Aufstellung und taktische Fragen erinnert Kohan an das propagandistische Spektakel, das die Junta 1978 inszenierte und daran, dass der WM-Sieg Argentiniens die Gräuel vergessen ließ, die sich zeitgleich in den Folterzentren des Landes abspielten.
Dass der Rekrut nicht fähig ist, das Geschehen zu durchschauen, geschweige denn zu hinterfragen, macht die Lektüre des Romans äußerst bedrückend. "Die Guerilleras lassen sich extra schwängern", zitiert der Ich-Erzähler sein großes Vorbild Mesiano: "Sie glauben, wenn sie schwanger sind, tun wir ihnen nichts." Selbstverständlich hat der Arzt auch auf die Frage, ab wann man ein Kind foltern könne, eine Antwort parat: Das Alter spiele überhaupt keine Rolle, belehrt Doktor Mesiano seinen Kollegen, entscheidend sei vielmehr Masse und Gewicht: "Das entscheidet darüber, wie viel ein Körper aushält."
Nichts kann die völlige Ergebenheit des Soldaten erschüttern – nicht einmal die zufällige Begegnung mit der halbtot gemarterten Gefangenen, die ihn inständig bittet, ihr zu helfen. Er möge anonym ihren Anwalt anrufen, um diesem mitzuteilen, wo sie und das Kind sich befänden, fleht die Frau ihn an. "Schluss jetzt, Drecksfotze, du bist tot, merkst du das nicht?", ist alles, was dem jungen Mann als Antwort einfällt. Sein Vorgesetzter hatte ihm schließlich oft genug erklärt: "Wer sich fangen lässt, ist tot."
Kohans Roman thematisiert Folter und Gewalt, insbesondere auch sexualisierte Gewalt ohne Umschweife. Er entlarvt die inhumane Haltung der Mediziner in den Folterzentren des Regimes, und er denunziert die Mitläufer, die unabdingbar sind für ein reibungsloses Funktionieren des Systems.
Der argentinische Schriftsteller berührt in "Zweimal Juni" außerdem ein Thema, das auch nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 noch lange verdrängt wurde und erst durch die unablässigen Bemühungen der "Abuelas de Plaza de Mayo", der Großmütter der Plaza de Mayo, ins Bewusstsein rückte: Das "Verschwinden" der Kinder von inhaftierten und ermordeten Oppositionellen. Hunderte Säuglinge wurden ihren Müttern in Gefangenschaft weggenommen und in vielen Fällen an Angehörige der Sicherheitskräfte übergeben. Die Kinder wuchsen in diesen Familien auf, ohne ihre wahre Identität zu kennen. Bis heute konnten die "Abuelas" viele ihrer Enkelkinder nicht ausfindig machen.
Schon zu Beginn des Romans finden sich Hinweise auf diese damals gängige Praxis des Militärregimes. So hört der Soldat jemanden sagen, "die von der Warteliste würden sofort Druck machen, wenn sie erführen, dass das Kind gesund zur Welt gekommen sei und, wie es schien, helle Augen haben werde". Gewissheit stellt sich jedoch erst im Epilog ein, der während der WM 1982 spielt.
Der Rekrut studiert inzwischen Medizin, wie sein Vorbild. Und als er in der Zeitung liest, dass Doktor Mesianos Sohn im Falkland-Krieg gefallen ist, besucht er die Familie seines ehemaligen Vorgesetzten, um zu kondolieren. Was der Leser längst vermutet, fällt nun auch ihm auf: Das inzwischen vierjährige Kind der Guerillera wurde damals von Mesiano entführt und lebt unter anderem Namen bei der kinderlosen Schwester des Arztes. Doch Fragen stellt sich der Ich-Erzähler noch immer nicht.
Kohan, der 1967 in Buenos Aires geboren wurde, hat einen klugen und eindringlichen Roman verfasst. Manch formale Spielerei ist allerdings etwas zu kalkuliert und wäre verzichtbar gewesen – so zum Beispiel die Kapitelüberschriften, die alle etwas mit Nummern zu tun haben, um das Bemühen des Protagonisten zu unterstreichen, "methodisch vorzugehen".
Die Stärke von "Zweimal Juni" besteht darin, dass er die Täter nicht als sadistische Bestien darstellt, sondern die "Banalität des Bösen" betont. Doktor Mesiano und seine Kollegen verstehen sich selbst nicht als Schergen im Dienste eines Regimes, sondern als Ärzte. Sie führen Wissenschaft und Moral ins Feld, um Folter und andere Grausamkeiten zu rechtfertigen. Das ist das eigentlich Beunruhigende an diesem Roman, der über den Fall der argentinischen Militärdiktatur hinausweist.
Von Wera Reusch.
Martín Kohan: Zweimal Juni. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Suhrkamp, Frankfurt / M. 2009, 180 S., 19,80 Euro.