Der Ohnmacht ein Gesicht geben
Im mexikanischen Ciudad Juárez, an der Grenze zu den USA, werden auffällig viele junge Frauen ermordet. Die Filmregisseure Alejandra Sánchez und José Cordero fühlen sich verantwortlich. Sie wollen, dass bekannt wird, was in Mexiko passiert.
Nein, die offiziellen Verlautbarungen reichten Sofia Alejandra Sánchez Orozco damals im Jahr 2001 nicht. Alles Gewalt in der Familie, wenn einer zu Tode kommt? Puh!
Die angehende Filmregisseurin stammt aus Chihuahua, und das bedeutet: Sie hat die Globalisierung vor der Haustür. Denn auf der Suche nach Arbeit in der boomenden Industrie der Maquiladoras, den kleinen Firmen, die für den großen Nachbarn USA produzieren, strömen viele junge Mexikanerinnen aus dem armen Süden in die Region an der Grenze zu den USA. Dort, in der Stadt Juárez, konzentriert sich das Geschäft – und die Frauen haben sogar bescheidenen, finanziellen Erfolg.
Ciudad Juárez liegt aber auch im Zentrum des Krieges der mexikanischen Drogenkartelle. Über 6.000 Menschen fallen ihm jährlich zum Opfer. Auf Druck der Verbrecher tritt auch schon mal der örtliche Polizeichef zurück – eine unhaltbare Situation.
Und noch eine andere Geschichte ist besonders an Juárez. Eine, die einer engagierten jungen Dokumentarfilmerin, die um die Ecke wohnt, keine Ruhe lassen kann: die auffällig hohe Anzahl getöteter junger Frauen. Frauen wie Alejandra Sánchez eine ist: jung, schön, voller Energie und zukunftsfroh. 1993 begann diese Serie, und sie reißt bis heute nicht ab: In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind schon 40 Frauen getötet worden.
Nach Angaben von Amnesty International wurden bis zum Februar 2005 mehr als 370 ermordete Frauen gefunden, viele vergewaltigt und entstellt. Über 400 weitere gelten als vermisst. "Eine Schande für das Land", sagt der mexikanische Menschenrechtsbeauftragte José Luis Soberanes.
Experten wie die Journalistin Diana Washington aus El Paso vermuten, dass es sich um eine Serie von Gewaltorgien handelt, in die örtliche Autoritäten verwickelt sind. Die Taten schiebt man Unbeteiligten in die Schuhe. Beweise verschwinden, Leichen werden nicht aufbewahrt, Zeugen werden interniert. "Ich fühlte mich als Filmstudentin verantwortlich", sagt Alejandra Sánchez, die alles schnell, direkt und genau auf den Punkt bringt: "Ich komme aus dieser Gegend, und hier werden ständig Mädchen meines Alters auf den Müll geworfen." Es soll bekannt werden, was in Mexiko passiert. "Man schämt sich", sagt sie.
Um der Ohnmacht ein Gesicht zu geben, klemmte sich Sánchez hinter die Kamera. Sie führte Interviews mit betroffenen Familien, deren Symbol das rosa Kreuz ist. Und viele rosa Kreuze stehen in Ciudad Juárez. Die offiziellen Stellen spielen die Morde nicht nur herunter. Erstaunlich schnell werden mitunter Familienmitglieder der toten Mädchen als Tatverdächtige präsentiert. Eine doppelte Bedrohung: Nicht nur, dass jemand gestorben ist. Nun sitzt auch noch der Cousin in Haft.
Gemeinsam mit dem befreundeten Filmemacher und Regiedozenten José Antonio Cordero Chavez, 37, drehte Sánchez schließlich 2007 den Dokumentarfilm "Bajo Juárez". Namen, Adressen, Verantwortliche, Versäumnisse werden dort genannt. Auf wütende Proteste reagierte der damalige Präsident Vicente Fox, erfährt man. Er richtete ein Büro für Sonderermittlungen ein, das sein Nachfolger Felipe Calderón allerdings umgehend schloss.
Film wäre das richtige Medium für diese Dinge, da waren sich Sánchez und Cordero sicher. Was Sánchez recherchiert, bringt Cordero kompakt bis zupackend und jede Sekunde bei der Sache in die Form. Der Stil seiner Arbeit ist derselbe wie im Gespräch: Witzig, musikalisch, hemdsärmelig. Der Mann weiß, wie man Geschichten erzählen muss.
Direktheit und ihr kompositorisches Gespür – damit hat auch Sánchez schon des Öfteren bewiesen, dass Film auch das richtige Medium für sie ist. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universidad Autónoma Metropolitana arbeitete die heute 35-Jährige zunächst beim Fernsehen. Es folgten preisgekrönte Dokumentationen. Sie verfasste Drehbücher für Kurzfilme. "Ni una más" (Nicht eine mehr), ihre Dokumentation aus dem Jahr 2001, erhielt mehrere nationale Preise.
2003 schloss sie die Filmschule Centro Universitario de Estudios Cinematográficos ab und begann mit dem Master-Studiengang Regie an der Universität Chihuahua. 2004 erhielt sie das Stipendium des Talent-Campus der Berlinale. Ihre Vorbilder sind Todd Solondz und Michael Moore. Ihr nächstes Projekt: ein Film über Kindesmissbrauch in Mexiko.
José Cordero stammt aus dem Bundesstaat Toluca. Bis 1994 studierte er Filmwissenschaften. Er bekam das Exzellenzstipendium des französischen Außenministeriums. Kurz- und Dokumentarfilme entstanden. Auszeichnungen und Preise kennzeichneten auch seine Werke. Zurzeit arbeitet er als Koordinator der Werkstatt für neue Technologien für Szenische Künste am nationalen Kunstzentrum. Sein nächstes Projekt: der erste Film über taube Menschen in Mexiko.
Es sei nie einfach, in Mexiko zu filmen – egal was, sagt Cordero. "Das Hauptproblem: Man kriegt sein Geld nicht wieder raus. Die Schauspieler kriegen am wenigsten." Sánchez fordert daher die Abschottung gegenüber Hollywood und eine gezielte Förderung der nationalen Filmindustrie.
"Bajo Juárez", das ist ein klassischer Festivalfilm: Er gewinnt viele Preise und ist selten im Kino zu sehen. Erst im März 2009 lief er in Berlin in Anwesenheit der Regisseure anlässlich der "Lateinamerikanischen Filmtage" der Heinrich-Böll-Stiftung. Um aber in Mexiko offiziell ins Kino zu kommen, hat es Jahre gebraucht. Cordero meint lakonisch: "Hier verschwinden nicht nur Beweise, sondern auch Filme." Als es dann soweit war, waren die Kritiken gut. Er lief auch in Juárez. Doch wollte sich dort niemand den Spiegel vorhalten lassen. Tenor: "Was macht ihr mit unserer Stadt?" Mexiko, das sei ein Land wie ein Nilpferd, sagt Cordero: "Kaum zu bewegen."
Filme wie der von Sánchez und Cordero bringen internationale Aufmerksamkeit und internationalen Druck. "Bajo Juárez" ist nicht der erste Film über diese Verhältnisse. Auch Hollywood hat das Thema verfilmt: Jennifer Lopez spielte in "Bordertown" eine Ermittlerin, die den Morden nachgeht. "Ein kurzer Hype", meint Cordero. "Spielfilme klagen nicht an", sagt er. Dafür seien Dokumentationen besser geeignet. Schlimmer als dies aber ist: Es wird wahrscheinlich nicht die letzte gewesen sein.
Von Jürgen Kiontke.
Der Autor ist Filmkritiker und lebt in Berlin.