Amnesty Journal 05. Februar 2018

Zensur statt Zäsur

Ausschnitte aus dem Comic "Your Mind is in Prison"

Wer seine Meinung sagt, verliert seinen Job: Comic zum Amnesty-Bericht "Your Mind is in Prison"

Vor der Parlamentswahl im Februar setzt das Regime in Kuba auf Repression. Die Hoffnung auf Öffnung ist trotz des nahenden Abgangs von Raúl Castro verflogen.

Von Nicolas Ardila, Havanna

Besuche am frühen Nachmittag ist Luis Trápaga nicht gewohnt. "Unsere Galerie ist mehr so ein Untergrund-Ding", erklärt der Maler und Comiczeichner aus Havanna. "Wir laden Freunde und Bekannte ein, stellen Bilder von Künstlern aus, die es sonst nicht zu sehen gibt, und zeigen auch mal einen kontroversen Film", erklärt der Mittfünfziger. "Aber eben abends."

Drei, vier Jahre ging das gut, und Trápaga und seine Frau Lía Villares hatten Spaß bei den Vernissagen. "Die Künstler, die wir ausstellen, haben in den öffentlichen Galerien kaum eine Chance. Also suchen sie nach alternativen Orten – und davon gibt es derzeit eine ganze Reihe", sagt der Mann mit dem graumelierten Haar. "El Círculo", der Kreis, haben sie ihre Heimgalerie genannt – und einfach die eigene Wohnung mit den vier Zimmern und dem langen Flur umfunktioniert. Da hängen jetzt Bilder von Trápaga selbst, von anderen Künstlern und ein Plakat des "Cuban Arts Festival" in Aachen von 1998.

Nach dem Besuch von US-Präsident Barack Obama im März 2016 hatten viele Kubaner auf eine ökonomische Öffnung gehofft. Doch inzwischen ist die Euphorie in Havanna und anderswo verflogen. Das Regime agiert repressiver, die Spielräume auf der Insel sind kleiner geworden. Das hat mit dem anstehenden Personalwechsel in der politischen Führung zu tun, der im Februar bei den Wahlen zum Parlament, der Asamblea Nacional del Poder Popular, vollzogen werden soll: Präsident Raúl Castro, der nach der Erkrankung seines Bruders Fidel 2006 Staatsoberhaupt wurde und 2011 Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas, hat seinen Rückzug angekündigt. Dies bedeutet das Ende einer Ära – 15 Monate nach dem Tod von Fidel Castro im November 2016.

Von der härteren Gangart sind insbesondere Freigeister wie Luis Trápaga betroffen. Seine aus Millionen Strichen, Zahlen oder Buchstaben zusammengesetzten Zeichnungen haben ihn bekannt gemacht. Trápaga hat lange am kubanischen Filminstitut als Illustrator und in der Animation gearbeitet, bevor er sich entschied, unabhängig zu malen und zu illustrieren: "Ich fühle mich freier, wenn ich für mich arbeite und ausstelle, was mir gefällt. Wir haben Platz in der Wohnung, warum sollen wir ihn nicht nutzen?" Von offizieller Seite wird das nicht gern gesehen. Der Handel mit Kunst ist in Kuba unerwünscht. Doch darum ging es im "El Círculo" ohnehin nicht. Dort wird Kunst ausgestellt, die keine Chance hat, in den wenigen staatlichen Galerien gezeigt zu werden. "Weil sie zu experimentell, zu politisch oder zu schräg ist", sagt Trápaga.

Die private Galerie wurde von der Polizei zunächst nur argwöhnisch beobachtet, ein oder zweimal wurden Trápaga und seine Frau auch auf die Wache gebeten und befragt, was sie machen und warum. Doch als sie im März 2017 die Flyer für eine Vernissage verteilten, bei der der Film "Nadie" (Niemand) des kubanischen Regisseurs Miguel Coyula gezeigt werden sollte, wurden die Probleme virulent. "›Nadie‹ ist ein Film über einen kubanischen Dichter, der einst ein begeisterter Anhänger der Revolution war und dann aus dem nationalen Schriftsteller- und Künstlerverband UNEAC ausgetreten ist, ein Novum in Kuba", erzählt Trápaga.

Zur Vernissage erschienen dann mehrere Dutzend Polizisten in Zivil. "Sie haben den Hauseingang umstellt und einfach niemanden reingelassen", erinnert er sich. Selbst Regisseur Coyula, der eigentlich eine Rede halten wollte, musste draußen bleiben. "Wir leben in einer recht dunklen Zeit der Zensur", sagt der Filmemacher. Er erklärt den Vorfall damit, dass sich sein Film auch kritisch mit Fidel Castro beschäftigt. Dies sorge dafür, dass "Nadie" in Kuba in ein schwarzes Loch falle.

Auch der Dokumentarfilmer Michel Matos stellt eine Kursänderung fest: "Seit dem Besuch Obamas setzt die Regierung auf mehr Kontrolle, die Leute werden regelrecht ausgebremst. Zum Beispiel mit der Verfügung, keine weiteren Lizenzen für eine selbstständige Tätigkeit auszugeben. Das sorgt für Unsicherheit", sagt Matos. "Die Kubaner wissen schlicht nicht mehr, woran sie sind", kritisiert der Filmemacher, der gemeinsam mit Gleichgesinnten die kleine Produktionsfirma Matraka aufgebaut hat. Sie haben einen Dokumentarfilm über Kubaner gedreht, die von und auf der Müllkippe von Havanna leben, und einen über den ersten Gipfel der Organisation Amerikanischer Staaten, an dem Kuba teilnahm. Dafür reiste Matos 2015 nach Panama und wurde Zeuge, wie die offizielle kubanische Delegation auf die Vertreter der Opposition losging und handgreiflich wurde.

Anders als früher ist es heute kaum mehr möglich, für kritische Filme wie diesen von ausländischen Botschaften eine finanzielle Unterstützung zu bekommen. "Die kooperieren mittlerweile vermehrt mit offiziellen Kulturinstituten und winken nur ab", schildert Matos seine Erfahrungen mit der holländischen Botschaft, die frühere Matraka-Produktionen gefördert hat. "Das ist die Kehrseite der verbesserten Beziehungen zu den USA und Europa", erklärt Matos.

Der studierte Philosoph hat in den vergangenen Jahren sowohl einen rasanten gesellschaftlichen Wandel als auch eine ökonomische Öffnung mit angezogener Handbremse beobachtet. Gemeinsam mit anderen hat er bereits vor fast 20 Jahren das erste unabhängige kubanische Open-Air-Festival für elektronische Musik auf die Beine gestellt. "Rotilla" hatte zum Schluss 20.000 Besucher – und steht bis heute für elektronische Vibes und kritische Texte. "Letzteres war der zentrale Grund, weshalb das Festival 2011 vom Staat gekidnappt wurde und nun als ›#Verano en Jibacoa‹ alljährlich vom Kulturministerium organisiert wird", sagt Matos. Er ärgert sich, dass die Spielräume für ­alternative Kulturprojekte immer kleiner werden, die Schere im Kopf immer größer. "Jeder Kubaner trägt sie mit sich herum, und selbst Bilder wie jene, die bei Luis Trápaga oder bei mir zu Hause hängen, sind ein Risiko." Matos erzählt von einer aus Nägeln bestehenden Silhouette der Insel – das Bild eines Freundes, der es in seiner Galerie nicht hängen lassen kann.

Auch die Bilder und Graffiti des Performancekünstlers El Sexto, der wegen Verunglimpfung der Castro-Brüder im Gefängnis landete, sind auf Kuba ein Tabu. Für die Freilassung El Sextos hat sich auch Elizardo Sánchez von der Menschenrechtsorganisation Kubanische Kommission für Menschenrechte und nationale Versöhnung (CCDHRN) engagiert. Der 74-Jährige saß neun Jahre in Haft, seine Organisation wird jedoch inzwischen geduldet. Er hat dennoch wenig Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Das macht er auch an den Kommunalwahlen fest, die im Oktober stattfanden. "Die paar unabhängigen Kandidaten ­wurden auf den Versammlungen niedergebrüllt. Sie kamen oft kaum dazu, etwas zu sagen. Einige wurden auch festgenommen, um gar nicht erst auftreten zu können", sagt Sánchez.

Im Oktober hatte die Polizei einiges zu tun, um unlieb­samen Kandidaten für den Poder Popular, die Kommunalparlamente, die Teilnahme zu erschweren. "Der Wahl­mechanismus ist so ausgeklügelt, dass sich das politische Einparteiensystem immer wieder neu reproduziert – wo ­keine alternativen Kandidaten sind, können sie auch nicht gewählt werden", sagt Sánchez.

Kurzzeitige Festnahmen, die manchmal nur ein paar Stunden und selten mehr als zwei Tage dauern, sind seit 2006, als Raúl Castro Staatschef wurde, das wichtigste Mittel der Einschüchterung. Allein im Oktober 2017 gab es laut Menschenrechtskommission mindestens 578 vorübergehende Festsetzungen, mehr als doppelt so viele wie im Vormonat, als Hurrikan "Irma" die Insel verwüstete. Da die Aufräumarbeiten nur langsam vorankamen, kam es zu spontanen Demonstrationen, so zum Beispiel in Havannas Stadtteil Diez de Octubre, wo Hunderte Menschen Strom und Wasser forderten. Ähnliche Proteste gab es an mehreren Orten, erzählt Elizardo Sánchez. "Die Regierung hat die Versorgung dann schnell wiederhergestellt, um keine Unruhe aufkommen zu lassen." Dass sie damit erfolgreich war, ist für Sánchez keine Überraschung: "Wenn etwas in Kuba funktioniert, sind es der Katastrophenschutz und die politische ­Polizei."

In dieses Bild passt, dass auch der Druck auf unabhängige Medien zugenommen hat. Vergangenen Sommer kursierte ein Video, in dem der designierte Nachfolger von Staatschef Raúl Castro, Miguel Díaz-Canel, ankündigte, dass das Magazin ONCuba aus Miami seine Akkreditierung in Havanna verlieren werde. Dies ist zwar bislang noch nicht eingetreten, doch gab es vorübergehende Festnahmen von Journalisten, die für das unabhängige Stadtteilportal Periodismo de Barrio arbeiten, und Entlassungen von Journalisten, die für Staatsmedien arbeiten, aber auch an Kursen im Ausland teilnahmen oder parallel für alternative Medien wie Periodismo de Barrio, El Toque oder El Estornudo schrieben. Was zuvor geduldet wurde, ist nun unmöglich geworden. 

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