Amnesty Journal 05. Oktober 2009

Planet der Slums

Eine Milliarde Menschen weltweit leben in Slums. Tendenz steigend. Slums sind Elendsorte, aber auch Zuhause. Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenes Wohnen, doch in den Slums herrschen unsichere, ungerechte und unwürdige Lebensverhältnisse.

Atemlos rast die Kamera durch enge, dunkle Gassen hindurch – vorbei an wimmelnden Menschenmassen. Immer wieder fängt sie dabei die unzähligen Wellblechhütten und stinkenden Müllberge ein. Auf Augenhöhe folgt die Kamera dem Jungen Jamal, der vor der Polizei davonrennt, durch dieses Labyrinth der Armut. Der Slum wird zum Schauplatz.

Spätestens seit der Oscar-Nacht im April, in der der Film "Slumdog Millionär" gleich acht Mal ausgezeichnet wurde, ist Dharavi wohl der bekannteste Slum weltweit. Teile des Films wurden in diesem Viertel Mumbais gedreht – dem größten Slum Indiens, Asiens und einem der größten der Welt. Bis zu einer Million Menschen leben in Dharavi auf knapp zwei Quadratkilometern. Familien mit acht, zehn oder mehr Menschen teilen sich einen winzigen Raum. Durch die Gassen fließen stinkende Rinnsale. Auf 800 Menschen kommt eine Toilette.

Schnell sind weitere beeindruckende Zahlen genannt: Über eine Milliarde Menschen weltweit leben heute in Slums; 2020 sollen es 1,5 Milliarden sein. In den Städten der Entwicklungsländer lebt schon jetzt jeder Dritte in einem Elendsviertel. Im Sudan und in der Zentralafrikanischen Republik leben 94 Prozent der städtischen Bevölkerung in einem Slum; in Jamaika sind es 60 und in Bolivien 50 Prozent; in Laos sind es 80 und in Bangladesch 70 Prozent.

Doch was ist ein Slum? Eine eindeutige Definition gibt es nicht. UN-Habitat, das Programm der Vereinten Nationen für Wohnungs- und Siedlungswesen, nennt fünf Kriterien: Kein ­Zugang zu Trinkwasser, keine sanitären Anlagen, schlechte ­Bausubstanz, unsichere Wohn- und Aufenthaltsrechte sowie
zu wenig Raum zum Leben.

Das ist vage, denn die Armutsviertel unterscheiden sich stark voneinander. Sie finden sich sowohl in kleinen Städten als auch in Megastädten. Sie entstehen am Stadtrand; sie umfassen kleine Siedlungen mit ein paar Dutzend Hütten oder überziehen die ganze Stadt; oder sie wachsen in die Breite und bilden bald eine Stadt in der Stadt.
Zum Beispiel Rio de Janeiro: In den Favelas der Millionenstadt finden sich informelle Selbstbau-Quartiere, teils solide gebaut, mit einer Wasser- und Abwasserversorgung sowie Strom, doch sie sind illegal errichtet und der Alltag oft von Gewalt geprägt. Kairo: Hier haben sich auf den Friedhöfen rund um die Altstadt Slums gebildet. Oder Nairobi: Menschen bauen notdürftige Behausungen aus Müll und Schutt unter Brücken oder am Rande von Müllbergen. Auch hier entsteht ein Slum, dessen Bewohner jederzeit Vertreibung und Zwangsräumung fürchten müssen.

Doch so unterschiedlich Slums sein mögen, sie sind immer von relativer Armut geprägt. Sicherlich leben nicht alle armen Stadtbewohner in Slums, ebenso finden sich in den Elendsvierteln auch relativ reiche Menschen: Generell jedoch gehören Slum und Armut zusammen, und die Elendsviertel wachsen. Immer mehr Menschen drängen in die Städte, um der ländlichen Armut zu entkommen, die oft noch aussichtsloser ist. Die Stadt gewährt zudem mehr soziale Freiheiten als das Land. Ebenso ­suchen Flüchtlinge Schutz in den Städten: Wenn Menschen, die vor Krieg oder vor Umweltkatastrophen fliehen, in den Städten ankommen, stranden sie zunächst in den Slums.

In "Slumdog Millionär" nimmt der inzwischen 18-jährige ­Jamal an der indischen Version der TV-Rateshow "Wer wird Millionär" teil. Als er vor der entscheidenden Millionenfrage steht, fiebern die Slumbewohner vor den Fernsehern mit. Im wirklichen Leben im Armutsviertel Dharavi haben bisher nur wenige den Film gesehen. Die Menschen kämpfen um ihr tägliches Überleben, und der Kinobesuch ist teuer.

Links und rechts der engen, dunklen Gassen von Dharavi sind Tausende von Betrieben entstanden: Ein-Zimmer-Textilbetriebe, winzige Bäckereien, Töpfereien und Recyclinghöfe. Hier wird alles wiederverwertet, was sich findet: Zeitungen, Plastikflaschen, alte Ölfässer. Viele der Menschen in Dharavi arbeiten sieben Tage die Woche, zehn bis zwölf Stunden am Tag. Wie überall auf der Welt verdingen sich die Slumbewohner als Müllsammler, Schuhputzer, Tagelöhner, Hausmädchen. Doch die Einkommen der Armen sind zu gering, als dass sich ihre Lebensbedingungen langfristig verbessern werden.

Zugleich schreitet die globale Verstädterung voran: Schon heute leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Das künftige Wachstum der Weltbevölkerung wird vor allem in den Städten der Entwicklungsländer erfolgen und in ihren Slums. Damit entsteht eine Urbanisierung ohne Urbanität, wie sie der US-amerikanische Stadtsoziologe Mike Davis in seinem Buch "Planet der Slums" beschreibt. Die Menschen in den Armutsvierteln sind ausgeschlossen von der städtischen Infrastruktur, von der Wasser- und Abwasserversorgung, vom Bildungs- und Gesundheitssystem, von der politischen Teilhabe.

So leben Millionen von Menschen in Slums unter unsicheren, ungerechten und unwürdigen Lebensverhältnissen. Doch angemessenes Wohnen, Zugang zu sauberem Wasser oder Bildung sind Menschenrechte, und der Staat ist verpflichtet, seinen Bürgern eine Grundversorgung zu geben.

In den Slums von Lima, Dhaka oder auch Lagos, in denen es an Trinkwasser mangelt, kaufen die Bewohner bei privaten Wasserverkäufern – oft zu horrenden Preisen. In den Vierteln der Mittelschicht hingegen sorgt der Staat für eine Wasserversorgung zu angemessenen Preisen. Die Polizei zieht sich vielerorts aus den Slums zurück und sorgt nicht für die Sicherheit der Bewohner. Oder sie tut es mit roher Gewalt ohne Rücksicht auf Unschuldige.

Die Bewohner der Elendsviertel zahlen für ihre winzigen Räume teils hohe Mieten an so genannte Slumlords, die das Sagen haben. Die größte Unsicherheit bringen Zwangsräumungen. Auch wenn sie auf Gerichtsurteilen beruhen, dürfen sie nicht zur Obdachlosigkeit führen. Doch oft genug werden Slumbewohner vertrieben, ohne Verfahren, ohne jeglichen Rechtsschutz. Familien müssen in Windeseile ihre Habseligkeiten zusammenpacken, bevor Bulldozer ihre Hütten niederwalzen.

Auch Dharavi, die Filmkulisse von "Slumdog Millionär", könnte bald verschwinden. Das Viertel liegt mitten in der Wirtschafts- und Finanzmetropole Mumbai: Es ist teures Bauland. Hier sollen bald moderne Bürotürme und Wohnblocks in den Himmel ragen.

Die exakten Bedingungen für eine Umsiedlung sind bislang unklar, und viele Slumbewohner wollen in Dharavi bleiben, denn mitten in der Stadt finden sie Arbeit. "Slumdog Millionär" hingegen hat ein Happy End: Jamal gewinnt nicht nur 20 Millionen Rupien, sondern auch seine frühere Liebe, das Slum-Mädchen Latika, zurück. Für die Menschen in Dharavi geht jedoch der Alltag weiter und der tägliche Kampf ums Überleben.

Vom Sonja Ernst.
Die Autorin ist Journalistin und lebt in Köln.

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