Amnesty Journal 06. Oktober 2026

Wie es ist, in Deutschland arm aufzuwachsen

Eine Kiste ist gefüllt mit gebrauchten Kinderspielsachen, zum Beispiel zwei nackten Barbies.

Ungleich verteilt: Spendenkiste mit Spielzeug im SOS-Kinderdorf (München, 2023)

In diesem Bücherherbst beschäftigen sich viele kluge Kinder- und Jugendbücher mit Kinderarmut in Deutschland. Fünf Empfehlungen zur Frankfurter Buchmesse.

Von Marlene Zöhrer

Etwa eine Million Minderjährige wachsen in Deutschland in Armut auf. Weitere 2,2 Millionen Kinder sind von Armut bedroht. Kinderarmut bedeutet nicht nur materielle Entbehrungen, sondern auch soziale Ausgrenzung, Benachteiligung bei Bildung, Wohnen, Freizeit und Gesundheit. Und allzu oft werden die betroffenen Kinder und Jugendlichen übersehen. Wie sich das anfühlt und was es für die Heranwachsenden bedeutet, in von Mangel geprägten, prekären Verhältnissen aufzuwachsen, davon erzählen immer häufiger auch kinder- und jugendliterarische Texte, die versuchen, ein differenziertes und realistisches Bild zu zeichnen und dabei auf ausgrenzende oder romantisierende Darstellungen zu verzichten. 

Gerda Raidt: Klassenbuch – Wer gewinnt im Spiel des Lebens?

Große Aufmerksamkeit zog in diesem Jahr beispielsweise Gerda Raidts Sachbilderbuch Klassenbuch – Wer gewinnt im Spiel des Lebens? auf sich, das mittlerweile in dritter Auflage erscheint. Die Leipziger Autorin und Illustratorin widmet sich darin Fragen der sozialen (Un-)Gerechtigkeit und den feinen Unterschieden, die das Leben entscheidend prägen und über Wohlstand, Bildung und Gesundheit entscheiden. "Das ist ein Buch vom wirklichen Leben. Was hier steht, ist erforscht. Nichts ist ausgedacht. Es stimmt. Es ist bewiesen. Und trotzdem wird nicht gern darüber gesprochen. Eigentlich soll es ja gerecht zugehen, fair. Da sagt man, alle sind wunderbar, so wie sie sind. Wertvoll und gleichberechtigt. Alles wird gerecht geteilt. Nicht vordrängeln, jeder kommt mal dran. Aber dann scheint’s so, als würden doch nicht alle gleich behandelt. Man hat den Eindruck, manche haben’s leichter, werden bevorzugt, kriegen im Leben immer etwas mehr." In knappen Texten und ausdrucksstarken Bildern macht Raidt Klassismus an eingängigen Beispielen sichtbar und verständlich. Sie zeigt Privilegien, deckt Vorurteile auf, benennt Probleme und Teufelskreise und fordert immer wieder zum Mit- und Weiterdenken auf. Was ist gerecht? Wie steht es um die Gleichberechtigung? "Sind diese Leute selbst schuld an ihren Schwierigkeiten? Oder haben sie Schwierigkeiten, weil sie arm sind?" Was kann man selbst tun, um das "Spiel des Lebens" gerechter zu machen? Raidts Klassenbuch richtet sich an Lesende ab acht Jahren und kann auch Erwachsenen die Augen öffnen: Die Lektüre lohnt unabhängig vom eigenen Alter! 

Kobai Halstenberg: Wie Treibholz auf Asphalt

Auch das Sachbuch Wie Treibholz auf Asphalt von Kobai Halstenberg, mit Illustrationen von Vanessa Mundle, ist für Erwachsene ebenso lesenswert wie für Jugendliche. Darin kommen 14 junge Menschen zu Wort, die auf der Straße leben oder gelebt haben. Schonungslos offen berichten sie über ihre Obdachlosigkeit: Sie schildern Ursachen (Gewalt in der Familie, Suchtproblematiken, Vernachlässigungen, Unzulänglichkeiten beim Jugendschutz), erzählen vom Alltag auf der Straße, der einerseits von Brutalität und Mangel und andererseits von Zusammenhalt geprägt ist und auch als Freiheit verstanden wird. Halstenberg gibt in Wie Treibholz auf Asphalt jungen Menschen, die an den Rand der Gesellschaft und aus dem Blickfeld gedrängt, abgeschrieben und abgestempelt werden, eine eigene Stimme und macht sie und ihre Geschichten sichtbar, ohne zu werten. 

Tom Percival: Der Junge in den falschen Schuhen

Nicht nur Sachbücher nehmen sich der Frage an, wie ein Aufwachsen in Armut aussieht. Stellvertretend für die wachsende Zahl an Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern zeigen etwa Will Gmehlings Jugendroman Stuxx, Daniela Dröschers Mädchen allein zu zweit oder Tom Percivals illustrierter Kinderroman Der Junge in den falschen Schuhen (in der Übersetzung von Martina Tichy), wie sich die finanziellen Nöte der alleinerziehenden Elternteile auf die heranwachsenden Protagonist:innen auswirken. Percivals Ich-Erzähler Will lebt nach der Trennung der Eltern bei seinem arbeitslosen Vater und fühlt sich "falsch" – das beginnt bei den uncoolen Schuhen und reicht bis hin zu Mobbingerfahrungen. Auch, dass ihm sein bester Freund, der aus wohlhabenden Verhältnissen stammt, seine gebrauchten Schuhe schenken möchte, fühlt sich nicht richtig an. Die gut gemeinte Geste verletzt Will und er wendet sich von Cameron ab, der nicht nur sein bester, sondern auch sein einziger Freund war. In seiner Isolation und vor dem Hintergrund der ständigen Geldsorgen droht Will an die falschen Freunde und auf die schiefe Bahn zu geraten. Der Kinderroman wendet sich jedoch dank einiger sehr richtigen Entscheidungen von Will zum Positiven. Percivals dynamische Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die in Panels arrangiert sind, verdichten Wills Erlebnisse, die trotz der Schwere des Themas mit wohltuend leichtem Humor geschildert werden, eindrucksvoll.

Will Gmehling: Stuxx

Auch Gmehling lässt seinen Protagonisten Stuxx und dessen kleine Schwester bei ihrem alleinerziehenden Vater zwischen liebevoller Zugewandtheit und ständigen Geldsorgen aufwachsen. Dabei hat der Jugendliche so viele Wünsche, Träume und Pläne für sein, wie er findet, ziemlich mittelmäßiges Leben. Vor allem möchte er seine große Liebe Luzie Karsunke für sich gewinnen.   

Daniela Dröscher: Mädchen allein zu zweit

In Mädchen allein zu zweit verhandelt Dröscher Klassismus sowohl abstrakt als auch lebensnah: Ich-Erzählerin Issa und ihre beste Freundin Grace (die in ihrem selbst geschriebenen "Handbuch" ein "Alphabet des Geldes" ausformuliert) leben bei ihren alleinerziehenden Müttern. Geld, vor allem der Geldmangel in ihren Familien, ist ein Dauerthema. Dass die beiden besten Freundinnen als Externe auf ein Internatsgymnasium mit lauter "rich kids" gehen, macht den eigenen Mangel um so deutlicher. "Wie immer war es, als stünde ein urwaldgroßer Elefant im Raum. Es gab Kinder aus reichen Familien und Kinder, die aus unsicheren Familien kamen, wie wir. Dazwischen gab es kaum etwas, doch im Unterricht redete niemand offen darüber, dass dieses Gefälle, das wir abstrakt diskutierten, mitten unter uns war." Als sich die Geldprobleme in Issas Familie bedrohlich zuspitzen und Grace dringend Geld für eine Brustverkleinerung benötigt, die die Krankenkasse trotz Schmerzen und psychischer Belastung nicht übernimmt, beschließen die beiden Mädchen die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu Geld zu kommen. Dröscher erzählt wohltuend widerspenstig, bürstet so manches Klischee gegen den Kamm und bleibt doch im Erzählton optimistisch. 

Marlene Zöhrer ist Hochschulprofessorin für Kinder- und Jugendliteratur. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Gerda Raidt: Klassenbuch - Wer gewinnt im Spiel des Lebens? Leipzig: Klett Kinderbuch 2026. 80 Seiten, 22 Euro. Ab 8 Jahren.

Kobai Halstenberg / Vanessa Mundle (Illus.): Wie Treibholz auf Asphalt – Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Straße. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer 2026. 304 Seiten, 13,90 Euro. Ab 14 Jahren.

Tom Percival / Martina Tichy (Übers.): Der Junge in den falschen Schuhen. Frankfurt am Main: rotfuchs 2025. 336 Seiten, 14,90 Euro. Ab 10 Jahren (erscheint im Januar 2027 als Taschenbuch).

Will Gmehling: Stuxx. Wuppertal: Peter Hammer 2026. 288 Seiten, 17 Euro. Ab 12 Jahren.

Daniela Dröscher: Mädchen allein zu zweit. Weinheim: Beltz & Gelberg 2026. 192 Seiten, 18 Euro. Ab 12 Jahren.

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